HörArt!

Leseprobe zu meinem Reisebericht nach Indien





Die sechseinhalb Stunden in Abu Dhabi mögen gar nicht vergehen…

…Später lande ich wieder in einem der wenigen Restaurants, setze mich nieder und studiere die Karte. Ich bestelle mir etwas. Mein Blick schweift herum und ich fasse es nicht. Ein Plakat gibt mir das Gefühl, ich sei noch gar nicht los geflogen. ‚Let‘s go Wies‘n!‘ und Löwenbräu gibt‘s auch. Träum ich, oder bin ich noch in München? Oder hob‘n de do in Abu Dabi a a Wies‘n?



Die Hitze ist wieder unglaublich. Da sehe ich im Aussenbereich des Flughafens auch schon das Blechhäuschen, das man mir im Reisebüro empfohlen hatte. Die Mitarbeiterin war selber erst vor kurzer Zeit hier. Es ist der sogenannte ‚Prepaid Taxistand‘. Eine sehr gute und entspannte Art irgendwohin zu kommen…

…Ich zahle 400 Rupien, was circa 5 Euro entspricht. Draußen ‚stürmt mich‘ dann eine kleine Horde Taxifahrer, lächelnd, kopfwackelnd und irgendwie versuchend, meinen Koffer und damit auch mich zu ergattern. Einer gewinnt,- irgendeiner! Er ist so freundlich, dass ich am liebsten gleich wieder aussteigen möchte, lässt seinem anscheinenden Unmut mir gegenüber freien Lauf und eine relativ lange Fahrt beginnt. Er braucht, nachdem ich ihm den Namen meines Hotels sage, erst einmal den Beleg. Ich gebe ihn ihm. Nicht sehr gerne, da er ihn ja doch erst am Ende der Fahrt bekommen sollte. Er inspiziert ihn. Mir ist mal gar nicht so wohl. Mürrisch fordert er den zweiten. Ich versuche ihm klar zu machen, dass er ihn erst am Ende der Fahrt bekommen wird, allerdings weiß ich zu der Zeit nicht einmal, ob ich ihm den richtigen Beleg, sozusagen seinen, oder meinen gegeben habe. Letztendlich bleibt mir nichts anderes, als ihm den zweiten auszuhändigen. Innerlich sehe ich mich schon mit diesem Grandscherben irgendwo in einem verlassenen Winkel Delhis landen, über ein scheinbar nicht mehr vorhandenes Hotel diskutieren... - und dann?- weiß der Himmel!



An der Rezeption werde ich freundlich begrüßt, aber leider nicht erwartet. „Nein, Sie haben nicht bei uns reserviert!“ Das Buch, in das alles eingetragen wird, weist das typisch indische Format auf. Es ist riesig. Und es gibt noch andere Bücher in anderer Größe. Ich bin zu müde und verschwitzt um mich aufzuregen, wirke indisch, bin es aber nicht, genieße einfach die Kühle der Klimaanlage. Was wäre, wenn ich tatsächlich nicht einchecken könnte? Was erwartet mich dann? Wo und wie komme ich irgendwo unter? Diese Gedanken sind nur matt hinter einem durch Hitze vernebelten Bewusstsein zu erahnen. Die Klimaanlage ist im Moment deutlich mehr wert, als ein Bett. Er blättert emsig weiter in seinen großen Büchern und Zetteln; einmal hin und einmal her und noch einmal vor und zurück. Dann die Erkenntnis: „Ah! - da haben wir Sie ja doch!“ Alles ist gut...



Ziemlich deutliche und in einer stark gestreuten Regelmäßigkeit auftretende Flecken in unterschiedlicher Schattierung, Intensität und Größe auf der Bettdecke, am Polster und dem Laken, über deren Herkunft ich mir keine Gedanken mache, nur versuche die, die doch in meinem Kopf herumschwirren, aus demselben zu entfernen. Ich nehme alles so wie‘s ist, lass mich für ein paar Minuten seitlich auf mein nicht unbenutzt wirkendes Bett fallen um zu entspannen und begebe mich das erste Mal auf die Straße.



Ein Angestellter kommt und fragt, was ich bestellen möchte. Ich wähle ein Bier. Ich sitze weiter und fühle, wie ich meine ersten haarfeinen Fühler ausstrecke und Indien ertaste. Ich bin so dankbar, dass ich gerade hier oben sein und das erleben darf. Ich sauge jedes Detail auf, fühle es körperlich und es prägt mich, nimmt Einfluss auf mein Leben.

    Indem ich so dasitze, die lustig säuselnde indische Musik bemerke und alles so neue beobachte, Menschen grüße, mit ihnen plaudere, ein Foto von ihnen, oder von sonst etwas mache (unter anderem von Fahrzeugen mit Pferden davor, die bei uns perfekt in einen Faschingsumzug passen würden) und auch wieder ganz für mich bin, vergeht die Zeit. 10 Minuten! ‚Naja, wird ja dann mal bald kommen, - - das Bier.‘ 15 Minuten! ‚Meine Kehle bekommt ein Gefühl von Dürre.‘ 20 und auch 25 Minuten...! Da kommt mein Erlöser, - oder doch nicht? Im vorbeigehen bemerkt er: „Ihr Bier kommt gleich, Sir!“ Zur Erklärung fügt er noch an, dass ein Kollege erst Bier kaufen gehen musste und nun sei es im Tiefkühlfach, aber gleich bringt er es. Ich schmunzle in mich hinein und nehme gleich vorweg, dass es an den folgenden Tagen nicht anders war. Als ich am nächsten Tag ein Bier bestellte, fragte er, ob ich eines oder zwei haben wolle. Ich antwortete: „Erst einmal eines!“



Ich sitze im trockenen und gemauerten Bereich. Naja, zu mindest so halb trocken. Auf der Terrasse springen die Tropfen beim Aufklatschen munter in die Höhe und am Boden bildet sich langsam ein See. Doch dieser hat so überhaupt keine Lust da draußen zu bleiben, - so schlängelt er sich irgendwo durch die Wand ins Innere des überdachten Teils und wenn er es könnte, würde er scheinheilig in die Höhe schauen und pfeifen. Überall sehe ich neue feuchte Überraschungen, die sich langsam zusammen finden. Auch tropft es an einigen Stellen munter durch das Dach. Angestellte bringen unentwegt irgendwelche Auffangbehälter und wischen den Boden, stören damit das freudige Zusammentreffen der einzelnen Bäche.



Gruß in die Heimat: “Ihr Lieben! Was für ein Wahnsinn!!!! Es hat fast 40 Grad, ich habe 13 Stunden in meinem mit ‚indischem Flair’ behaftetem Zimmer verbracht (schlafend!) und nun sitze ich am Dach meines Hotels und bekomme gleich Chaitee und Chapati mit Kartoffel und Karfiol, indische Musik aus den Boxen. Draußen auf der Straße hupen sie sich die Seele aus dem Leib und weiße Rinder mit einem Buckel ziehen hölzerne Karren hinter sich her. Dreck und freundlich lächelnde Männer, die einen alle Naselang anquatschen. Sind aber meist schnell abgewimmelt! Nach dem Essen geht‘s dann zur ersten Geldbeschaffung!...”

    Mutter antwortet: „...Vater singt wieder, seitdem er weiß, dass es Dir gut geht!...”



Wir sind da. Es ist der Akshardham Tempel. Es ist noch nicht dunkel, aber es wird nicht mehr allzu lange dauern, die Dämmerung umhüllt uns bereits.

    Ich suche den Eingang und stelle mich in der recht langen Schlange an. Freundlich und auch lächelnd und ein wenig kopfwackelnd macht man mich darauf aufmerksam, dass ich in der falschen Reihe stehe,... „die Männer stehen dort drüben!“... aber eigentlich find ich‘s hier... Schade!…

…Es gibt Momente im Leben, die unerwartet einfach da sind und überwältigend sind. Jedes Wort drückt bei weitem nicht das aus, was mir hier widerfuhr; einfach im wahrsten Sinn des Wortes: unaussprechlich! Es bleibt der besondere Moment. Ein Moment so ganz und jetzt und hier und für alle Ewigkeit eingebrannt in meine Seele.



Auf der anderen Seite komme ich wieder heraus und da stehen sie alle in Reih und Glied aufgefädelt, jeder einen Zettel oder ein Schild in der Hand. Die besseren Hotels bessere Schilder, die schlechteren schlechtere Zettel. Ich ziehe einmal an ihnen allen vorüber, meinen Koffer hinter mir her, den Rucksack am Rücken. Jeder lächelt mir entgegen, erwartend, dass ich ihr Kunde sei. Dann bin ich durch. Wahrscheinlich habe ich meinen Fahrer übersehen. Also noch einmal. Wieder lächeln. Ein wenig Kopfwackeln. Wieder nichts. Aber sie hatten doch versprochen, mich hier abzuholen. Ich lege eine kurze Kontrollpause ein; wirkt sonst komisch. Dann starte ich aus etwas weiterer Entfernung ein drittes Mal, schiele erneut so unauffällig wie es nur möglich ist auf ihre Schildchen, so als würde ich nur aus Spaß und Dollerei und aus Versehen schon wieder hier auftauchen. Nichts! Plötzlich steht, wie vom Himmel herab gefallen ein sehr junger Mann neben mir und hält mir einen Zettel unter die Nase auf dem geschrieben steht: ‚Welcome Mr. Askold zur Eck!‘ Ich sehe ihn an und sage: „Yes!“



Völlig durchgerüttelt, verschwitzt und ein wenig müde vom frühen Aufstehen, steige ich aus. Meinen Koffer übergebe ich diesmal gerne dem jungen Mann. Äusserst dankbar folge ich dem Fahrer, dem ‚Träger’ und meinem Koffer. Und schon geht’s von einer Gasse in ein enges Gässchen, durch ein kleines metallenes Gittertor, das ich hinter mir schließe und weiter steile Treppen mit extrem hohen Stufen hinan. Ich sehe kaum etwas, ob des Riesenangebotes an Sinneseindrücken; nur die gewissen Hinterlassenschaften am Boden von-was-weiß-ich-wem, einige sicher von Hunden, umschiffe ich geschickt... Die letzten Riesenstufen hinauf und ein kleines Innenhöfchen in blau begrüßt mich. Überall Blumen und allerlei anheimelnde Details. Wie ein Paradies. Links eine kleine Rampe, über Stufen zu erreichen, dahinter ein kleines offenes Zimmerchen. Irgendwie dringt von irgendwoher irgendetwas ähnliches wie „Askold!” an mein Ohr und schon steht der junge dunkelbärtige rajasthanische Besitzer vor mir. Punit. „Very Welcome! Please come in!” Ich setze mich, bekomme eine Flasche eiskaltes Wasser, freue mich darüber und genieße es. Wir sprechen ein wenig. Dann zeigt er mir sein Reich, das seit kurzer Zeit mit dem von ihm früher geführten Castle View kooperiert. Sie sind verwandt. Er ist sichtlich stolz; zeigt mir ein paar Räumlichkeiten. Dann die Stiegen hinauf, wieder steil, wieder hoch. Oben eine Terrasse. Der Ausblick ist umwerfend. Die Hitze auch. Weitere Ausblicke von anderen Terrassen. Was für eine Welt. Wir setzen uns wieder. Ein in traditioneller Temperatur gereichter Chai wird mir offeriert; Vorsicht sehr heiß. Alles geht extrem entspannt und ruhig von statten. Die Gelassenheit dieses jungen Mannes trifft hart auf meine momentane Stimmung. Europa lässt immer wieder einmal in mir innerlich grüßen. Zu gerne würde ich jetzt mein Zimmer beziehen, mich frisch machen und dann beginnen hier anzukommen. Stattdessen sitze ich hier und trinke heißen Tee und plaudere mit Punit. Geht also grad irgendwie nicht. Aber eigentlich bin ich doch schon hier und brauche gar nicht anzukommen. Langsam legt sich meine innere Hetze und ich gebe mich diesem indischen Lebensgefühl hin. Bis zum Abend sollte ich noch ein echter Inder werden, zu mindest was dieses Gefühl angeht. Und das war dann der eigentliche Beginn meines Urlaubes.



Überall sind Menschen. Um die Bühne herum tanzen sie. Um die Tanzenden stehen dicht gedrängt wir, die Zuschauer. Ab und zu quetscht sich auch mühsam ein Moped durch die Menge. Wir Zuschauer schwitzen leise aber gar nicht mal so wenig, die Tänzer in gesteigerter Form. Zu etwas späterer Stunde darf ich das dann auch leibhaftig und recht eindrucksvoll in Erfahrung bringen, als mir Punit einen der Turbane eines Tänzers auf mein kahles Haupt drückt. Das ist ziemlich feucht; es trieft. ‚Selbstlos‘ gebe ich nun schuldlos auch einen kleinen Beitrag.



Sumit und ich sitzen schon stundenlang dort beisammen. Am Abend treffen wir uns dort. Er spielt online Billard, schreibt irgendwem eine Kurznachricht, erhält die Antwort darauf, zeigt mir ein Video... Ich sitze daneben und tue nichts. Es ist einfach ein ‚Sein‘. Ich ‚bin‘ und nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Es ist unbeschreiblich, wahrlich nicht zu beschreiben, dass diese Momente so erfüllend sind. Wenn ich mir diese Stimmung dort oben auf der Terrasse wieder vergegenwärtige, könnte ich geneigt sein, sie mit ‚todlangweilig‘ zu betiteln. Eigenartigerweise ist dem nicht so, absolut nicht. Irgendetwas ist da. Irgendetwas berührt mich an diesem Ort. Tief und innig. Manchmal nennen manche Menschen es ‚runterkommen‘. Aber das passt noch nicht ganz. Es ist viel differenzierter und komplexer. Was ich da auch in den zehn folgenden Tagen fühle und als Geschenk bekomme. Es ist für mich bis heute nicht fassbar. Unfassbar!
    Weit nach Mitternacht sitzen wir draussen auf der kleinen, neuen Terrasse, von der man bis hinunter in den Empfang sehen kann und geniessen die nachlassende Hitze, das laue Lüftchen, den prachtvollen Sternenhimmel, das dunkle und an einigen Stellen beschienene Fort. Spät ins Bett werde ich jetzt wohl öfter kommen. Das Festival geht immer bis in die Morgenstunden! Lustig!! Was für ein Abendteuer!!
    Plötzlich kommt Bewegung in die Runde. „Hast du Hunger?“, fragen sie mich. Und schon sitzen wir in kleiner Runde und nehmen mit dem hauchdünnen Chapatibrot leckere, teilweise scharfe Speisen auf. Dazu reißt man sich ein Stück davon ab, greift damit etwas und genießt. Mein Hunger wird eher größer bei diesen herrlichen Köstlichkeiten. Sie erzählen mir, dass ihre Mutter irgendwann am Nachmittag auftaucht und ihnen das Essen bringt. Der eine Angestellte macht das Chapati; Himmel auf Erden. Sie sagen mir auch, dass sie während dem Essen nicht sprechen. Ich kann das nur zu gut verstehen. Ruhe beim Essen, wunderbar. Eine geradezu heilige Stille, ein sich auf das Geschenk, oder die Gabe des Essens konzentrieren. Wir plaudern heute oft am Essenstisch, da man sich vielleicht nicht so oft am Tag sieht, aber diesen Moment wie ein ruhiges Gebet zu nehmen, hat eine besondere Qualität. Sumit fragt mich, wo ich so mit den Fingern essen gelernt habe. Achselzuckend meine ich: „Nirgends!“ Er antwortet: „Oh! Very fast you learn!“



An dieser Stelle dieses Buches möchte ich eine besondere Zäsur setzen. Aus meiner ganzen Seele! Warum gehört das Böse nur so sehr zu unserer Welt? Warum tun sich Menschen so sehr weh; physisch, aber auch im übertragenen Sinn… Immer wieder hatte ich vor meiner Reise davon gehört und jetzt bin ich dort, gehe direkt daran vorbei und sehe sie nicht! Letztendlich ist es mir auch gar nicht so wichtig, sie gesehen zu haben. Ich fühle nur etwas nicht Vorstellbares! Ich habe tatsächlich ob der immens vielen Eindrücke und sicherlich aussergewöhnlichen klimatischen Verhältnisse die rot gefärbten Handabdrücke einiger Frauen, direkt bei dem einen Tor, nur zufällig auf einem meiner Fotos von der Ferne und schlecht sichtbar aufgenommen und erst zu Hause dort entdeckt. Vielleicht birgt dieser Umstand, dass ich mich viel intensiver mit diesem Thema auseinandersetze. Während ich mich vorsichtig einlese, tastend zu verstehen versuche, ist meine Seele tief erschüttert. Verstehen gelingt nicht!



An einem relativ großen Eckladen werde ich immer wieder über mein Land, meine Arbeit und alle möglichen anderen Fragen des Lebens befragt. Schließlich lande ich hinter dem ‚Verkaufstisch‘ und die mittelalte lustige Tochter des Besitzers, interessiert sich ein wenig mehr für mich. Verheiratet? Kinder? Verliebt? Und immer zwischendurch mit blitzenden und leuchtenden Augen und allgemeinem Lachen, eine zweite interne Unterhaltung auf Indisch. Wurde da etwa gerade meine Hochzeit arrangiert? Dieser Laden liegt genau an dem Tuk-Tuk-Stand. Immer wenn ich von hier abfahre, oder von irgendwo zurück komme, winken sie mir lachend zu, so sie mich sehen.



Dann kommt eine Frau und reicht mir Wasser in einem -ich denke- Blechbecher. Die sind hier sehr gebräuchlich, überall. Ich nehme ihn, trinke einen Schluck, dann fällt mir das Thema ‚Leitungswasser!‘ - ein und ich gebe den Becher weiter. Das geht. Ich habe ihn nicht mit dem Mund berührt, das tut hier niemand. Zum Glück ist‘s mir eingefallen! Diese junge Frau stellt sich später als Mutter von erwachsenen Kindern heraus. Wie hat die das gemacht?? Die Musik geht in unvorstellbarer Lautstärke weiter. Treibende Klänge. Plötzlich wird es still. Die eine Sängerin verfällt in Trance. Eine ältere Frau kommt, berührt sie am Knie, legt die Hände vor der Brust aneinander und verneigt sich. Ebenso die blinde Mutter. Es scheint, als hätte sich die Göttin in ihr manifestiert. Sehr eindrücklich!! Die anderen passen auf sie auf, versuchen sie vorsichtig zurück zu holen. Langsam kommt sie wieder zu sich, bekommt Wasser... Das dauert lange an, sehr! Dann ist‘s vorbei. Ich bekomme Milch. In Zeitungspapier eingewickelt eine Banane und direkt daneben aus Milch Süßigkeiten. Lecker...



Es dauert nicht lange und alle Polizisten, Polizistinnen und der Polizeiinspektor stehen in vollem Aufgebot rund um mich herum und mein mir schon bekannter Polizist bittet mich, ob ich für sie ‚maultrommeln‘ würde. Klar…



Mutter schreibt mir, dass sie bezweifelt, ob ich jemals wieder heim kommen werde, bei so schönen Erlebnissen und dass sie Vater ständig schwärmen hört, wie sehr er sich für mich freut. Und weiter: ob ich mir (ich berichtete davon) schon eine solch schöne Inderin geschnappt hätte. „Du wirst ja nicht viel Zeit mit Schlafen vertun! Jedenfalls eine gute Nacht, wie immer du sie verbringen wirst!...”



Am 14. Oktober in morgendlicher Frühe erreicht wieder einmal eine ‚indische Mail’ die Lieben daheim: ‚...Dann sind wir gestern noch ein wenig hier beisammen gesessen, geplaudert... und ab ins Bett. Circa drei Stunden später hieß es aufstehen. Die Zeit: fünf Uhr! :) Dann mit dem Tuk Tuk zu dem Ort, an dem die erste Veranstaltung des Tages stattfindet. Eine terrassenartige Fläche, relativ groß, mit weißen Leintüchern bezogene Matratzen, die dort über den gesamten Platz ausgelegt sind und darauf ‚Kopfrollen’. Dort hat man sich hinhocken oder -legen können. Es ist ein bisschen kühl, dunkel, über uns der sternenklare Himmel, das Fort in der Nähe, Stille. Sie reichen kleine Pappbecher mit sehr heißem süßem Chaitee. Die sechs Musiker vorne auf einer niederen Bühne, nur als Silhouette sichtbar, mit ihren Instrumenten. In diese zauberhafte Stimmung fangen sie an zu spielen. Ich lasse lange und eindringlich den über mir stehenden Orion auf mich einwirken. Es ist so besonders! Dann dämmert langsam links die Sonne, erst nur ein zarter Schein, oder eine leichte Aufhellung, dann der rote Ball, erst diesig zartrot, dann heller und immer heller werdend, bis sie deutlich ihre Wärme abgibt. Und natürlich die Musik und Musiker!!- in weiß gekleidet, mit buntem Turban. Zwei Vina, drei Zymbelpaare, eine Trommel. Und Gesang! Und die Vögel, die dahinschweben oder -flitzen, Vogelschwärme (wunderschön in ihrer Beweglichkeit), zwei Schwalben sind sogar knapp über die Köpfe der Musiker gefetzt! :) Nachher habe ich sie gesprochen und noch eine sehr intensive Begegnung (besonders mit einem) gehabt, als sie schon im Auto saßen. Glück pur!!!!...‘



Die Zeit, die hier so voller Wert ist, wertvoll einfach, geleert und mit neuen Werten gefüllt, ist so anders. Für mich war die erste Erfahrung damit so befremdlich, die Situation in Delhi, wo ich 25 Minuten auf mein Bier wartete. Ich wusste zu dieser Zeit ja noch nicht, ob das nun ein ‚Hoppala’ dieses Kellners war, oder ob es eben normal ist. Es ist normal! Und wenn man sich nicht auf dieses Thema einlässt, fühlt man Indien, beziehungsweise erfasst man Indien genau so viel, wie wenn man Mathematiker werden möchte und statt zu studieren spazieren geht. Das wird ganz schwierig. Und Indien kann man nur mit einer gewissen Ruhe und Gelassenheit kennenlernen. Einmal sagte ich zu jemandem, noch in Indien weilend, dass ich, wenn ich wieder in Österreich zurück sei, dem Kellner sagen würde: „Bringen Sie mir doch bitte den Kaffee nicht so schnell, mir ist ja schon ganz schwindelig!”



„…Es war eine sehr gute Entscheidung hier her zu kommen!!!!…“



Sie deuten auf eine Bank. Selbst für mich relativ nieder. Alles ist verstaubt. Ständig sprechen sie indisch miteinander und irgendwie fühlt sich das nicht gut an. Sie zeigen mir dies und das; hab ich schon, brauch ich nicht, kann ich grad nicht so gut transportieren. Ich interessiere mich mehr für kleinere Instrumente. Khartaal, die vier Holzplättchen, die ich jetzt immer wieder einmal gehört habe. Ich frage nach dem Preis, der ist ok und so wähle ich. Dort sehe ich auch einige Bhapang stehen, das Instrument, das der Geschichtenerzähler auf dem Video spielt. Auch das ist meines. Doch ich frage nach, wo das Plektron ist. Ahh ja! Er holt eine Schachtel mit allerlei Zeug darinnen. Sie erinnert mich tatsächlich an unsere uralte verbeulte schwarze Keksdose, in der Schrauben, Nägel, Scharniere, Metallstäbe, Magnete, Holzplättchen und und und zu finden sind. Ich liebe dieselbe, weil - wenn man etwas sucht, dort findet man sehr oft das Passende. Er wühlt und wühlt und sucht und legt heraus, berät sich auf Indisch mit seinen Kollegen, Freunden, oder sonst was. Endlich hat er es gefunden. Nüchtern, ohne eine Regung im Gesicht, übergibt er mir mein Plektron. Es ist circa zehn Zentimeter lang, einen halben Zentimeter breit, dünn und an beiden Enden abgeflacht. Material: Bambus. Es muss wohl die letzten 2500 Jahre in dieser Schachtel verbracht haben und mit echt antikem, leider nicht zertifiziertem Dreck versehen worden sein. Eine Rarität der besonderen Art. Naja! Weiters fand ich noch ein Paar Cinellen; anders als die schon vorher gekauften…

Dann die Panne. …zu wenig Geld dabei. Sie wollen wissen wie viel ich habe. Ich sage es ihnen, winke aber sofort von meiner Seite ab, da es ganz schön viel weniger war. Ich werde zu ‚meinem‘ Bankomat fahren, Geld abheben und gleich wieder da sein. Eigentlich hätten sie gerne jetzt das Geld, denn wirklich sicher sind sie sich nicht, ob ich wiederkomme; so erscheint mir ihre Ausstrahlung gerade. Ihre Stimmung ist zwiegespalten, meine nicht. Klar komm ich wieder. Wir fahren zu ‚meinem’ Bankomat. Das verläuft mal reibungslos. Als ich zurück bin, ungläubige Augen. Aber: da bin ich! Ich gehe hinein. Kurzzeitig müssen ‚wir’ uns noch einmal ‚erinnern’, was welcher Preis für welches Instrument war und ist... Sie haben sie mir in ein durchsichtiges kleines Plastiksäckchen gesteckt und verknotet. Ich öffne es noch einmal und gehe die einzelnen ‚neuen Exponate’ durch. Alles gut!- oder?… „Tschuldigung!? Wo ist denn das Plektron, das vorher in der Bhapang verwahrt war?” Ein Grinser und ein indischer Wortschwall verlässt meinen Verkäufer, indem er die Schachtel hervorkramt und mein ‚kostbares’ antik erscheinendes Plektron wieder herausrückt. ‚Na, na, na, Sir!’- denke ich mir. Ich bezahle und rausche mit Tuktukgeknattere davon. Was für eine Welt!



Endlich sind wir da und ich ahne schon, dass die folgenden Minuten etwas unangenehm werden. Ich brauche eine ziemlich große Summe Geld aus dem Bankomat. Dies lässt sich allerdings nicht auf einmal bewerkstelligen, da die Höchstsumme, die auf einmal ausgegeben wird, viel niederer ist, als der benötigte Betrag. Ein Bankangestellter hat mich ständig im Aug, was mich aber nicht weiter stört. Mein Tuk Tuk Fahrer sieht zwar nicht wie viel ich abhebe, doch das es dreimal ist, schon. Und dann folgt das größte Problem. Wohin damit? Mein Portemonnaie spottet jeglicher Aufnahme. Nicht einmal ein Bruchteil hätte darinnen Platz. So bleibt mir nichts anderes übrig, als dieses Riesenpaket irgendwie in meine beiden seitlichen Hosentaschen am Bein zu quetschen. Das sieht merkwürdig aus, ist aber die beste Lösung. Zum Glück weiß fast niemand, was da drinnen ist. Zurück im Shop, bin ich heilfroh diesen Ballast los zu werden.



Dann schickt mich der Polizeiinspektor in ein in der Nähe gelegenes riesiges Geschäft. Ich bin vor ein paar Tagen schon einmal dort gewesen. „Schauen Sie sich dort um und wenn Sie etwas gefunden haben, lassen Sie es sich reservieren und dann werde ich es für Sie dort abholen. Ich bekomme einfach einen besseren Preis!” Nochmal unangenehm, aber ich gehe…

    Ich betrete den Laden. Man sieht mich, begrüßt mich und ich kann auf einmal Gedanken lesen... Ohne Umschweife suche ich nach diesen Musikern. Schon habe ich sie gefunden. Ich frage, ob ich sie mir näher ansehen darf, möchte ich mir doch die aussuchen, die keinen ‚Unfall’ hatten. „Ja, ja…!”- man erinnert sich an mich! Ich kann es fühlen!…

    Jetzt wird’s gleich richtig unangenehm. Aber ich bin durch den Inspektor motiviert, außerdem sehe ich diesen Verkäufer nie wieder; in meinem ganzen Leben nicht. Ich konzentriere und überwinde mich: „Können Sie die für mich reservieren? Es kommt gleich jemand und kauft sie!” Das ‚Hä?’ in seinem Gesicht sehe ich, er fragt kurz nach, wie und was, weiß eigentlich gar nicht, wie er die Frage stellen und ausdrücken soll. Ich gebe keine zufriedenstellende Auskunft darüber und bin auch schon weg. ‚Komischer Vogel! Diese Europäer!’

    Ich komme zu meinem Polizeiinspektor zurück. „Und Sir!? Waren Sie erfolgreich?” „Ja!- ich habe welche gefunden!”- ist meine Antwort auf seine Frage. Ich bin so froh, dass ich aus dem Geschäft bin, da der Verkäufer sichtlich nicht von mir angetan war, obgleich ich wirklich nicht unangenehm bei meinem vorherigen Besuch war.

    Er telefoniert. Kurze Zeit später taucht ein Mann bei ihm auf. Sie begrüßen sich und dann werden wir uns vorgestellt. Hier muss ich jetzt ganz kurz einen ellenlangen Gedankenstrich ziehen. Stell dir, lieber Leser, die nun folgende Situation einmal ganz deutlich vor dein geistiges Auge. Zuerst schickt mich der Herr Inspektor in das Geschäft um die Musiker auszusuchen, dann soll ich sie reservieren lassen -was ich ja ganz brav gemacht habe- und dann... Nein, nein, nein! Du glaubst doch nicht wirklich, dass er in das Geschäft gegangen ist um die Musiker zu bezahlen und abzuholen. Nein! Das geht doch viel einfacher! Man ruft den Besitzer des Geschäftes an, der kommt in die Polizeistation, man macht Käufer und Ladenbesitzer miteinander bekannt...

    Kannst du dir das Gesicht des Verkäufers im Geschäft vorstellen, als ich hinter seinem Chef sitzend auf dem Moped daherkomme? Viel unangenehmer geht es ja wohl gar nicht mehr. Ich gehe mit dem Chef die wenigen sehr hohen Stiegen hinauf und er macht mir einen sehr guten Preis, ups!, geht ja doch! Und ein Kamel, das ein Vorhängeschloss ist und mir bei meinem ersten Besuch ins Auge gefallen war, kaufe ich auch noch. Der Chef lässt alle Musiker bruchsicher einpacken und in einen Stoffsack stecken. Er holt seine Zahnbürste heraus und putzt sich erst einmal mitten im Geschäft, mit mir plaudernd, die Zähne. Woher und was ich arbeite. Und schon ist die Maultrommel draussen und sie wollen sie hören. Selbst der vorher so zurückhaltende Angestellte, strahlt über’s ganze Gesicht. Neue Freunde.



Doch dann ändert sich am heutigen Abend etwas gewaltig in dieser so heiligen Welt. Es dröhnt enorm von der unter uns liegenden Gasse herauf. Ich frage Sumit, was das zu bedeuten hat. Er erklärt mir, dass sie gerade ein Gas mit Hochdruck in die Gassen und Innenhöfe und alle Winkel und Ritzen versprühen,- damit töten sie die Moskitos. Schon fordert er mich auf, in den hinteren Bereich der Terrasse auszuweichen. Eine dunkle stinkende Wolke dringt zu uns herauf. Ich hatte schon vor meiner Abreise in Österreich davon gehört, das in Delhi eine extreme Moskitoplage ausgebrochen sei, was meine Gefühlslage damals gar nicht mal so sehr beflügelte. In einem Internetbericht sah man einen Herrn irgendwo sitzen und eine Wolke schoss auf ihn zu. Gas! Moskitobekämpfung. Was für ein Leben.



Viele Stunden des Wartens sind vergangen. Insgesamt werden es 13 (im Wort: DREIZEHN!!!!); 13 Stunden sein! Stumpf und dumpf sind meine Wahrnehmungen. Ich fühle mich eher wie irgendein Urviech aus vorsintflutlicher Zeit, das weder sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, fühlen, denken, ja!- sich noch nicht einmal bewegen kann... - beziehungsweise im Moment auch gar nicht will! Trotz dieses Zustandes raffe ich mich immer wieder auf und gehe eine Runde durch den Flughafen zu all den ‚Nichtsehenswürdigkeiten‘ die hier so geboten werden und die ich bis ins kleinste Detail kenne.