Wenn Sie mögen, können Sie diesen Bericht unterstützen. Dies soll aber absolut kein Hindernis sein, meine Reiseberichte zu lesen. Alles ist kostenlos zur Verfügung gestellt. Und ich freue mich, wenn Sie Freude an den „Bildern“ haben. Falls Sie trotzdem eine Kleinigkeit dafür geben möchten, freue ich mich natürlich darüber. Es gibt die Möglichkeit, dies mit Geld zu tun, oder Sie lassen sich etwas anderes einfallen und überraschen mich damit. Beides ist schön und lieb und lustig. Danke! Die Hauptsache bleibt aber, dass Sie diese Reise geniessen! Wenn Sie eine DVD mit 44 Filmchen der Vietnamreise beziehen möchten, ist dies gegen einen kleinen Obolus möglich und brauchen es mich nur hier per Mail wissen zu lassen.
Herzlich Ihr
Askold
‚runterkommen‘
Askold in Indien
Ein Reisebericht von Askold zur Eck
Oktober 2016
Delhi, Jodhpur
Im Oktober 2016 durfte ich dieses besondere Land besuchen. Ich traf Menschen und erlebte die Andersartigkeit ihrer Kultur, ich sah wie sie lebten, ihre wunderschönen Bauten, beeindruckend in jedem Moment, in jeder Hinsicht und natürlich die Musik. Ich hatte das besondere Glück in Jodhpur einem Musikfestival auf dem mächtigen Fort, das über der Stadt thront, beiwohnen zu dürfen.
In meinen Gedanken und Erinnerungen bin ich noch einmal dort gewesen. Wenn Sie mögen kommen Sie einfach mit.
Herzlich ihr
Askold zur Eck
Inhalt
Eine Idee
Auf geht’s
Ankunft in Delhi
Das sollten Sie nicht verpassen, Sir!
Hoppala? Nein; ist ganz normal!
Ausruhtag im Hotel
Red Fort, Mahatma Gandhi, Akshardham
Lotustempel
Jodhpur
Meherangarh
Vorsicht! Scharf!
Zeremonie
Hello my friend!
Schicksal und Gepflogenheit
Die andere Welt
Jaswant Thada
Der Polizeiinspektor
Himmel auf Erden
Tschuldigung! Wo ist denn…?
Du zahlst nur das Gold
Herz ausschütten, Träume träumen
Spezialeinkauf
Der letzte Abend
Abschied
Der Fleck
Namaste Indien! Danke!
Eine Idee
Dezember 2015. Es ist bitterkalt. Meine Eltern und ich besuchen den Adventmarkt am Höribachhof in Mondsee. Auf einmal steht Barbara vor uns. Normalerweise verkauft sie ihre wunderschönen Sachen aus Indien in der Altstadt von Salzburg und ich kann ihren bezaubernden Laden nur empfehlen. Einfach einmal hineinschauen, stöbern und ein Stück Indien erleben. „Imported“ in der Pfeifergasse in Salzburg.
Heute ist sie hier und wir plaudern ein wenig. Sie erzählt von ihren Erlebnissen drüben in Indien. Da sie weiß, wie sehr ich Instrumente und Musik aus aller Welt liebe, berichtet sie auch vom Musikfestival in Jodhpur. Ihre Begeisterung für dasselbe ist augenblicklich ansteckend und ich bemerke es erst gar nicht, später schon, wie die Kälte Österreichs mich verlässt und ich ganz in ihrer Erzählung aufgehe. Sie zaubert und malt eine Welt in meine Seele, die mich gebannt ihren Bildern folgen lässt. Der Punkt, an dem ich dann ruckartig in das eisige Österreich zurück geholt werde, ist der, als ich die Worte: „Magst mitfahrn?“ höre. Erst einmal weiß ich gar nicht, was ich sagen soll... Und eigentlich ist es immer das Gleiche; sobald das Thema ‚weite Reise‘ irgendwie auftaucht, oder angesprochen wird, mache ich sehr schnell einen Rückzieher, meist schon, bevor irgendein Schritt unternommen ist. Dann heißt‘s einfach: „Och ich glaub, ich fahr mal nach Italien!“ Na Super! Is ja auch toll in Italien und wunderschön und prima Menschen gibt‘s auch dort, aber...
Wir verabschieden uns, freuen uns, sie dort getroffen zu haben. Meine Eltern sagen, dass es ja wohl schon ein einzigartiges Erlebnis sein müsse, Indien zu bereisen. Generell bezieht sich allerdings ihre Aussage auf die Tatsache, dass ein uns bekannter lieber Mensch, der das Land und die Menschen schon kennt, zur gleichen Zeit wie ich, auch dort verweilen würde. Immer wieder höre ich diese Worte in den kommenden Monaten, vornehmlich von meinem Vater. Allerdings folgen oft die Worte: „Ich sage das nur, weil es etwas sehr Schönes für dich und deinen Beruf und dein Leben sein wird. Eigentlich schneide ich mir da ins eigene Fleisch. Ich würde mich, so du verreisen solltest, nur auf deine Heimkehr freuen.“
Innerlich denke ich wieder und wieder an den langen Flug und das Unbekannte und mein Kopf wird zum Karussell; Mann ist mir schwindelig!
Irgendwann ist die Entscheidung gefallen: ich werde fliegen! Wieder plagen mich meine Sorgen in den Nächten, wieder geht mein Gefühlsleben mit mir durch. Wieso? Ich hatte das doch schon alles vor der Reise nach Vietnam. Dann kam ich völlig entspannt zurück und müsste doch heute eigentlich als geheilt gelten.
Kurzer Rückblick. Am 20. August 2014 erreicht mich eine Anfrage per Mail, zwecks einer Führung für eine Gruppe aus München. Ein paar Mails später steht der Termin fest: Anfang Juni 2015. Eine liebe Gruppe erreicht mich in meinem Museum. Freude pur. Am Ende derselben kommt die Organisatorin zu mir und fragt mich, ob ich mir vorstellen kann, einmal mit meinen Instrumenten nach Bayern, genauer gesagt nach Dachau zu kommen. „Ja klar!“ - war meine Antwort.
Direkt anschließend fliegen wieder Mails zwischen Sankt Gilgen und Dachau hin und her; wann, zu welcher Zeit, welchen Titel wird der Abend bekommen, Fotos, Logo, Texte... und nach relativ kurzer Zeit haben wir das Programm zusammengestellt und wir freuen uns alle. Der vorgeschlagene Termin ist übrigens der 1. Oktober 2016.
Ganz frei in meiner Entscheidung, zu welchem Zeitpunkt ich nach Indien fliege, bin ich ja nicht, da das Musikfestival in Jodhpur als ein wichtiger Punkt der Reise hervorsticht. Nachdem die Entscheidung des Konzertes auf den 1. Oktober fällt, ist klar, dass mein Abflugdatum der 2. Oktober sein wird, da ich für dasselbe schon fast in München bin und somit am Flughafen.
Nach Vietnam hatte ich mir Schuhe mitgenommen, die ‚wie Batscherln‘ zum gehen waren; ein Traum. Ich hatte nie schmerzende, oder geschwollene Füße. Einen kleinen Nachteil hatten sie Allerdings: sie waren über die Knöchel reichend und ziemlich warm;- und das bei der Hitze und hohen Luftfeuchtigkeit. Die Folge...!! - - Vielen Dank! Selbst ich war von diesen Schuhen zwischenzeitlich nicht mehr sehr angetan und eines Tages ging ich in eines dieser winzigen Geschäfte um mir ein paar Schuhe zu kaufen. Die eisig pustende Klimaanlage war herrlich. Es waren zwei oder drei Verkäufer dort. Der eine war gleich äusserst hilfsbereit zur Stelle und wollte mir nun unbedingt helfen, was ich gar nicht wollte. Ich wimmelte ihn ab, indem ich sagte, ich müsse noch überlegen. Er hatte mir schon ein paar Schuhe gezeigt. Ein Schuh gefiel mir ganz gut. Kaum war er nicht mehr in Sichtnähe, schlupfte ich aus meinem Schuh in den Erwählten, merkte sofort, dass er nicht drückte und halbwegs passte und wie ein Zauberer, hatte ich meine Schuhe auch schon wieder an, kaufte sie und verließ den Laden. Später zog ich meine neuen Schuhe an. Herrlich! Lustigerweise hatte ich sie dann fast die ganze Sommersaison in Sankt Gilgen an.
Dieses Erlebnis ist nun der Grund, warum ich vor meiner Indienreise einen guten, leichten und vornehmlich luftigen Schuh suche. Er soll bequem sein, da ich immer sehr viel und weit zu Fuß unterwegs bin. Blasen im Urlaub sind noch unlustiger als zu Haus. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass ich drei Paar Schuhe gekauft habe, von welchen ich noch keines getragen habe. Eines Tages, kurz vor der Abreise, komme ich in ein kleines Schuhgeschäft in einem kleinen Ort, denke darüber nach, mir Sandalen zu kaufen, da man nicht so leicht ins schwitzen kommt, werde dann allerdings sehr nett und kompetent beraten und lande letztlich bei einem leichten und dünnen Schuh. Die Verkäuferin trägt ihn gerade selbst. Er ist atmungsaktiv, aus Leder, ohne Kunststoffe und in Österreich gefertigt. Das klingt schon mal ganz ansprechend. Schon krackslt sie behend wie ein Eichhörnchen auf eine Leiter und demonstriert mir dort die besondere Eigenschaft dieses Schuhs, indem sie mit dem Fuß ein paar Sekunden auf der obersten Fläche stehen bleibt, den Fuß anhebt und... man sieht auf der Metallplatte der Leiter, wie der Schuh Feuchtigkeit abgegeben hat. Schon ist sie wieder unten bei mir und bietet ihren eigenen Schuh zur Anprobe. Sie betitelt ihn als ‚Batscherl‘. Oh nein! - das hatte ich schon einmal! Aber ich habe sie gekauft und sie waren die ‚1A‘ Wahl! Wie auch immer...
Der 30. September ist schon ein 1. Oktober geworden. Es ist circa zwei Uhr. Am nächsten etwas späteren Morgen packe ich mein Auto mit all dem, was ich brauchen werde. Es sind einige Koffer und ein Rucksack, allerdings nicht alles für Indien. Ich verabschiede mich in Sankt Gilgen von meinen Eltern und fahre in Richtung München, beziehungsweise Dachau. Die erste Pause meiner Reise in die weite Ferne, mache ich auf der Autobahnraststation vor Salzburg. Da gibt es ‚traditionell‘ erst einmal einen Espresso. In einer Kurzmail heißt es: ‚Bin schon bei der Tankstelle vor Salzburg! Der Rest ist ja nur noch ein Klacks!!’ Nun kann‘s weiter gehen.
In Dachau werde ich schon von den Veranstalterinnen erwartet. Wir sitzen gemütlich und entspannt auf der Terrasse und trinken einen Kaffee. Ein bisschen plaudern und die letzten Einzelheiten zum Abend.
Um 20 Uhr geht‘s los, vorher alles aufbauen. Die Menschen strömen herbei und im nu ist der Saal mit circa 150 Personen besetzt. Das Konzert hat extrem viel Freude gemacht. Ein kleines gemeinsames Essen danach, rundet den Abend. Er war erfolgreich und erfüllt mich.
Im Hotel kopiere ich die Aufnahme des gesamten Konzertes auf meinen Laptop, brenne sie auf eine CD, die ich am nächsten Tag der Veranstalterin übergeben darf; sie bringt sie am folgenden Montag, dem 3. Oktober 2016 zur Post und die bringt sie als kleine Überraschung zu meinen Eltern.
So, ab ins Bett! Nun ist‘s wirklich spät, ähnlich wie am Vortag - sprich: der 1. Oktober ist schon ein 2. - und ich bin hundemüde.
Auf geht‘s!
Morgens bin ich es noch immer, bemerke es allerdings wegen der relativen Anspannung nur beiläufig. Mein deftig gewähltes Frühstück mit Rührei, Brot, Butter und Kaffee ist kaum zu schaffen. Eine Familie kommt auch gerade zum Morgenmahl. Das ist alles nicht wahr!- kann nicht wahr sein. Ich sitze da und esse nur aus Vernunft, da ich weiß, dass ich jetzt relativ lange nichts, oder sehr wenig essen werde. Und dann diese Familie, die gustiert, wählt und sich der Leckereien erfreut. Der Herr Sohnemann testet erst einmal, welche Semmel er am Liebsten hätte. Und ich sitze da, derweilen noch völlig unentspannt, irgendwie bin ich ja doch ein wenig aufgeregt, allerdings in erster Linie, weil ich rechtzeitig am Flughafen sein möchte. Es ist einfach dieses komische Kribbeln in der Magengegend. Dort ist nun zumindest alles gut gefüllt und auf geht‘s! Liebenswürdigerweise bringt mich die Veranstalterin noch nach Oberschleißheim, von wo ich mit der S-Bahn zum Flughafen fahre. Das Auto bleibt bis zu meiner Rückkehr aus Indien in der Straße vor ihrem Haus. Sie erwartet mich schon.
Ein wenig eigenartig mutet es mich an, als ich über den Münchner Flughafen schlendere, bin ich doch erst vor ein paar Monaten von hier aus nach Vietnam geflogen und einige Tage später wieder gelandet.
Alles geht reibungslos ineinander über. Nichts kribbelt mehr im Bauch. Ich fühle mich schon wie ein alter Hase, ein Abenteurer und Weltenbummler, auch wenn es immer wieder ein wenig anders ist. Einmal brauchen sie deine Fingerabdrücke, dann scannen sie dein Gesicht, dann den Ausweis, das Visum, die Boardingcard, oder alles in unterschiedlichster Kombination. Ich bin da ganz kooperativ.
Die sechseinhalb Stunden in Abu Dhabi mögen gar nicht vergehen, ausserdem ist alles sehr, sehr teuer, aber was soll‘s. Damit ich überhaupt Geld ausgeben kann, muss ich wechseln gehen. Ich werde von der Frau in der Wechselstube gefragt, wie viel Geld ich wechseln möchte. Ich überlege kurz und entschließe mich dann für zehn Euro. Sie lächelt und meint verschmitzt: „Sind Sie sicher?“ Ich antworte ihr: „Ja natürlich; warum?“ „Sie werden sehr bald wieder hier bei mir sein!“ „Das glaube ich nicht!“ Sie lächelt: „Wir werden sehen!“ Sie und der Kollege haben beide eine sehr lockere, liebenswerte und frische Ausstrahlung.
Ich verabschiede mich und mache einen ersten Erkundungsgang durch all die Geschäfte. Sind gar nicht mal so viele. Bald kenne ich den kleinen Teil des Flughafens, der zwar nicht interessant, aber immerhin interessanter als der Rest ist, in- und auswendig. Irgendwann lasse ich mich in irgendeinem irgendetwas ähnlichem wie einem Café nieder und bestelle mir einen Espresso. Aus Langeweile fotografiere ich mein neu erworbenes Geld. Ein Dolch, ein Falke, Paläste und mehr, sind darauf zu finden. Ich verabschiede mich bezahlend von dort und schlendere noch immer völlig gelangweilt erneut durch den Flughafen. Die ‚Highlights‘ sind spärlich gesät und mager in der Auswahl. Ein ‚Imbissrestaurant‘. Ich setze mich, trinke etwas, fotografiere (wieder einmal aus Langeweile) den arabisch beschrifteten Tischständer mit der Werbung für Red Bull und... - es bleibt mir nichts anderes übrig,... nur viel, sehr viel Zeit,... also zurück zu der netten Wechselstube. Sie lächeln mir schon aus der Ferne zu; siegesbewußt meint sie: „Und? Sehen Sie, dass wußte ich schon vorher! Wieviel darf‘s denn sein?“ Ich wähle 20 Euro, bin absolut sicher damit auszukommen, aber... alles ist wirklich teuer hier! Ein weiteres Mal tauche ich auf und es ist wirklich immer wieder köstlich mit den beiden.
Später lande ich wieder in einem der wenigen Restaurants, setze mich nieder und studiere die Karte. Ich bestelle mir etwas. Mein Blick schweift umher und ich fasse es nicht. Ein Plakat gibt mir das Gefühl, ich sei noch gar nicht los geflogen. ‚Let‘s go Wies‘n!‘ und Löwenbräu gibt‘s auch. Träum ich, oder bin ich noch in München? Oder hob‘n de do in Abu Dabi a a Wies‘n?
Ankunft in Delhi
3. Oktober. Nach einem langen Flug lande ich am 3. Oktober 2016 um 8.10 Uhr Ortszeit in Delhi. Ich bin sehr froh, dass ich nicht um 3.00 oder 4.00 Uhr in der Früh hier angekommen bin, wie die meisten Maschinen, so hat der Tag schon ein wenig begonnen und das Leben pocht.
Ich schlendere die elend langen Gänge entlang, oft über Förderbänder. In dem ersten Bereich des Flughafens, den ich nach meiner Landung betrete, fällt mir der ausgelegte braune altmodisch erscheinende Teppich besonders ins Auge. Irgendwo kehrt jemand in einer großen Ecke mit einem bunten langen Wuschl, so wie wir ihn zum Staub aufnehmen bei uns kennen. Sieht mühsam aus.
Meine geforderten und benötigten Fingerabdrücke der kompletten rechten Hand, mögen so gar nicht auf dem Bildschirm des Herrn in der kleinen erhöhten Kabine erscheinen. Mit allen Tricks versucht er sie mir zu entlocken. „Sie müssen fest herunter drücken!“ Mach ich! „Bitte verwenden Sie das hier vorne stehende Desinfektionsmittel um Ihre Hände zu reinigen und dann versuchen Sie es erneut!“ Ok! „Nicht bewegen!“ Mach ich! „Reinigen Sie sich noch einmal die Hände!“ Ok! „Bitte noch einmal reinigen! Jeden Finger extra!“ Ok! Es dauert, aber... dann klappt‘s doch noch! Na perfekt!
Die Hitze ist wieder unglaublich. Da sehe ich im Aussenbereich des Flughafens auch schon das Blechhäuschen, das man mir im Reisebüro empfohlen hatte. Die Mitarbeiterin war selber erst vor kurzer Zeit hier. Es ist der sogenannte ‚Prepaid Taxistand‘. Eine sehr gute und entspannte Art irgendwohin zu kommen. Man kauft sich sozusagen eine Fahrkarte in Form von zwei Belegen. Den einen behält man, den anderen überreicht man dem Fahrer, wenn man am Ziel angelangt ist. Mit diesem bekommt er dann später sein Geld, das man vorher an dem Taxistand bezahlt hat. Somit gibt es auch nicht die Diskussionen um abgebrannte Hotels, oder Ähnliches, die zur Folge haben, dass man zu einem anderen Hotel gebracht wird, wo der Taxifahrer eine Provision erhält, die einem als Gast dann aufgebrummt wird; - davon habe ich immer wieder gehört… und wenn man dann wirklich ‚Pech‘ hat, steht man gegebenen Falls unversehens auf einmal vor seinem eigentlich gebuchten Hotel;- ups!- doch nicht abgebrannt!...?
Ich zahle 400 Rupien, was circa 5 Euro entspricht. Draußen ‚stürmt mich‘ dann eine kleine Horde Taxifahrer, lächelnd, kopfwackelnd und irgendwie versuchend, meinen Koffer und damit auch mich zu ergattern. Einer gewinnt,- irgendeiner! Er ist so freundlich, dass ich am liebsten gleich wieder aussteigen möchte, lässt seinem anscheinenden Unmut mir gegenüber freien Lauf und eine relativ lange Fahrt beginnt. Er braucht, nachdem ich ihm den Namen meines Hotels sage, erst einmal den Beleg. Ich gebe ihn ihm. Nicht sehr gerne, da er ihn ja doch erst am Ende der Fahrt bekommen sollte. Er inspiziert ihn. Mir ist mal gar nicht so wohl. Mürrisch fordert er den zweiten. Ich versuche ihm klar zu machen, dass er ihn erst am Ende der Fahrt bekommen wird, allerdings weiß ich zu der Zeit nicht einmal, ob ich ihm den richtigen Beleg, sozusagen seinen, oder meinen gegeben habe. Letztendlich bleibt mir nichts anderes, als ihm den zweiten auszuhändigen. Innerlich sehe ich mich schon mit diesem Grandscherben irgendwo in einem verlassenen Winkel Delhis landen, über ein scheinbar nicht mehr vorhandenes Hotel diskutieren... - und dann?- weiß der Himmel! Man mag es glauben, oder nicht, am Ende kommen wir doch noch ganz gut miteinander aus und ich denke, mein Eindruck ist falsch. Es sind eher seine mäßigen Englischkenntnisse, die ihn stumm und mürrisch erscheinen lassen.
‚Mein Chauffeur‘ sitzt rechts, logisch!- ist ja Linksverkehr hier. Seine beiden Sonnenblenden sind mit einer matt gebraucht erscheinenden Plastikfolie umhüllt und geschützt. Oben eingeklemmt zwei Kulis und ein Kamm. Seine Frisur sitzt und er ist ordentlich mit weißem Hemd gekleidet, seinen rechten Zeigefinger schmückt ein silberner schlichter Ring. In der Mitte des Armaturenbrettes liegen hellgelbe und orangefarbene Blüten, dahinter zwei Bilder; wahrscheinlich schützende Götter.
Unterwegs sehe ich auf den breiten Straßen Männer und Frauen, die den anhaltenden und wartenden Autos etwas verkaufen. Appetitlich angerichtete Früchte, oder auch Kokosnüsse, oder in kleinen Portionen abgepackte Snacks. Ich halte mich da einmal aus magentechnischer Sorge ein wenig zurück.
Wir warten wieder einmal auf die Weiterfahrt und... ‚rumms‘ saust ein Auto auf der durch Buschwerk abgetrennten Gegenfahrbahn genau neben uns einem anderen hinten drauf. Die Armen! - Wie regelt man das eigentlich in Indien? Ein Stückchen weiter, verkauft jemand bunte Luftballons. Der ‚Jemand‘ ist für mich unsichtbar, ist er doch durch die beiden übereinander angebrachten Leitplanken verdeckt. Ein vor uns fahrender LKW transportiert auf seinem Dach, sehr wohl gesichert, aber doch auf dem Dach, Blumen. Gelb wie die von meinem Fahrer. Aus dem Radio plärrt eine animierend wirkend wollende Frauenstimme in einem Englischindischmix irgendeine Werbung für keine Ahnung was. Eine Frau bettelt lächelnd beim vor uns wartenden Auto, hinter ihr türmen sich Kartons bis in eine Höhe von circa vier Metern.
Stück um Stück bewegen wir uns langsam im Stau in Richtung meines Hotels. Links neben mir sehe ich einen Kleinbus. Ein etwa siebenjähriges hübsch gekleidetes Mädchen schaut ernst aus dem Fenster. Dann beugt sie sich in aller Ruhe ein wenig vor und als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre, ohne das Gesicht zu verziehen und offensichtlich zu zeigen, wie schlecht es ihr geht und wie bedauernswert sie ist, erbricht sie geduldig auf das weiße Blech unter dem Fenster des Autos.
Mein Taxifahrer findet zuerst mein Hotel nicht, steigt aus, lässt mich als ein relatives Hindernis der Straße im Auto zurück und verschwindet weit vorne auf derselben mit meinem Zettel, auf dem ich all die wichtigen Adressen, Namen und anderen Daten notiert habe, fragt nach dem Hotel ‚Palm D’or’. Ich sitze geduldig im klimatisierten Taxi und warte; bleibt mir ja auch nicht sehr viel anderes übrig. Bei seiner Rückkehr kann ich sehr wohl bemerken, dass die schon vor einiger Zeit gestartete Metamorphose seines Gemütes, eine weitere Verwandlung durchgemacht hat. Er ist ein klitzekleines Stück redseliger, sehr klitzeklein, aber immerhin. Mir scheint, dass er noch immer nicht weiß, wo dieses Hotel nun ist. Aber: in leichtem Winkel links hinunter -und da auch erst in einiger Ferne;- unsichtbar von dort oben, steht es unscheinbar, schmucklos, etwas unter dem Niveau, das ich mir für mein Hotel gewünscht hätte und in der letzten Ecke. Er hat es tatsächlich geschafft. Bei unserer Ankunft steigt er flott aus und fragt unauffällig um ein paar Rupien. Ein Angestellter des Hotels kommt um mir mit dem Gepäck behilflich zu sein.
Meine Begeisterung über diesen Ort hält sich erst einmal in Grenzen, aber eigentlich bin ich im Moment nicht in der Stimmung und auch gar nicht fähig, irgendein Urteil zu fällen. Es ist nur der erste Eindruck von Dreck, Armut und diesem nicht sehr zentral gelegenen Hotel.
An der Rezeption werde ich freundlich begrüßt, aber leider nicht erwartet. „Nein, Sie haben nicht bei uns reserviert!“ Das Buch, in das alles eingetragen wird, weist das typisch indische Format auf. Es ist riesig. Und es gibt noch andere Bücher in anderer Größe. Ich bin zu müde und verschwitzt um mich aufzuregen, wirke indisch, bin es aber nicht, genieße einfach die Kühle der Klimaanlage. Was wäre, wenn ich tatsächlich nicht einchecken könnte? Was erwartet mich dann? Wo und wie komme ich irgendwo unter? Diese Gedanken sind nur matt hinter einem durch Hitze vernebelten Bewusstsein zu erahnen. Die Klimaanlage ist im Moment deutlich mehr wert, als ein Bett. Er blättert emsig weiter in seinen großen Büchern und Zetteln; einmal hin und einmal her und noch einmal vor und zurück. Dann die Erkenntnis: „Ah! - da haben wir Sie ja doch!“ Alles ist gut...
Ich werde in mein Zimmer begleitet. Es ist dunkel. Der Angestellte geht in einem Rutsch von Lichtschalter zu Lichtschalter, es gibt Unmengen davon hier und schaltet sie alle ein. Nun ist‘s hell, aber die Ausstrahlung bleibt dunkel. Ich bin allerdings erst einmal froh, nun endlich hier zu sein. Mein Geleiter verläßt mich, ich mache die Türe hinter ihm zu und will sie auch gleich von innen verschließen. Geht nicht. Hä? Ich stehe da und versuche herauszufinden, wie man dies bewerkstelligen kann. Gibt‘s da irgendeinen Trick? Macht man das in Indien nicht? Ich will das aber! Naja!-... Ich trete zwei, drei Schritte zurück und meinem Blick wird nun die Verschlusstechnik hier in diesem Hotel preisgegeben. Ich bin einfach zu klein, daher kann mein Blick den doch recht langen Schieber oben an der Tür nicht entdecken. Man schiebt ihn nach oben in die Metalllasche, sichert ihn durch eine Drehung und ist für die nächtliche Ruhe gewappnet. Na prima! Die nähere Inspektion der Einrichtung bringt meine Stimmung nun auch nicht gerade ins Schwelgen. Unter der Glasplatte am Waschtisch, dunkle Ränder, die irgendwie an Schimmel erinnern, Fugen, die einmal weiß waren, es aber nicht mehr sind, der Ausblick aus meinem Fenster ist nicht berauschend, ich habe ihn irgendwie ausgeblendet, glaube aber, mich an einen buschartigen Baum und eine gräuliche Hausmauer zu erinnern. Ziemlich deutliche und in einer stark gestreuten Regelmäßigkeit auftretende Flecken in unterschiedlicher Schattierung, Intensität und Größe auf der Bettdecke, am Polster und dem Laken, über deren Herkunft ich mir keine Gedanken mache, nur versuche die, die doch in meinem Kopf herumschwirren, aus demselben zu entfernen. Ich nehme alles so wie‘s ist, lass mich für ein paar Minuten seitlich auf mein nicht unbenutzt wirkendes Bett fallen um zu entspannen und begebe mich das erste Mal auf die Straße. Ich Verschließe meine Türe. Dabei sehe ich gleich daneben in einen winzigen Raum. Hier gibt‘s Toilettenpapier, Handtücher und Bettwäsche! Naja!...
„Das sollten Sie nicht verpassen, Sir!“
An der Rezeption frage ich noch wo der ‚Connaught Place‘, ‚CP‘ genannt, ist. „Aus dem Hotel raus, dann links und gleich nach kurzem Gang führen rechts Treppen hinauf und dann noch über die Brücke.“, erklärt der nette Herr. Wunderbar! Vielen Dank!
Eine unaussprechliche und nicht zu beschreibende Flut an Eindrücken prasselt nun auf mich hernieder. Wie ein Kind, das mit offenem Mund vor einem Zauberer steht, stehe ich vor diesem Indien.
Auf der Treppe, die zur Brücke hinauf führt, sehe ich das erste Mal eine junge hübsche Mutter mit ihren kleinen Kindern am Boden sitzen. Sie leben hier irgendwie. Über die Brücke führt nun der Gehweg, der allerdings auch zum Verkauf von Waren jeglicher Art verwendet wird. Einmal kommt mir ein ziemlich dickes Motorrad entgegen, ziemlich flott. Neben mir auf der Straße ist Stau, das ist normal und auch der Grund, warum Mopedfahrer regelmäßig und in Scharen, den Bürgersteig fluten. Es stinkt nach Abgasen. Ein Mann schiebt einen einachsigen sehr langen Holzkarren an mir vorbei, ein anderer hat einen etwas kürzeren, geht allerdings gegen die zweispurige Einbahnstraße,- muß er ja, immerhin ist zwischen dieser und seiner eigentlichen Fahrtrichtung ja eine Leitplanke... Geht ganz wunderbar. Natürlich hupt es ununterbrochen. Die Gegend auf den unter mir verlaufenden Schienen für den Zug und das Bahnhofsgelände sind trostlos, staubig, von ärmlichen Menschen gesäumt. Irgendwer bedient sich an einem von weit oben herunter platschendem sehr dicken Wasserstrahl dort unten. Auf dem Weg überall Müll. Etwas weiter vorne treibt einer sein Rind an, das einen hölzerner leerer Karren hinter sich her zieht. Ich sehe sie immer wieder. Teilweise übervolle Zweiachser, unvorstellbar hoch aufgeladen. Manchmal liegt auch jemand obenauf, so der Kollege die Führung des Tieres übernimmt. Es gibt verschiedene Rassen. Ich habe vom Tharrind und Nagorirind gehört. Ihr Fell ist weiß, manchmal auch gräulich. Die Kühe haben kleine feste, die Bullen große, allerdings eher weiche Buckel zwischen den Schultern. Sie werden für die Feldarbeit, Ochsenrennen und eben als Zugtiere verwendet und können für den Käufer eine hohe Investition bedeuten.
Ich streife etwas planlos durch diese riesige, 22-Millionen Menschen zählende Stadt. Eigentlich ist mein Ziel ein Instrumentenbauer am ‚CP‘. Diesen Platz habe ich in dem Durcheinander tatsächlich übersehen. Es ist recht kompliziert bis ich ihn finde. Er ist sehr groß, dafür aber nicht beschildert. Zwischenzeitlich quatschen einen überall und immer wieder irgendwelche jungen Männer an. Erst lasse ich mich gerne auf ein Pläuschchen ein, da man die ersten Kontakte schließt und Erfahrungen mit Menschen einer anderen Kultur machen darf. Irgendwann hat man dann nicht mehr das ganz große Interesse an dieser Kommunikation, da sich das Ende derselben zu 99,9 Prozent gleicht. Auch wenn sie dir versichern und dies offen aussprechen, dass sie nicht so sind und das sie dich nicht übervorteilen und über‘s Ohr hauen wollen, stehst du in irgendeinem Shop, in dem sie Provision kassieren, oder kaufst einen Drink für sie. Es gibt da sehr unterschiedliche Varianten; harmlos bis kriminell. Man wollte beispielsweise mit mir in ein sehr gutes Restaurant fahren und dort essen gehen. Der Weg sei weit, aber das Essen fantastisch. Das Minimum wäre sicher gewesen, dass ich hätte bezahlen dürfen. Eh klar! Junge Burschen, nett, aber Hallodri und durchtrieben wie nur was. Sie baten dann um einen Drink, den ich ihnen kaufte. Dann war ich mal weg.
Ich komme zu einem erhöhten Platz, werde gleich wieder von zwei jungen Männern in eine Unterhaltung verwickelt. Der eine spricht halbwegs Englisch, der andere nicht. Dann klingelt das Handy von dem ‚indischen Engländer‘. Freudig und unverblümt erzählt er mir nach dem Telefonat, dass gleich sein Freund kommt, wie lange sie schon beisammen sind, wie sehr sie sich lieben und noch einige andere Details. Seine Augen strahlen. Dann taucht er auf und wir werden uns vorgestellt. Ein zurückhaltender ebenfalls junger Mann. Sie legen ihre Arme über die Schultern des Partners und bieten mir ‚Beedis‘ an. „Nein, nein! Die machen dich nur locker und relaxed!“, versichern sie mir und scheinen mich aus ihren glasigen Augen gar nicht so recht wahrzunehmen. Ja! - Danke! Bin locker genug!
Ein etwas älterer Mann vor einem Restaurant der leicht gehobenen Klasse, öffnet mir die Türe, begrüßt mich freundlich, sieht etwas ungepflegt aus. Innen werde ich an den Tisch direkt am Fenster geführt, was ich lustig finde, da ich die Menschen draussen beobachten kann. Mein Türöffner steht genau vor meinem Fenster, schaut herein und lächelt mir zu.
Das Innere ist dunkel aber elegant mit schönen Details versehen. Ein goldener Luster mit circa 50 Birnen, verschnörkelten Metallarbeiten, darüber an der Decke ein Kreis in beige mit kunstvoller weißer und goldener Verzierung. Die übrige Decke in einem wohlig warmem Blau und weiteren Verschönerungen. Eine wuchtige in edlen Hölzern gearbeitete Bar, durchscheinendes von hinten beleuchtetes Glas, daneben ein relativ großes weißes Reh, an den Wänden Leuchter im Stil des Lusters. Hier trinke ich ein Bier;- es ist randvoll. Nicht einmal ein Schaumbläschen hätte hier einen Platz gefunden, ohne das sich das Bier über die Oberkante davon gemacht hätte.
Wieder spricht mich jemand an: „Hello! Where are you from? What is your Name? First time in India? What do you want to do?...“ Ich möchte eigentlich gar nichts, ausser den Instrumentenbauer ganz alleine finden, betreibe aber trotzdem Smalltalk mit ihm. Er hilft mir, weiß wo er zu finden ist. Ich bedanke mich und trete ein.
Ich erstarre! Nicht der Instrumente wegen, was, wer mich kennt, schon der Fall hätte sein können. Nein, ich erstarre vor Kälte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es der Inder macht, dass er nicht pausenlos erkältet ist. Gefühlte 18 Grad erwarten mich, normalerweise sollte das wirklich eine willkommene Erfrischung sein, allerdings nicht, wenn es draussen 35 oder mehr Grad hat. Ich habe dort tatsächlich gefroren. Nach relativ kurzer Zeit, muss ich dieses Geschäft wieder verlassen, nicht nur der Kälte wegen, auch hat er keine Instrumente, die für mich interessant gewesen wären. Ein wenig unglücklich bin ich trotzdem, da der Besitzer der Nachfolger des Sitarherstellers ist, der für Ravi Shankar, seine Tochter Anushkar Shankar und auch die Beatles die Sitars gebaut hat. Es hätte sicher einiges zu erzählen gegeben.
Als mir die Hitze draussen erst einmal einen Willkommensklatsch ins Genick gegeben hat, taucht -oh Wunder- meine neue Bekanntschaft wieder auf. Ja klar weiß er, wo das vegetarische Restaurant ist, das der Instrumentenbauer mir empfohlen hatte und wir gehen. Ich trete ein und etwa vier Minuten später wieder aus. Der Ablauf: 1. Eintritt; 2. Platz nehmen; 3. begafft werden; 4. schwitzen; 5. unwohl fühlen; 6. aufstehen; 7. austreten; ...und ausserdem war‘s auch so ein Eisschrank. Wenn du verschwitzt in ein Gebäude kommst, das circa 15°C niederer temperiert ist, als die Aussentemperatur, dann wird‘s kalt. Ich habe selten erlebt, dass man in ein Gebäude kommt, das klimatisiert ist und nur ein paar Grad kühler ist als draussen.
Man empfängt mich... Er würde da etwas ganz spezielles kennen. „Das sollten Sie nicht verpassen, Sir!“ Ok, dann schaun wir doch mal hin. Wir gehen und gehen und gehen und noch viel weiter. Dann sind wir da und ich darf in einen Shop eintreten. Ich versichere ihm, dass ich nichts kaufen werde, schon alleine deswegen, weil ich nichts herumtragen möchte; und da bin ich wirklich eigen. Ausnahmen gibt es immer. Wenn da das! Instrument der Instrumente stünde, würde es schon mir gehören und Schleppen wäre dann überhaupt kein Problem. Schätzungsweise 15 bis 20 Angestellte stehen hinter ihren in einem Halbkreis angeordneten Verkaufstischen, lächeln, bieten ihre Waren an, die meist von Verkäufer zu Verkäufer wechseln, geben ihr Bestes. Ich hatte schon gleich erwähnt, „nur Instrumente!“, nützt aber gar nichts. Ich lächle auch, finde sogar Instrumente, die für mich aber nicht von Interesse sind. Mein neuer Freund ist mittlerweile auch herein gekommen. Circa 16 bis 21 Gesichter sind enttäuscht und lächeln ohne Herz. Ich kehre auf die Straße zurück und verliere im selben Moment einen meiner neusten Freunde. Kühl schickt er mich alleine zurück. Ein nüchternes „Bye!“, er dreht sich von mir ab und mein Gedächtnis wird gefordert. Kurze Zeit später bin ich wieder mitten im Getümmel. Die Dunkelheit ist eingefallen. Da werde ich plötzlich an Vietnam erinnert. Dort gehst du über eine riesige und breite Kreuzung mit Massen an Fahrzeugen. Jeder passt auf und so kommst du völlig entspannt dort an, wo dein Ziel liegt. Hier in Delhi wollte ich zu dieser späteren Stunde über eine einspurige Straße gehen. In relativ weiter Entfernung ein Auto. Ich setze zum Überqueren an, gibt der Autofahrer doch tatsächlich so extrem Gas, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als flott zurück zu hüpfen. Für mich war der Verkehr in Hanoi gut zu verstehen und überhaupt kein Problem. In Delhi bräuchte ich sicher etwas mehr als nur vier Tage zum Eingewöhnen.
Hoppala? Nein; ist ganz normal!
Irgendwann reicht‘s und ich schnappe mir ein Tuk Tuk. Und tatsächlich ‚tuktukt‘ es mich ins Hotel und macht seinem Namen alle Ehre dabei. Diese Fahrtechnik ist schon recht beeindruckend. Ich lerne von Sekunde zu Sekunde. Stehen wir doch gerade in einem Stau, nichts rührt sich. Im Prinzip stehen drei bis vier Autos nebeneinander, wir fahren ganz nach links, neben uns ein Auto, schräg rechts vor uns ein anderes Tuk Tuk. Plötzlich entscheidet sich mein weiser Fahrer um und fährt einfach links noch ein Stück weiter nach vorne. Gerade geht es weiter. Da allerdings wenige Meter vor uns ein anscheinend defekter roter mit geöffneter Motorklappe stehender Bus mindestens unsere Fahrspur blockiert, fährt der Herr der vor mir sitzt kurzer Hand einfach nach rechts. Der Autofahrer rechts neben uns, findet das anscheinend auch ganz toll, denn er hupt uns freudig zu... Damit nicht genug. Um andere Mitmenschen ebenfalls zu beglücken, schert mein Fahrer noch eine Spur weiter nach rechts;- muß er ja, fährt doch da gerade vor uns eine Fahrradrikscha;- und flott rechts vorbei an ihr. Überall zwischen dem ganzen Verkehr Menschen, viele. Müll fliegt einfach lose auf der Straße herum. Auch ganz schön viel. Plötzlich denke ich: ‚Ups, wir sind ja in Österreich!‘ Aber nein, das war nur kurz so, denn wir sind nicht wirklich im Rechtsverkehr gelandet, nein, da ist nur jemand gegen die Einbahnstraße gefahren... oh! schon wieder und wieder und... ich glaube, dass sie das Wort ‚Einbahnstraße‘ gar nicht kennen... Ich sehe ein Schild, dreieckig, so wie wir es kennen: ‚Vorsicht! Fußgängerübergang!‘ Ich glaube, das nützt nix!
Mein armer, armer Tuk Tuk Fahrer findet mein gut verstecktes Hotel auch nicht. Wir fahren wirklich lang zu der Gegend in der ich wohne und dann, so erscheint es, eine ganze Weile um sie herum. Ich versuche ihm zu helfen, indem ich sage, dass es irgendwo links runter geht. Hilft glaub ich mal gar nicht so viel. Dann noch einmal mein Vermerk: „Ich glaube hier links!“ Er reagiert nicht, denkt sich wahrscheinlich: ‚Pssst!!!! Bitte ganz viel Pssssst!!!!‘ Dann sehe ich das Schild: ‚Palm D‘or‘! Perfekt! Ein Lob zu ihm. Wieder einmal ist alles gut!
Ich setze mich auf die Terrasse am Dach meines Hotels und genieße die schwüle Hitze, den aufsteigenden Gestank der Fahrzeuge unten auf der nah am Hotel vorbeiführenden Straße und das akustisch höchstinteressante Konzert, vornehmlich aus Hupen, Motorengeräuschen und einigen kräftigen Stimmen der Menschen bestehend. Der Start in Delhi war sehr eigen. Der Unterschied zu Vietnam ist eindeutig da; vieles ist ähnlich, manches anders; und ich kann gar nicht genau sagen, was anders ist. Ein Angestellter kommt und fragt, was ich bestellen möchte. Ich wähle ein Bier. Ich sitze weiter und fühle, wie ich meine ersten haarfeinen Fühler ausstrecke und Indien ertaste. Ich bin so dankbar, dass ich gerade hier oben sein und das erleben darf. Ich sauge jedes Detail auf, fühle es körperlich und es prägt mich, nimmt Einfluss auf mein Leben.
Indem ich so dasitze, die lustig säuselnde indische Musik bemerke und alles so neue beobachte, Menschen grüße, mit ihnen plaudere, ein Foto von ihnen, oder von sonst etwas mache (unter anderem von Fahrzeugen mit Pferden davor, die bei uns perfekt in einen Faschingsumzug passen würden) und auch wieder ganz für mich bin, vergeht die Zeit. 10 Minuten! ‚Naja, wird ja dann mal bald kommen, - - das Bier.‘ 15 Minuten! ‚Meine Kehle bekommt ein Gefühl von Dürre.‘ 20 und auch 25 Minuten...! Da kommt mein Erlöser, - oder doch nicht? Im vorbeigehen bemerkt er: „Ihr Bier kommt gleich, Sir!“ Zur Erklärung fügt er noch an, dass ein Kollege erst Bier kaufen gehen musste und nun sei es im Tiefkühlfach, aber gleich bringt er es. Ich schmunzle in mich hinein und nehme gleich vorweg, dass es an den folgenden Tagen nicht anders war. Als ich am nächsten Tag ein Bier bestellte, fragte er, ob ich eines oder zwei haben wolle. Ich antwortete: „Erst einmal eines!“
Unten auf der Straße habe ich noch ein paar Erinnerungsfotos geknipst. Sie sind nicht wirklich gut geworden. Eines allerdings zeigt schemenhaft gegenüber von dem Hoteleingang ein Rind, die zu dem hinter ihm stehenden Karren führenden Leinen und einen Menschen. Das Auge des Rindes leuchtet hell. Dieses Foto gibt etwas von der Stimmung dort wieder.
Es ist spät; die Müdigkeit drückt mir die Augen zu; das war‘s für heut!
Ausruhtag im Hotel
4. Oktober. Ein kurzer Rückblick. Am 30. September 2016 gehe ich nach einem normalen Arbeitstag mit Schul- und Kindergartenbus fahren, Essen auf Rädern ausliefern und meiner Tätigkeit im Museum, ob einiger letzter Vorbereitungen für die Reise, sehr spät ins Bett; es ist irgendetwas vor 2 Uhr Morgens am 1. Oktober. Ein paar Stunden später stehe ich wieder auf, ich muss ja nach Dachau. Nach dem Konzert am Abend komme ich auch spät ins Bett, am 2. Oktober bin ich bis auf ein paar nicht zu erwähnende Nickerchen durchgehend wach und am 3. in Delhi ebenfalls bis in die Anfänge des 4. Oktobers. Angesichts dieses Marathons geht es mir erstaunlich gut, geradezu fantastisch!
Gestern bin ich nun in der Früh hier angekommen und heute schlafe ich lange; 13 Stunden. Allerdings mit einigen Unterbrechungen, die durch ein sehr lautes Knattern und Brummen ab circa 5.30 Uhr untermalt und hervorgerufen werden. Immer wieder döse ich weg, immer wieder werde ich jäh aus meinen Träumen gerissen.
Auf meinem Weg zur Dachterrasse, wo ich mir etwas leckeres gönnen möchte, treffe ich eine ältere, deutlich erkennbar als hier im Hotel arbeitende Frau. Sie fragt mich im vorbeigehen freundlich und lächelnd, ob alles in Ordnung sei mit dem Zimmer. Ich bejahe, frage aber dezent nach dem kraftvollen Weckritual. Ach ja, das sei das Stromaggregat. Es gab Stromausfall und daher warfen sie es an. Es befindet sich haargenau über meinem Zimmer.
Als ich dann auf der Dachterrasse ankomme und den ersten Blick in die Umgebung meines Hotels werfe, wundere ich mich; es schüttet. Das sieht eher nach ‚Salzburger Schnürlregen‘ aus. Irgendeine höhere Macht hat es da wohl wirklich gut mit mir gemeint und mich nicht aus dem Bett gelassen.
Ich sitze im trockenen und gemauerten Bereich. Naja, zu mindest so halb trocken. Auf der Terrasse springen die Tropfen beim Aufklatschen munter in die Höhe und am Boden bildet sich langsam ein See. Doch dieser hat so überhaupt keine Lust da draußen zu bleiben, - so schlängelt er sich irgendwo durch die Wand ins Innere des überdachten Teils und wenn er es könnte, würde er scheinheilig in die Höhe schauen und pfeifen. Überall sehe ich neue feuchte Überraschungen, die sich langsam zusammen finden. Auch tropft es an einigen Stellen munter durch das Dach. Angestellte bringen unentwegt irgendwelche Auffangbehälter und wischen den Boden, stören damit das freudige Zusammentreffen der einzelnen Bäche.
Ich bestelle mir etwas zu essen. Es ist wieder köstlich. Rechter Hand kreisen circa 50 Adler. Ein majestätischer Anblick.
Mutter schreibt mir in einer Mail, dass ein Freund unserer Familie scharfen Alkohol selbst beim Duschen im Mund hielt, um die Bakterien sicher fern zu halten...- keine Bakterien, dafür einen kleinen Schwips! :) Und Goethe berichtet von einem Chinabesuch, dass er Obst geschenkt bekam. Selbst dieses wusch er mit Alkohol.
Gruß in die Heimat: “Ihr Lieben! Was für ein Wahnsinn!!!! Es hat fast 40 Grad, ich habe 13 Stunden in meinem mit ‚indischem Flair’ behaftetem Zimmer verbracht (schlafend!) und nun sitze ich am Dach meines Hotels und bekomme gleich Chaitee und Chapati mit Kartoffel und Karfiol, indische Musik aus den Boxen. Draußen auf der Straße hupen sie sich die Seele aus dem Leib und weiße Rinder mit einem Buckel ziehen hölzerne Karren hinter sich her. Dreck und freundlich lächelnde Männer, die einen alle Naselang anquatschen. Sind aber meist schnell abgewimmelt! Nach dem Essen geht‘s dann zur ersten Geldbeschaffung!...”
Mutter antwortet: „...Vater singt wieder, seitdem er weiß, dass es Dir gut geht!...”
Irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt kommt einer der kleinen, jungen, schmächtigen Angestellten mit einem total verdreckten riesigen und stinkenden Kanister durch‘s Lokal und verschwindet damit im hinteren Bereich. Er hat schwer zu schleppen, trägt ihn zwischen seinen Beinen. Das wiederholt sich dreimal. Kurz darauf startet und knattert das Aggregat sein schon bekanntes Morgenlied. Die entleerten Kanister kommen zurück, man riecht den Diesel deutlich. Da hat wohl einer Durst gehabt.
Am Nachmittag begebe ich mich erneut müden Schrittes auf‘s Dach des Palm D‘or ins dort befindliche Restaurant und nehme draussen auf der Terrasse platz. Ja, ja!- das geht schon, hat es doch mittlerweile aufgehört zu regnen. Allerdings stehe ich nach einer gefühlten hundertstel Sekunde wieder, birgt doch der Rattansitz in seinen Ritzen diverse Wasserreserven. Die dort oben verweilenden Inderinnen haben dies mitbekommen, lächeln und kichern zu mir herüber. Ich lächle auch. Eine lustige Situation. Besonders für sie... Allerdings ist die Feuchtigkeit bei der Hitze schnell Geschichte.
Kurz schaue ich unten im Eingangsbereich vorbei, Autos, Mopeds und Tuk Tuk‘s brausen gemütlich ihres Weges. Vor der hohen grauen dreckigen Mauer auf der anderen Seite, stehen Menschen mit ihren Karren und warten auf irgendwas. Weiter links provisorische Hütten. Hier verkaufen sie Kleinigkeiten. Neben dem ein paar Schritte entfernten Gulli vor dem Hotel, hat jemand fein säuberlich ein Häufchen Müll zusammengekehrt. Eine Frau geht mit einem Eimer in der einen Hand, einer Tasche in der anderen Hand und einem großen Sack am Kopf beladen an mir vorbei. Ein, zwei Mäuschen verschwinden hinter einem Blumentopf neben der Eingangstüre; da gibt‘s wohl was Leckeres. Es regnet.
Diesen kompletten Tag verbringe ich in Ruhe in meinem Hotel. An der Rezeption vorbei, den Aufgang über die Treppen und auch den gleich daneben befindlichen Aufzug links liegen lassend, kommt man zu einer Sitzecke mit Sofas, einem niederen Tisch und Ventilatoren. Hier sitzt der Besitzer mit anderen Männern. Er lädt mich ein Platz zu nehmen. Ich folge der Einladung. Sie haben anscheinend eine Probelieferung für Seife, Nagelfeilen, Kämme, Zahnbürsten und so fort bekommen, packen sie aus, begutachten sie und unterhalten sich indisch. Und ich sauge weiterhin alle diese Begebenheiten des normalen Lebens auf. Das ist wunderbar.
Zu späterer Stunde treffe ich zwei nette Australierinnen. Wir sitzen wieder entspannt auf der Dachterrasse, es ist dunkel und wir plaudern über unsere Heimat und die Erlebnisse in diesem, uns allen so fremden Land. Später essen und trinken wir gemeinsam etwas, genießen den Abend. Sogar die Mailadressen haben wir ausgetauscht... Immer wieder taucht jemand auf und man kommt schnell in ein Gespräch. Jetzt ist‘s ein einarmiger Mann. Er ist interessiert was ich in Österreich mache und so vergeht die Zeit. ...und die Köche haben mir ihr Reich gezeigt. Sie luden mich ein, einen Blick in die Küche zu werfen. Stolz zeigen sie mir, was sie hier für uns kreieren. Zum Beispiel wird (ich denke es war Chapati) ein dünnes Brot am Innenrand eines heißen Ofens gebacken. Ein wenig anders als in Europa ist dies schon, aber ich bin beeindruckt.
Heute erreicht mich auch noch eine Nachricht aus Dachau. Die Veranstalterin des Konzertes dort, sendet mir in einer Mail die Kritik der Süddeutschen Zeitung. Ein schöner Artikel.
Red Fort, Mahatma Gandhi, Akshardham
5. Oktober. Lecker gegessen - eine Schale Reis, scharf gewürztes Gemüse; Brokkoli und Kartoffeln, ein Chai Tee in einer kleinen Thermoskanne sehr heiß serviert und eine große Flasche Wasser: 3 Euro 40 alles zusammen.
Während ich dort genüsslich schmause, kommt eine indische Familie herein und setzt sich an einen nahen Tisch. Vater, Mutter und Tochter. Sie wählen ihr Essen, plaudern... Dann völlig unvermittelt, kommt die circa siebenjährige Tochter zu mir, stellt sich sehr nah vor mir auf und fragt mich in fließendem gutem Englisch wo mein Heimatland ist, wie ich heiße, wie es mir geht... Ich bin überrumpelt, geplättet und kann vor Rührung nur noch lächeln. Dieses Lächeln begleitet mich noch lange und will gar nicht mehr von mir weichen. Mit den Eltern komme ich dann auch ins Gespräch, leider habe ich, ob der besonderen Situation vergessen, woher sie aus Indien stammen. Das Mädchen und ihre Eltern lächeln auch immer wieder zu mir herüber. Das sind Highlights im Leben!
Die beiden Australierinnen hatten gestern einen guten Tip für mich. Sie waren mit einem Sikkh im Taxi zu einer weiter entfernten Sehenswürdigkeit gefahren und überließen mir seine Karte.
Ich gehe zum Chef des Hotels und bitte ihn, den Sikkh für mich anzurufen. Etwas mulmig ist mir bei dieser Frage schon zumute, da er mir nach meiner Ankunft einen eigenen Fahrer angeboten hatte, der mich, nach seiner Aussage, sehr günstig überall hinbringen würde. Die beiden Australierinnen hatten allerdings so sehr von diesem Sikkh geschwärmt, dass ich gerne eine Fahrt mit ihm unternehmen möchte. Er sei sehr nett und zuvorkommend und der Preis völlig in Ordnung. Der Chef schaut mich an und bringt nun seinen Fahrer wieder vor. Nach einigem hin und her, hat er mich überzeugt... Also!- in Kürze geht es los. Zuvor breitet er noch einen relativ großen Plan Delhis vor mir aus und markiert mit großzügigen roten Kringeln die Sehenswürdigkeiten, die ich mir eigentlich nicht entgehen lassen sollte. Ich frage noch einmal etwas detaillierter nach und entscheide mich heute für drei Orte: Die rote Festung, das Denkmal Gandhis und einen Tempel. Kurz kann ich noch in mein Zimmer flitzen und meine Kamera holen. Auf geht‘s.
Mein netter und zurückhaltender Fahrer wartet schon. Die erste Fahrt gilt einer Bank und wieder einmal funktioniert es nicht. Die nächste und nächste und nächste... Wie langweilig. Dann kommen wir endlich zu einer großen Bank, der Citibank. Ein riesiges Gebäude mit Sicherheitskontrolle. Der Fotoapparat wird durchleuchtet, ich mit einem Metalldetektor abgetastet. Im oberen Stock kommt mir dann nach misslungenen Versuchen eine Angestellte zur Hilfe; es klappt leider nur ohne Bestätigungsrechnung. Egal! - Hauptsache ich hab‘ endlich wieder Geld!
Wir fahren zum Red Fort. Neben uns putzt ein Tuk Tuk Fahrer im Stau sein Gefährt innen. Er staubt ab. Dann beutelt er sein Staubtuch draußen kräftig und überaus überzeugend und mit großem Erfolg aus. Bin ich froh, dass ich gerade in einem Auto unterwegs bin.
Leider sind wir spät dran; das Fort schließt gleich, so werde ich es nur von aussen sehen können. Ich verlasse das Taxi. Mein Fahrer warnt mich, dass sicher irgendwer irgendetwas verkaufen will... ich soll vorsichtig sein. Und da ist er auch schon und bietet mir Postkarten an, sehr günstig, very cheap... Postkarten; die nehme ich mir selber mit meiner Kamera auf. Danke!
Kleine Streifenhörnchen kraxln an der niederen Mauer herum, auf der ein Mann sein Abendnickerchen hält und die um den Graben des Forts errichtet ist, alles in dem typischen Rot, das dem Gebäude seinen Namen gibt. Vornehmlich sind es Inder, die mir entgegen kommen. Sie glotzen mich an, da ich so ziemlich der einzige Europäer hier bin; ich habe auf jeden Fall keinen weiteren gesehen. Je näher ich zum Eingang komme um so umtriebiger wird es. Laute Musik mit wummernden Bässen scheinen die zwei kleinen Riesenräder anzutreiben. Überall sehr bunte Eingänge. Irgendwo knattert ein Generator und pufft seine Abgase sehr gut sichtbar und auch zu riechen in den Himmel ab. Etwas weiter entfernt ein Tempel im Sonnenuntergang. Wieder kreisende Adler. Ich mache Fotos und kleine Filmchen und komme flott zu meinem bezopften Taxifahrer zurück. Die Hitze ist wieder enorm, das Taxi klimatisiert. Das Fort ist schön und groß und rot und ich hab‘s gesehen.
Auf der Weiterfahrt sehe ich auf einmal mitten in dem Gewühle der Stadt kleine fast quadratische Drachen an Schnüren über den Dächern fliegen. Ich hatte davon schon vor Antritt meiner Reise gehört. Kinder lassen sie von Dachterrassen aus steigen. Leider kann ich sie aus dem fahrenden Auto und ob ihrer enormen Beweglichkeit nur äusserst verschwommen mit meiner Kamera einfangen.
Wir fahren am Delhi-Gate vorbei. Plötzlich steht uns ein mittelalter Mann mit seinem Fahrradkarren auf der Straße gegenüber. Er hat ihn hinter sich weit über ihn hinausragend mit Gras beladen und schiebt ihn. Ein uns überholendes Auto hat auf seinem Dach drei Trommeln befestigt. Zumindest ein Foto konnte ich machen. Auch wenn‘s in der Schnelle leicht verschwommen ist. Ein junger Mann wäscht meinem Fahrer die Scheibe und bekommt von ihm dafür eine kleine finanzielle Dankesgabe. Ein anderer Mann sitzt lässig auf der Tragfläche eines Kleinlasters;- undenkbar bei uns. Ein Müllwagen, auf dem sich Raben gütlich tun. Menschen lungern. Tuk Tuk‘s überall, Mopeds auch. Beeindruckende Menschen. Momentaufnahmen.
Der zweite Punkt ist nun die Gedenkstätte von Mahatma Gandhi. Sein eigentlicher Name ist ‚Mohandas Karamchand Gandhi‘. Er wurde am 2. Oktober 1869 in Porbandar, Gujarat geboren und am 30. Januar 1948 starb er in Delhi. Er fiel einem Attentat zum Opfer. Der Täter erschoss ihn. Diese Grabstätte ist ein ‚Kenotaph‘, ein Scheingrab, das zu Ehren Gandhis hier errichtet wurde.
Alles ist sehr gepflegt und ordentlich. Viele Menschen drängen, diesen Ort zu sehen. Trotzdem ist eine ruhige Stimmung auszumachen. Ich bleibe nicht allzu lang, möchte ich mir doch noch einen Tempel ansehen. Ich habe die Sehenswürdigkeiten ziemlich spontan gewählt, wirklich groß vorbereitet bin ich nicht. Beim Ausgang der Parkanlage sitzt ein junger Mann lässig auf einem riesigen Ast eines Baumes, der sehr dicht über dem Boden gewachsen ist. Fantastisch! Wahrscheinlich nicht ganz in seinem Sinne, aber manchmal muß man sich den Gegebenheiten beugen. Auf jeden Fall ist eines sicher: der lädt zum Verweilen ein.
Mein Fahrer wartet schon auf mich. Er ist ruhig, hat einen feinen Humor, leider kommunizieren wir wenig. Vielleicht sind es wieder einmal die nicht allzu großen Englischkenntnisse. Dadurch habe ich allerdings mehr Möglichkeiten Fotos zu machen. Zum Beispiel die direkt neben der Straße zu findenden circa fünfzig Ziegen. Daneben LKW‘s. Woanders dunkelbraune armselig gekleidete Männer; unter einem Baum direkt am Mittelstreifen einer großen Straße sitzend, ihre Habseligkeiten in dreckigen weißen Säcken. Noch ein Stück weiter einige Menschen. Sie sitzen auf großen Pflanzentrögen, teilweise mit Matratzen belegt. Schlafen sie hier? Zwei Frauen völlig vermummt. Die eine in einem blauen Kleid und einem tristen farbigem Tuch, die andere in Schwarz.
Er erklärt mir, dass man in dem Tempel, in den wir gerade fahren, keine Kameras, Handys und einiges mehr, mitnehmen darf. Ich suche alles nicht erlaubte zusammen und verstaue es in der Fototasche, hoffend, dass mein Fahrer eine ehrliche Haut ist. Wir sind da. Es ist der Akshardham Tempel. Es ist noch nicht dunkel, aber es wird nicht mehr allzu lange dauern, die Dämmerung umhüllt uns bereits.
Ich suche den Eingang und stelle mich in der recht langen Schlange an. Freundlich und auch lächelnd und ein wenig kopfwackelnd macht man mich darauf aufmerksam, dass ich in der falschen Reihe stehe,... „die Männer stehen dort drüben!“... aber eigentlich find ich‘s hier... Schade! Nebenbei möchte ich erwähnen, dass ich sehr viele sehr schöne Frauen gesehen habe. Immer wieder in Indien. Hier liegt mein Hauptaugenmerk natürlich im Tempel, aber aus den Augenwinkeln, nehme ich sie sehr wohl wahr. Andererseits gibt es überall auf der Welt wunderschöne Frauen und oftmals ist die vordergründige Schönheit beim zweiten hinsehen auch noch schön, aber die natürliche noch schöner und oftmals nur versteckt und verdeckt. Ein Lächeln reicht...
Junge Männer fangen eine Kommunikation mit mir an, ich bin noch zu kurz in Indien, um bestimmen zu können, was das jetzt wird. Einerseits gibt es schon kriminelle Ambitionen, andererseits gibt es Neugier und offenes Umgehen mit gleichgeschlechtlichen Pärchen. Allerdings habe ich da nur Männer gesehen. Ausserdem hängt man sich auch einfach nur so bei seinem Freund ein, hält Händchen, oder legt den Arm um seine Schulter, ohne das dies gleich bedeutet, das die beiden in einer Beziehung stehen. Und es gibt auch liebenswerte Menschen, die gerne mit einem sprechen möchten, wie überall auf der Welt.
Ich glaube die drei Burschen in dieser Warteschlange, sind nur neugierig. Ich passe zwar mit leicht erhöhter Aufmerksamkeit und umgestelltem Bewusstsein auf all meine Wertsachen auf; in dem Fall völlig unnötig und ich kann von meiner Reise sagen, dass es nie einen Moment gab, in dem ich mich unwohl gefühlt hätte, nie war eine Situation unsicher oder unangenehm.
Endlich sind wir an der Reihe und meine drei Freunde haben anscheinend übersehen, dass Handys nicht erlaubt sind und werden schroff hinaus beordert.
Wir müssen Gürtel, Geldbeutel, Pass und all den anderen Kram aus unseren Taschen in ein so mittelsauberes Plastikschälchen geben, dieses dann auf eine metallene Rutsche legen, an deren Ende es flüchtig mit den Augen und durch Hygienehandschuhe geschützte Hände des Kontrollpersonals überflogen wird. Als nächstes werden wir einer Körperkontrolle durch Metalldetektoren und händisches Abtasten unterzogen. Dann geht‘s weiter. Draußen bin ich froh, alles wieder verstauen zu können, besonders dem Gürtel seine Bestimmung wiederzugeben…
* * *
An dieser Stelle möchte ich einen Gedankenstrich setzen!
Es gibt Momente im Leben, die unerwartet einfach da sind und überwältigend sind. Jedes Wort drückt bei weitem nicht das aus, was mir hier widerfuhr; einfach im wahrsten Sinn des Wortes: unaussprechlich! Es bleibt der besondere Moment. Ein Moment so ganz und jetzt und hier und für alle Ewigkeit eingebrannt in meine Seele.
Eine wunderschöne Grünanlage, umrandet mit einer roten Mauer, Wasser plätschert irgendwo herunter und wird beleuchtet. Wieder viele Menschen und eine unglaublich friedliche Stimmung. Ich biege nach rechts ab und da steht dieser Tempel vor mir. Ich erstarre vor Ehrfurcht. Er ist so prächtig. Aber es ist weitaus mehr. Ich ringe gerade, da ich dies schreibe, nach den rechten Worten. Dieser Moment dort, ist so unglaublich besonders. Normalerweise bin ich ein nüchtern denkender Mensch, aber hier möchte ich nur eines: beten! Die Stimmung fordert es geradezu. Besser wäre vielleicht zu sagen, dass einem hier die Möglichkeit dazu gegeben ist. Ich schreite in Höchststimmung auf dieses Bauwerk zu. Darauf bin ich einfach nicht vorbereitet. Ich will gerade die Stufen hinansteigen, als ich freundlich aber bestimmt aufgefordert werde, in einem seitlich gelegenen kleinen Gebäude, meine Schuhe abzugeben.
Der Herr in diesem großen Zimmer, ist wie in einem Keller. Wir schauen zu ihm herunter. Ich bekomme einen sehr verdreckten Sack (alle sehen so aus) und gebe meine Schuhe hinein und beides zu dem Herrn im ‚Keller‘ zurück. Eine Marke gibt mir die Chance, später meine Schuhe wieder zu bekommen.
Von diesen irdischen Notwendigkeiten, wende ich mich wieder dem Geist dieses besonderen Ortes zu und wandele auf meinen Socken in Richtung Treppe. Ich bin überwältigt. Der Tempel ist außen aus Sandstein gebaut und innen einfach weiß aus Marmor. Alles ist weiß. Überall sind Figuren und Formen und Muster in den Stein geprägt. Keine Erde, oder Schwere. Kein Bewusstsein für den Moment. Die Gegenwart ist wie ein Nichts und gleichzeitig gehe ich über vor Gefühlen. Chaos in Kopf und Herz. Ich kann nicht klar denken und fühle mich doch so nah bei mir. Ich bin. Eine Zeremonie findet gerade statt, die Menschen sitzen am Boden und beten.
Als ich wieder heraus komme, ist es schon recht dunkel. Ich gehe die Stufen hinunter und hole mir meine Schuhe. Dem Weg weiter folgend und den Tempel im Rücken, bewege ich mich ein ganzes Stück in Richtung Ausgang. Dann drehe ich mich um und wieder Sprachlosigkeit. Der Tempel ist nun auch noch beleuchtet. Mir bleibt nur eines; beten. Ich setze mich an den Rand des zum Tempel führenden, sehr breiten Weges auf ein niederes Mäuerchen und spreche einen Spruch; aus tiefster Seele, aus meiner berührten und erschütterten Seele. - - - - Ruhe.
Wenn aus den Seelentiefen
Der Geist sich wendet zu dem Weltensein
Und Schönheit quillt aus Raumesweiten,
Dann zieht aus Himmelsfernen
Des Lebens Kraft in Menschenleiber
Und einet, machtvoll wirkend,
Des Geistes Wesen mit dem Weltensein.
Ich muss mich leider von ihm losreißen, wartet doch da draussen der nette Taxifahrer auf mich. Er zeigt es nicht, eben typisch Indisch, aber ich glaube, dass er heilfroh ist, dass ich wieder da bin. Wir fahren zurück ins Hotel, ich bedanke mich und bitte ihn, ob ich ein Foto von ihm machen darf. Klar. Nein, nein! Ein wenig mehr von der Seite, sodass sein kleiner Zopf auch mit drauf kommt.
Ich werde diesen Tempel nie vergessen!
Es ist spät und ich gehe noch einmal kurz auf die Straße vor dem Hotel. Die Stadt ist hörbar wach und lebendig. Der Mond scheint auf uns herab. Schwüle drückt. Mein Blick schweift nach links und da sehe ich einen jungen Mann, seine Habseligkeiten neben sich. Er liegt auf dem Bauch, den kopf auf den zweiten Bürgersteig wie auf einen Kopfpolster gelegt. Mir schnürt es den Hals zu.
Lotustempel
Am 6. Oktober stehen alle Tische und Stühle auf der Dachterrasse. Es regnet heute nicht. Im Inneren sieht es dreckig aus; sie spachteln die Decke und malen und dichten alles ab. Das geht wirklich ruck zuck und alles ist wieder in Ordnung.
Meine Mutter schreibt mir in einer Mail, dass es winterlich kalt ist und Schnee bis 900 Meter fällt. Unvorstellbar momentan für mich. Und weiter: „...Ein schrecklicher Sturm über den Philippinen, jetzt weiter über Kuba und auf dem Weg nach Florida/USA, schreckliche Verwüstungen anstellend. Arme Menschen. Bitte nicht nach Indien!...“ Blitzartig fällt mir, als ich diese Zeilen lese, etwas ein. Ich hatte bevor ich nach Indien flog, in einem aktuellen Informationsblatt gelesen: ‚Die Wetterdienste warnen, dass ein Zyklon mit Windgeschwindigkeiten bis 230 km/h am 12. Oktober auf die indische Ostküste treffen wird. Der Zyklon könnte auch Flutwellen auslösen.‘ Na Bravo, hab‘ ich mir damals gedacht. In Indien selber war dann alles ruhig; zum Glück.
In der Nacht nehme ich eine kurze Erinnerungsnachricht mit meinem Handy auf. Einer der Kommentare behandelt die nicht gerade sehr erfrischende Luftqualität. Es ist staubig und dreckig. Eine folgende Aufnahme bringt mir sehr eindrucksvoll die dort völlig normal erscheinende Geräuschkulisse in mein Gedächtnis zurück. Im Vergleich zu meinem ruhigen Dörfchen hier in Österreich, ist es wie in einem brodelnden Moloch. Es dröhnt und ist gewaltig, fast aggressiv. Eine spezielle Stimmung überkommt mich.
Wie ist eigentlich der Einstieg der Sinneswahrnehmungen dieser Welt vonstatten gegangen, frage ich mich? Wenn ich jetzt als Ausgangspunkt den Start von Sankt Gilgen nehme und als vorläufigen Endpunkt die Dachterrasse am Abend des ersten Tages;- wie geschieht es und was geht in einem vor, dass man das alles auf einmal als relativ normal ansieht. Die Reise beginnt bei den ersten Kilometern und endet 1000e Kilometer von dort entfernt. Alles ist anders. Wenn mich jemand mit einem Fingerschnipp nach Delhi auf die besagte Terrasse verzaubert hätte und nach 30 Sekunden wieder zurück, dann wäre das wahrscheinlich unfassbar gewesen. So wächst man Stück um Stück in diese Situation und lernt von Moment zu Moment dazu, taucht langsam ein. Unglaublich spannender Gedanke finde ich.
Abendmail: „...Ich bin vor circa 1 Stunde von einem Trip zum Lotustempel zurück gekommen. Das war ein Wahnsinn!! Der Taxifahrer ist wie irre gefahren; aber gut. Ich habe Filmchen gemacht... Der Tempel selber ist von aussen beeindruckend, innen kahl, groß. Einer kurzen Zeremonie beigewohnt. Schöner, berührender Gesang. Immer wieder fragt einen wer, ob man ein Foto von ihm macht... war seltsam. Aber einmal war‘s eine Familie! Gibt sehr, sehr schöne Frauen hier!!!! - hinreißend!! Durch den Regen vor zwei Tagen und den Jahreszeitenwechsel, sind sehr viele lästige Miniinsekten unterwegs. Sind aber nicht gefährlich, nur ‚langweilig’!! :) Der heutige Fahrer war ein Vielredner und meinte zwei mal mich mit irgendeinem Basar beglücken zu müssen. Ich hatte aber keinen Nerv, er war sehr ausdauernd, so musste ich irgendwann laut werden, was die Stimmung momentan leicht sinken ließ! Dann brachte er es ‚auf indisch’ wieder in Ordnung. „You are a very good man! If you are happy, I‘m happy too!“ („Du bist ein sehr netter Mann! Wenn Du glücklich bist, bin ich es auch!”). Irgendwie tat er mir auch leid! Er hat echt sein Bestes gegeben. Morgen um circa 6 Uhr geht‘s vom Hotel los. 7 Uhr ‚Check in’ am Flughafen, 9:05 Uhr Abflug nach Jodhpur, 10:55 Uhr Ankunft. Dort werde ich vom Besitzer meines Guesthouse abgeholt, was ich gar nicht mal so schlecht finde. Und damit ich morgen nicht verschlafe, werde ich (noch nicht ganz, aber bald) ins Bett hauen (mich!:) ...”
Ja, dieser Trip war nun wirklich speziell. Einerseits war die Strecke ganz schön weit, andererseits hätte man Unmengen an Zeit einsparen können, wäre da nicht... der indische Verkehr. Massen an Autos. Überall wo ich unterwegs war, waren sie auch. Immer bei mir. Es schien, als ob sie‘s mir zum Fleiß täten. ‚Staun wir doch mal den Askold ein wenig, dann hat er was zu erzählen!‘ Als so gar nichts mehr vorwärts gehen will und rings um mich Autos wie auf einem Platz versammelt, keilförmig auf eine zweispurige Straße zusteuern, mache ich ein Filmchen. Darinnen zeige ich das Chaos rings um‘s Auto und dann mich. Man sieht mir die Anstrengung an. Dann sage ich leise: „Nächsten Urlaub verbringe ich in Abersee!“ Abersee ist übrigens nur wenige Kilometer von Sankt Gilgen entfernt, glaube circa vier.
Mein Fahrer ist sichtlich müde, jedenfalls fallen ihm in Warteminuten immer wieder die Augen zu. Mann würde der jetzt gerne schlafen, der Arme! Vielleicht hupt er deswegen so viel,- nur um wach zu bleiben. Ich glaube er hat die lauteste Hupe Indiens! Selbst in absolut sogenannten aussichtslosesten Situationen, da Autos in allen Richtungen sich gegenseitig die Weiterfahrt unmöglich machen, hupt er um sein Leben. Die ist echt laut!
Oft lasse ich die Kamera mitlaufen. Unfassbare Situationen fliegen so mit mir zurück nach Österreich. Eine verpasse ich leider. Wir kommen gerade zu einer Ampel vor einer wirklich extrem großen Kreuzung. Rot!- grad geworden. Das war‘s wieder mal! Warten! Denkste;- gibt mein toller Fahrer doch einfach seinen was-weiß-ich-wievielen-Pferdchen Gas und wir rutschen noch eben mal in einer eleganten Schlängelkurve einmal quer über die gesamte Kreuzung, während sie sich von allen nur unvorstellbaren Richtungen wieder füllt!
Der Lotustempel, ‚Haus der Andacht‘, ist in seiner Gestalt sehr eindrücklich. Eben wie eine überdimensionale Lotusblume. 1976 bekam der iranisch-kanadische Architekt Fariborz Sahba den Auftrag und er wurde am 24. Dezember 1986 eröffnet. Seine Höhe beträgt 40 Meter, 2500 Menschen können darinnen zugleich an einer Zeremonie teilhaben und er ist aussen und innen mit weißem Marmor aus Griechenland belegt. Der Lotustempel ist ein Gotteshaus der Bahai und steht allen Religionen offen. Alle können hier zu ihrem Gott beten. Alles ist klar und schlicht gestaltet, nichts ist überladen. Der einzige Wermutstropfen, der in falscher Schreibweise, jedoch der Aussage nach für mich noch zutreffender als Wehmutstropfen geschrieben werden will, da ich Wermut gar nicht einmal so grauslig finde, also der einzige Wehmutstropfen für mich ist,- das sage ich etwas augenzwinkernd, dass keine Musikinstrumente in Bahaitempeln gespielt werden sollten. In der Zeit, in der ich dort verweilen darf, singt eine Frau ein wunderschönes Lied. Sanfte Klänge erfüllen all unsere Seelen. Stille.
Ardishir Rustampur kaufte 1953 den größten Teil des Landes, auf dem der Lotustempel steht. Er gab seine gesamten Ersparnisse dafür her.
Delhi ist für mich im ersten Eindruck -und das ist, nachdem ich diesen extremen Zeitmarathon vom 30. September bis zum 3. Oktober überstanden habe; vier Tage fast ohne Schlaf...- es ist die Stadt, die mir viel zum Nachdenken mit auf den Weg gibt. Vieles irritiert mich, vieles beflügelt meine Seele, manches ist unfassbar, wenn man aus dem kleinen Dorf mit circa 4000 Einwohnern, in eine Stadt mit 22 Millionen Menschen katapultiert wird. Hier zu Hause ist alles Eins. Man begrüßt die bekannten Menschen auf der Straße, trifft Freunde, kennt die Abfolge der Jahreszeiten und alle dazu gehörigen Gegebenheiten, hat seinen Alltag, seine Arbeit und lebt in der Gesellschaft, in dem Teil der Menschheit, der einem seit der Kindheit nah ist, in dem man Sicherheit fühlt. Schon Mutter und Vater geleiten einen durch die Anforderungen des Lebens, bis man sich aus der liebenden Hülle freistrampelt, hin und wieder im jugendlichen Leichtsinn auf die Nase fällt und langsam Schritt für Schritt immer mehr den Ernst und ebenso die besonderen Freuden und den Reichtum, den es uns schenkt, so wir den Blick dafür haben, wahrzunehmen lernt.
Hier leben Menschen, die so andere Voraussetzungen haben als wir. Ich habe gesehen, wie sie auf der Straße schlafen. Ein älterer Mann treibt sein großes Dreirad, welches eher selbst hergestellt aussieht, über Pedale in Brusthöhe mit den Händen an. Ein Krüppel rollt irgendwo im Gewühle auf seinem Brett daher, vier Räder,- keine Beine. Einer hat einen abgeknickten Fuß, sodass er praktisch am Knöchel geht und ein weiterer hat eine riesige Wucherung im Genick. Überall immer wieder am Straßenrand gespannte Planen, die vor Sonne, Regen, Wind und Kälte schützen sollen. Zwischen zwei Einbahnstraßen, die jeweils dreispurig sind und von vielen stinkenden Mopeds und Autos befahren werden, leben Menschen wie eingepfercht im umzingelten Bereich eines hohen Metallzaunes... - es ist teilweise wirklich unvorstellbar! Daneben dann die herrlichsten Paläste und Tempel. Dieser Kontrast ist so riesig. Und die Menschen sind so bezaubernd, so schön und so reizend! Diese Liebenswürdigkeit. Ich fühle mich nie unwohl; natürlich gibt es ‚Schlitzohren’ und im Zentrum von Delhi, mehr als genug. Fast jeder ist mein Freund (und was für einer!!) und hat irgendetwas ganz Spezielles, was ich mir absolut nicht entgehen lassen sollte…
Jodhpur
Am 7. Oktober geht es für mich weiter, der zweite Ort in Indien, mein letzter. Jodhpur. Sie wird die blaue Stadt genannt und grenzt direkt an die im Westen liegende Wüste Thar. Fährt oder geht man durch die wuselige Innenstadt, bemerkt man davon eigentlich gar nichts. Ich habe durch Barbara ein Guest House empfohlen bekommen und dieses liegt in dem Bereich Jodhpurs, in den man lange Zeit nicht hinein durfte. Es fühlt sich hier fast ein wenig wie in einem Dorf an. Sehr viele Häuser sind blau. Die blaue Farbe soll auch nebenbei gut gegen lästige Insekten helfen. Ursprünglich allerdings ist es die Farbe der Brahmanen. Sie gehören der obersten Kaste in Indien an und die Priester stammen hauptsächlich aus ihren Reihen. Vielleicht hängt ihre Lebensart mit der hier herrschenden Stimmung zusammen. Der Charakter eines Brahmanen sollte bestimmt sein von Heiterkeit, Selbstbeherrschung, Askese, Reinheit, Nachsicht, Aufrichtigkeit, Weisheit, religiösem Glauben, Mitleid mit allen Wesen...
Weiter wird auch noch gesagt, dass es nicht darauf ankommt, woher der Brahmane stammt und auch nicht, ob er diese oder jene gute Eigenschaft besäße, sondern nur alleine auf seinen Lebenswandel. Brahmanen gehen heute unterschiedlichsten Berufen nach. In alten Schriften wird der ideale Lebenslauf eines Brahmanen wie folgt beschrieben.
‚Mit acht Jahren geht er zu einem Lehrer und studiert die Veden. Danach hat er die Verpflichtung zu heiraten, Söhne zu zeugen, sie zu unterrichten und Opfer darzubringen. Sobald seine Söhne erwachsen sind, zieht er sich für den letzten Abschnitt seines Lebens in den Wald zurück und führt ein Leben als Eremit.’
Am Flughafen in Delhi mache ich eine erstaunliche Beobachtung. Wir alle müssen warten um kontrolliert und dann in das Flughafengebäude eingelassen zu werden. So hat man Zeit sich umzusehen. Gerade geht die Sonne hinter dem Dunst Delhis auf; glutrot und groß, riesig. Es ist ein erhebender Anblick und Moment, sie hier zu sehen. Sie fesselt meinen Blick an sich. Dadurch, dass ich einen Anhaltspunkt durch irgendwelche Metallstreben im Aussenbereich des Gebäudes habe, bemerke ich die enorme Geschwindigkeit, mit der sie aufgeht. Unfassbar.
Ich schreibe eine Mail nach Europa: ‚Meine Lieben in weiter und kalter Ferne! Um 6 Uhr bin ich (pünktlich!) von einem Taxi abgeholt und zum Flughafen gebracht worden. Bei euch war‘s da 2:30 Uhr und ich hoffe, dass Ihr zu der Zeit tief und fest und gut geschlafen habt!! Auf der Fahrt habe ich das erste Mal Affen gesehen. Sie liefen auf einer niederen Mauer direkt neben der Straße. Dann Check-in, Wasser trinken, einen werdenden Piloten treffen, warten und Abflug. Ist schnell vergangen. 1 Stunde und 50 Minuten in einer Maschine für circa 50 Personen. Propellermaschine...’
Wir landen und werden irgendwo aus dem Flieger entlassen. Das Flughafengebäude ist relativ weit entfernt, ein großer betonierter Platz gibt uns geräumigen Empfang dasselbe zu erreichen und die Sonne prasselt ganz schön auf uns hernieder. Innen ist alles klein, geradezu intim.
Auf der anderen Seite komme ich wieder heraus und da stehen sie alle in Reih und Glied aufgefädelt, jeder einen Zettel oder ein Schild in der Hand. Die besseren Hotels bessere Schilder, die schlechteren schlechtere Zettel. Ich ziehe einmal an ihnen allen vorüber, meinen Koffer hinter mir her, den Rucksack am Rücken. Jeder lächelt mir entgegen, erwartend, dass ich ihr Kunde sei. Dann bin ich durch. Wahrscheinlich habe ich meinen Fahrer übersehen. Also noch einmal. Wieder lächeln. Ein wenig Kopfwackeln. Wieder nichts. Aber sie hatten doch versprochen, mich hier abzuholen. Ich lege eine kurze Kontrollpause ein; wirkt sonst komisch. Dann starte ich aus etwas weiterer Entfernung ein drittes Mal, schiele erneut so unauffällig wie es nur möglich ist auf ihre Schildchen, so als würde ich nur aus Spaß und Dollerei und aus Versehen schon wieder hier auftauchen. Nichts! Plötzlich steht, wie vom Himmel herab gefallen ein sehr junger Mann neben mir und hält mir einen Zettel unter die Nase auf dem geschrieben steht: ‚Welcome Mr. Askold zur Eck!‘ Ich sehe ihn an und sage: „Yes!“ Er will gleich meinen Koffer schnappen, ich ziehe ihn lieber selber. Wir lassen das Flughafengebäude hinter uns verschwinden und es scheint fast so, als hätten sie in meiner Herberge geparkt, aber dann erreichen wir das Fahrzeug doch noch. Der Fahrer muss sich noch erst seine ‚Uniform‘ anziehen;- er lächelt bei diesen Worten. Dann startet er sein Tuk Tuk und die beiden bringen mich wortlos in mein ‚Castle View Home Stay‘. Thema Tuk Tuk: Sehr lustig, laut, stinkend, schlecht gefedert. Dann die Fahrt durch die halbe Stadt und die wirklich engen Gassen.
Völlig durchgerüttelt, verschwitzt und ein wenig müde vom frühen Aufstehen, steige ich aus. Meinen Koffer übergebe ich diesmal gerne dem jungen Mann. Äusserst dankbar folge ich dem Fahrer, dem ‚Träger’ und meinem Koffer. Und schon geht’s von einer Gasse in ein enges Gässchen, durch ein kleines metallenes Gittertor, das ich hinter mir schließe und weiter steile Treppen mit extrem hohen Stufen hinan. Ich sehe kaum etwas, ob des Riesenangebotes an Sinneseindrücken; nur die gewissen Hinterlassenschaften am Boden von-was-weiß-ich-wem, einige sicher von Hunden, umschiffe ich geschickt... Die letzten Riesenstufen hinauf und ein kleines Innenhöfchen in blau begrüßt mich. Überall Blumen und allerlei anheimelnde Details. Wie ein Paradies. Links eine kleine Rampe, über Stufen zu erreichen, dahinter ein kleines offenes Zimmerchen. Irgendwie dringt von irgendwoher irgendetwas ähnliches wie „Askold!” an mein Ohr und schon steht der junge dunkelbärtige rajasthanische Besitzer vor mir. Punit. „Very Welcome! Please come in!” Ich setze mich, bekomme eine Flasche eiskaltes Wasser, freue mich darüber und genieße es. Wir sprechen ein wenig. Dann zeigt er mir sein Reich, das seit kurzer Zeit mit dem von ihm früher geführten Castle View kooperiert. Sie sind verwandt. Er ist sichtlich stolz; zeigt mir ein paar Räumlichkeiten. Dann die Stiegen hinauf, wieder steil, wieder hoch. Oben eine Terrasse. Der Ausblick ist umwerfend. Die Hitze auch. Weitere Ausblicke von anderen Terrassen. Was für eine Welt. Wir setzen uns wieder. Ein in traditioneller Temperatur gereichter Chai wird mir offeriert; Vorsicht sehr heiß. Alles geht extrem entspannt und ruhig von statten. Die Gelassenheit dieses jungen Mannes trifft hart auf meine momentane Stimmung. Europa lässt immer wieder einmal in mir innerlich grüßen. Zu gerne würde ich jetzt mein Zimmer beziehen, mich frisch machen und dann beginnen hier anzukommen. Stattdessen sitze ich hier und trinke heißen Tee und plaudere mit Punit. Geht also grad irgendwie nicht. Aber eigentlich bin ich doch schon hier und brauche gar nicht anzukommen. Langsam legt sich meine innere Hetze und ich gebe mich diesem indischen Lebensgefühl hin. Bis zum Abend sollte ich noch ein echter Inder werden, zu mindest was dieses Gefühl angeht. Und das war dann der eigentliche Beginn meines Urlaubes.
Da ich zu dieser Zeit allerdings erst ein ‚Viertelinder‘ bin, ist der Aufbruch sehr Willkommen. Verwinkelte Gässchen, Überquerungen von der einen und anderen Terrasse und die nun schon bekannten Treppenformate, bringen uns zwei, drei Häuser weiter in mein Castle View. Wieder kurze Sitzpause; man begrüßt mich mit: „Hello-how-are-you-I‘m-fine-thank-you!“ Es ist Sumit. Er schnurrt diesen Satz in einem herunter, ohne Komma, Punkt, Zäsur, grinst mich an. Ich sage: „Hallo! Mir geht‘s auch gut! Danke!“ Wir plaudern dort im Empfangsbereich, hier gibt‘s schon ganz schön viel zu sehen, einiges ist in Arbeit; es wird renoviert. Sie wollen wissen wo ich herkomme, was ich schon gesehen habe, wie die Reise war und was ich arbeite. Ich erzähle ihnen von mir. Eine lockere Unterhaltung zum Kennenlernen. Klar kommt beim Thema ‚Arbeit, Museum und Musik‘ die Maultrommel aus meiner Hosentasche. Ich werde aufgefordert, sie zu spielen; große Anerkennung. Dann ist mein Zimmer fast fertig. Punit zeigt es mir von aussen; mein Koffer wird ebenda abgestellt. Als ich die steile Treppe erklommen habe, bin ich momentan körperlich gesehen schon bereit mich dorthin zu begeben, wo man eigentlich erst gerne am Abend sein möchte. Mein Atem ist gut hörbar, mein Herz hat sich in seiner Tätigkeit meinem Atem angepasst. Ich glaube, dass man seinen Schlag auch sehen kann. Meine Adern sind geschwollen. Nur die bezaubernde Welt da draussen und mein Kopf sagen ‚nein!‘ zu dem Gedanken ans Bett. Aber vorerst geht‘s ja sowieso noch nicht, reinigt doch einer der jungen Angestellten das Zimmer; also schön wach bleiben.
Weiter geht es, ganz hinauf. Der Ausblick ist wieder fantastisch. Wir setzen uns und plaudern noch ein Weilchen. Irgendein riesiges gelb-schwarzes Insekt klatscht im Flug versehentlich gegen mein Bein. Mittlerweile bin ich schon ganz schön runter gekommen, mein dickes Päckchen europäischer Lebensart verlässt mich Stück um Stück.
Ich habe immer gesagt, dass ich nicht unbedingt ‚authentisch‘ übernachten muß, was bedeuten soll, dass ich auch gerne in normalen, sauberen Hotels übernachte. Kleine und größere Insekten unbekannter Art empfangen mich in und vor meinem Zimmer; einige gleiten halbsanft in den Insektenhimmel! Die Einrichtung ist wundervoll! Ich denke: Rajasthan pur!!
Merkwürdigerweise sind die Insekten nur bei meiner Ankunft dort zugegen. Später habe ich nie mehr eines ‚kontaktieren‘ können. Vielleicht irgendwo versteckt. Aus Furcht vor mir? Hoffentlich nicht! Ich möchte nicht einmal bei diesen kleinen Lebewesen einen solchen Eindruck hinterlassen. Allerdings sehe ich am Abend meines ersten Tages in Jodhpur einige Geckos an den Wänden benachbarter Häuser kleben. Da weder unser Guest House, noch die Räumlichkeiten innen, übermässig abgedichtet sind, male ich mir diese Tierchen bereits in meinem Zimmer aus. Ich überlege kurz, fahre auch diesbezüglich mein Gefühlsleben um einige Etagen herunter und akzeptiere es,- was habe ich für eine andere Wahl, ob ein Gecko bei mir einzieht? - - Ist aber nicht. Auch nicht schlimm.
Beim ersten Versuch mich zu rasieren, finde ich erst einmal meinen Scherkopf in alle Einzelteile zerlegt vor. Das passierte während der Reise. Leicht genervt setze ich ihn mit halbindisch angehauchter Gelassenheit wieder zusammen. Der Erfolg: er rappelt fürchterlich und das Ergebnis der Rasur ist so, als hätte sich ein vietnamesisches Hängebauchschwein mit einem chinesischen Seidenhuhn gepaart und ihr schon in die Jahre gekommener Sprössling wäre gerade in der Mauser. Nicht zum anschaun! Ich entschließe mich, die Wangen und den Hals von Zeit zu Zeit mit dem sogenannten Präzisionstrimmer leicht zu kürzen, das ist der einzige Teil dieses Rasierers, der noch funktioniert. So sprießt und sprosst und wächst und wuchert es um Mund und Kinn und ich sehe bald wie ein waschechter Rajasthani aus. Ich fall eigentlich gar nicht mehr auf hier. Aus Europa bekomme ich zu diesem Thema noch einige gute Ratschläge…; es hilft nichts, ich bleib ein Inder.
Ein Auszug einer weiteren Mail in die Heimat: ‚...Nun sitze ich am Dach (Terrasse natürlich:), sehr heiß, ein leichtes Lüftchen und der wirklich beeindruckende Blick auf das Fort. Ein paar Adler und Tauben und Schwalben und natürlich die blauen Häuser. Gleich werde ich mal meinen ersten Erkundungsgang machen - vielleicht!...’
Etwas später: ‚So! Da bin ich wieder! Ja, ich hab dann tatsächlich meine erste ‚große’ Forschertour in die direkte Straße hier unten unternommen. Man geht erst einmal durch einen schmalen verwinkelten Gang, dann geht‘s los. Links geht‘s zum Fort. Hab ich circa 200 Meter erforscht. In der anderen Richtung vielleicht 300 Meter - toll!- oder? :) Die Menschen sind sehr nett. An einem Stand bin ich gleich ins Gespräch gekommen, ‚musste’ dann Maultrommel spielen; schwupsdiwups, hast du‘s nicht gesehen, standen eine ganze Menge neugierige dunkle Augen um mich herum. Auch etwas entfernter; die Schüchternen. Echt super!! Übrigens nur so zwischendurch: ich werde, wenn nicht ein Wunder geschieht, bald wie ein Sadhu aussehen, da mein Rasierer irgendwelche Mucken macht! :) Im Hintergrund findet gerade eine Zeremonie für Lord Shiva statt. Dazu mischt sich diesen Moment der Gesang des Muezzin; aus der nahen Moschee. Hörner von der Zeremonie vom Tempel oben auf der Festung und irgendwie tönt es von überall. Dazu der Blick auf‘s Fort und die blaue Stadt... Schwalben und Autogehupe... Hundegebell... Hunde sind überall, aber bis jetzt friedlich, ausser einmal knurrte einer den anderen an. An anderer Stelle wurde neuem Hundeleben der Keim ‚gelegt’!... :) Kühe und ein müder herumstehender Esel. Dann treffe ich zufällig Punit, den Besitzer des Guesthouse. Er lädt mich ein neben ihm auf einem Absatz Platz zu nehmen und einen Minichai direkt von der Straße zu trinken. Heiß, scharf, lecker! Dann verpasse ich zuerst den Einschlupf in meine Gasse, später gefunden und falsch weiter gegangen, nämlich ‚nicht abgebogen’, worauf ich ein zartes Stimmchen hinter mir höre und mich umdrehe und ein ebenso zartes, bildhübsches Mädchen sehe, welches nur fragt: „Guesthouse?“ Ich sage „Yes!“ und sie zeigt mir lächelnd und sehr zurückhaltend den Weg. Einfach schräg rechts hinauf. Es wird gerade ruck zuck dunkel. Unglaublich schnell! Alles ist verzaubert! Ich sitze wieder auf der Terrasse...’
Ein Ungar erzählt mir heute, dass er gestern einen Affen auf unserer Terrasse am Dach gesehen hat. Ich habe dort nie einen gesehen. Auf anderen Dächern schon. Sie springen sehr elegant und leichtfüßig und flott von Haus zu Haus und eine Kolonie wohnt sogar ganz in der Nähe in einem Baum. Tagsüber ist es ihnen zu heiß, dann hängen sie dort einfach faul herum; abends werden sie dann aktiv.
Amit fragt mich, ob ich die gerade in der Renovierung befindlichen Zimmer sehen möchte. Gerne. Er zeigt mir verschiedene. Das Gebäude selber, das jetzt den malerischen Namen ‚Castle View Home Stay‘ trägt, ist ein 500 Jahre altes Heritage Haveli, in dem sie früher noch selber wohnten, bevor sie es für Gäste umbauten. In einem stehend fragt er mich, wie ich es farblich gestalten würde. Damit hat er mich ganz schön überrumpelt. Dann sagt er mir, was für verschiedene Möglichkeiten es gibt und ich fange in meiner Fantasie an, den Raum mit angeschlossenen sanitären Anlagen zu gestalten. Nach kurzer Zeit sage ich ihm, wie ich es mir gut vorstellen könnte. Er freut sich über meinen Vorschlag.
‚Meine‘ Dachterrasse ist gleichzeitig ein öffentliches Restaurant. Jeder kann hier essen. Menschen kommen und lassen sich nieder. Sie gustieren in der Karte, bestellen und warten. Manche allerdings nicht lange, denn dann dauert es ihnen nach etwa einer viertel Stunde (so erlebt) doch nun wirklich zu lange und sie machen sich durch meckern leicht bemerkbar. „Wo bleibt das Essen!? Wir warten nun schon eine halbe Ewigkeit hier herum! Wir wollen schließlich auch noch etwas anderes sehen als ihr Guesthouse! Unverschämtheit!...“ Oh ja!- Meine lieben Freunde der Küche bemühen sich nun schneller zu arbeiten, damit die Gäste, deutlich erkennbar aus einem asiatischen Land stammend, das Haus zufrieden verlassen werden. Nach einer weiteren kurzen Wartezeit legen sie nochmals nach, „...wie schrecklich und unprofessionell...“ und so fort. Das stellt sich für mich wie ein Schauspiel dar, das mit der reellen Welt nichts zu tun hat. Sie müssen so etwas wie Ausserirdische sein, die uns hier auf unserem Dach besuchen. Ausserirdische sind etwas aussergewöhnliches. Sie kommen uns sehr merkwürdig vor. Es ist ja zugegebenermassen recht interessant, sie zu beobachten, allerdings verbreiten sie eine fast unerträgliche Stimmung. Sie drängen ständig nach etwas, das gar nicht gedrängt werden muss. Es ist so, als würde man Sauerstoff in die Luft blasen, oder Tonnenweise Sand in die Wüste schaufeln, Wasser ins Meer kippen. Drängen, wo kein Gegendruck da ist, ist komisch. Sie brauchen doch nur dort zu sitzen, ihre Augen an dem sagenhaften Ausblick laben, ihre Seele mit all den Eindrücken füllen und in Ruhe das nehmen, was ihnen gereicht wird. Und das Geben funktioniert ganz ähnlich. Sie haben das Land, sie haben Indien nicht gesehen. Wahrscheinlich nahmen sie nur eine Attraktion und Sehenswürdigkeit nach der anderen, getrieben von einem kleinen Teufelchen, dem Teufel der Ablenkung, der Zerstreuung. In ihrem Heimatland werden sie sicher sehr erschöpft gewesen sein. Sie werden erzählen können, was sie alles tolles gesehen haben. Doch ihre Seele hat nichts gesehen. Denn die Augen der Seele brauchen Ruhe, Gelassenheit, Zuneigung und Liebe. Von welchem Planeten sie wohl stammen?
Bald haben wir unsere Ruhe zurück erobert und der Tag konnte fortgesetzt werden. Diese Ruhe und Ausgeglichenheit, die mich dort durchströmt, ist eine mächtige Kraft, die bis heute ihre Wirkung zeigt.
Eine Mail: „...Ich sitze wieder auf meiner Terrasse und genieße die dunkle Aussicht. Es ist spät; aber noch nicht sehr (zumindest in Rajasthan!). Gerade ist eine kleine Katze vorbeigelaufen! Besser als Affe, Hund und Kuh!! Es könnte sein, dass ich einen oder mehrere Geckos in meinem Zimmer haben werde! Aber auch besser als Affen! Übrigens hat mir der eine Besitzer erzählt, dass er einmal Bananen gekauft und sie in die Küche gebracht hat. Dann kam irgendwer zu ihm und meinte, dass sie Bananen bräuchten. Affen hatten sie durch‘s Fenster gestohlen! Ich war grad auf einem berauschenden Festival. Wir sind mit dem Moped hingefahren!! Circa 25 Meter später hieß es: „Absteigen, wir sind da!!” Es war sagenhaft! So reizende Menschen!! Ich hätte sogar die Einladung morgen mitzutanzen! Es ist ein spezieller Stocktanz! Einer meinte, er würde ihn mir beibringen! Der weiß nicht, wie viel Zeit ich dafür bräuchte und hat vergessen, wie lange er dafür gebraucht hat!! Könnt ihr euch vorstellen, wie viele Augen mir gelten würden und wie viele Menschen sich kaputtlachen würden? Nein Danke!!!! Nun sitzen wir (Besitzer und Helfer) auf der Terrasse...”
Am Abend fahre ich mit Punit zu dem in der Mail schon erwähnten recht kleinen Platz, der von Häusern ringsum gesäumt ist. Das Erlebnis ist wirklich einzigartig. Ich hätte wirklich zu gerne mein Gesicht bei der Ankunft dort gesehen; nach der kurzen Fahrt von circa 25 Metern. Alleine das Moped aus dem Ort seiner Bewahrung heraus zu schieben, dauerte länger als der komplette Fußweg bis zum Festival!
In der oberen Hälfte des Platzes ist eine Art Bühne aufgestellt, wo ein Mann steht und einige Kinder am Rand sitzen. Ich glaube der Mann koordiniert alles ein wenig, zeigt nach relativ langer Zeit einem anderen Mann, dass er die Musik abdrehen soll, was dieser dann auch prompt und mittendrin vollzieht. Kein langsames leiserwerden; batsch!- und die Musik ist aus. Gerade blickt man ihr noch zärtlich lächelnd in die Augen... Ende. Doch nach kurzer Zeit geht‘s weiter.
Überall sind Menschen. Um die Bühne herum tanzen sie. Um die Tanzenden stehen dicht gedrängt wir, die Zuschauer. Ab und zu quetscht sich auch mühsam ein Moped durch die Menge. Wir Zuschauer schwitzen leise aber gar nicht mal so wenig, die Tänzer in gesteigerter Form. Zu etwas späterer Stunde darf ich das dann auch leibhaftig und recht eindrucksvoll in Erfahrung bringen, als mir Punit einen der Turbane eines Tänzers auf mein kahles Haupt drückt. Das ist ziemlich feucht; es trieft. ‚Selbstlos‘ gebe ich nun schuldlos auch einen kleinen Beitrag.
Punit bringt mich nun zu einem Spezialplatz innerhalb des Platzes, wo getanzt wird. Er positioniert mich auf der Treppe, wo alle sitzen, die den Vorzug (wodurch auch immer) zum sitzen erhalten haben. Ich werde freundschaftlich empfangen, man rückt auseinander. Punit macht ein Selfie, nett.
Die Musik dröhnt extrem laut aus riesigen Boxen, ich bin begeistert und aufgewühlt. Eine kurze Aufnahme am Handy schnipst mich innerhalb einer tausendstel Sekunde dort auf diesen Platz. Es ist anscheinend die einzige Möglichkeit im Jahr für diese jungen Frauen und Männer, zusammen zu tanzen. Neun Tage dauert dieses Fest, neun Tage, beziehungsweise bis in die Nächte hinein, geht das so. Man gedenkt einer weiblichen Gottheit und tanzt für sie. In ihr sind neun weitere weibliche Gottheiten inkarniert. Jeden Tag wird eine andere geehrt.
An einem der folgenden Abende komme ich auch wieder hier her, kenne nun schon einige von ihnen. Während ich durch die schmale leicht belebte und mit parkenden Mopeds erfüllte Gasse gehe, kommt mir ein circa 10jähriger Junge entgegen. Er sieht mich und als ich auf seiner Höhe bin, macht er bei mir im vorbei gehen einen Muskeltest, indem er meinen Oberarm vorsichtig drückt. Ich muss wieder einmal lächeln.
Wieder erklingt der Gesang, den ich sogar schon in Delhi zu extrem früher Morgenstunde hörte und eine fast nicht hörbare Aufnahme von ihm machte, begleitet von einfachen Instrumenten, die metallisch geschlagen klingen. Er ist mir schon so nah. Ich könnte schon fast mitsingen. Immer und immer wiederholen sie ihn. Er macht mich ruhig, gelassen und ich liebe ihn in seiner Wirkung. Friede!
Um circa 22:30 Uhr sind noch immer die lauten Trompetentöne vom schneeweißen spitzen Tempel ganz rechts am Fort hörbar. Dazwischen sehr lange Pausen. Die Stimmen der Besucher auf der Dachterrasse, das Hundegebell, Mopedhupen, irgendwer klappert mit Geschirr in der Küche und zirpende Zikaden, geben eine eigene Stimmung.
Weiter rechts, abgelegen vom Fort, ungesehen von hier aus, ruft der Muezzin zum Gebet und ganz in der Nähe die laute Musik des Stocktanzes. Das ist sehr eigen, aber es besitzt einen besonderen Charme und Zauber.
Die Tagestouristen, die hin und wieder hier oben auftauchen, sind längst verschwunden und selbst die anderen Gäste, die hier übernachten. Sumit ist fast den ganzen Tag hier oben, er ist für das Restaurant zuständig. Amit ist mittlerweile auch eingetroffen, sowie ein oder zwei Angestellte.
Sumit und ich sitzen schon stundenlang dort beisammen. Am Abend treffen wir uns dort. Er spielt online Billard, schreibt irgendwem eine Kurznachricht, erhält die Antwort darauf, zeigt mir ein Video... Ich sitze daneben und tue nichts. Es ist einfach ein ‚Sein‘. Ich ‚bin‘ und nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Es ist unbeschreiblich, wahrlich nicht zu beschreiben, dass diese Momente so erfüllend sind. Wenn ich mir diese Stimmung dort oben auf der Terrasse wieder vergegenwärtige, könnte ich geneigt sein, sie mit ‚todlangweilig‘ zu betiteln. Eigenartigerweise ist dem nicht so, absolut nicht. Irgendetwas ist da. Irgendetwas berührt mich an diesem Ort. Tief und innig. Manchmal nennen manche Menschen es ‚runterkommen‘. Aber das passt noch nicht ganz. Es ist viel differenzierter und komplexer. Was ich da auch in den zehn folgenden Tagen fühle und als Geschenk bekomme. Es ist für mich bis heute nicht fassbar. Unfassbar!
Weit nach Mitternacht sitzen wir draussen auf der kleinen, neuen Terrasse, von der man bis hinunter in den Empfang sehen kann und geniessen die nachlassende Hitze, das laue Lüftchen, den prachtvollen Sternenhimmel, das dunkle und an einigen Stellen beschienene Fort. Spät ins Bett werde ich jetzt wohl öfter kommen. Das Festival geht immer bis in die Morgenstunden! Lustig!! Was für ein Abendteuer!!
Plötzlich kommt Bewegung in die Runde. „Hast du Hunger?“, fragen sie mich. Und schon sitzen wir in kleiner Runde und nehmen mit dem hauchdünnen Chapatibrot leckere, teilweise scharfe Speisen auf. Dazu reißt man sich ein Stück davon ab, greift damit etwas und genießt. Mein Hunger wird eher größer bei diesen herrlichen Köstlichkeiten. Sie erzählen mir, dass ihre Mutter irgendwann am Nachmittag auftaucht und ihnen das Essen bringt. Der eine Angestellte macht das Chapati; Himmel auf Erden. Sie sagen mir auch, dass sie während dem Essen nicht sprechen. Ich kann das nur zu gut verstehen. Ruhe beim Essen, wunderbar. Eine geradezu heilige Stille, ein sich auf das Geschenk, oder die Gabe des Essens konzentrieren. Wir plaudern heute oft am Essenstisch, da man sich vielleicht nicht so oft am Tag sieht, aber diesen Moment wie ein ruhiges Gebet zu nehmen, hat eine besondere Qualität. Sumit fragt mich, wo ich so mit den Fingern essen gelernt habe. Achselzuckend meine ich: „Nirgends!“ Er antwortet: „Oh! Very fast you learn!“
Meherangarh
Am 8. Oktober gelangt eine frühe Mail nach Europa: ‚Morgenstund hat Gold im Mund... und so sitze ich gerade dem Fort und der hinter ihm aufgehenden Sonne gegenüber auf meinem Dach. Allerdings werde ich nicht mehr lange hier verweilen, brennt sie mir doch ganz schön auf die Birne! „Feel like at home”, sagen sie mir immer. So ist es hier auch. War schon kurz unten auf der Straße um Hunde und Kühe und die überall aufzufindenden Hinterlassenschaften zu begrüßen. Seit einer guten Stunde bin ich auf, jetzt ist es 8:02 Uhr. Ihr schlaft. Und ab in den Schatten!! Uff! - das tut gut! Bei euch hat‘s 7 Grad! Voraussage für heute: 4 bis 9 Grad. Mittwoch eventuell Schnee. Nur das ihr euch drauf einstellen könnt! Hier hat‘s schon 29 Grad, kein Schnee derweilen angesagt! Jetzt gibt‘s Frühstück!! Ich werde einen Tomaten-Käse-Toast essen und dazu einen gesalzenen Lassi und eine Flasche Wasser. Mal sehn, ob noch was anderes folgt; oder später. Immer wieder hört man jemanden singen. Gerade war‘s ein junger Mann; gestern Abend unter anderem Mädchen. Eine mir schon bekannte Melodie. Muss einer Zeremonie dieser Tage angehören. Irgendwie zirpen hier Grillen, oder Zikaden - - - - oh, ich glaube es ist irgendein Maschinchen... :)...’
Um etwa 9:30 Uhr nehme ich die momentan hörbare Situation im Guest House auf. Voller Innbrunst singen sie wieder ‚meine’ Melodie vom Tempel des Fort’s und Gäste plaudern gedämpft miteinander.
Nach dem Frühstück mache ich mich irgendwann ganz gemütlich und entspannt auf den Weg. Mein Ziel: das Fort Meherangarh. Den Weg dort hin haben sie mir erklärt, kein Problem. Runter auf die Straße, dann links, nach einiger Zeit macht sie eine scharfe Rechtskurve, durch das Tor hindurch und dann kommt man gar nicht mehr aus.
Ich taste mich erneut mit allen Sinnen in diese mir so fremde Welt. Noch ist fast alles neu und anders. Ständig werden die Sinne durch Unbekanntes gereizt. Menschen liegen, hocken und sitzen beieinander, teilweise schaut die Positionierung extrem ungemütlich aus, aber das scheint wahrscheinlich nur so, da der Betreffende es ja sicherlich ändern würde, wäre es ihm tatsächlich so unangenehm wie‘s aussieht. Nur um ein Beispiel zu nennen, das mir öfter begegnete: Männer kommen sehr oft in der Nähe von Wasserstellen zusammen, spielen Karten, oder verbringen einfach Zeit miteinander. Dabei sah ich sie eben immer wieder einmal am Rücken liegen und ihr Kopf war fast im rechten Winkel abgeknickt an einer Wand angelehnt. Rein visuell betrachtet, kann das nur extrem unangenehm sein. Es könnte höchstens sein, dass er versehentlich in diese Lage kam und aus wärmetechnischen Gegebenheiten und Bequemlichkeit keine weiteren Schritte unternahm. Es scheint mir allerdings doch recht unwahrscheinlich.
Dann ein wunderschöner Baum, eine liegende Kuh, mitten auf der ansteigenden Straße zum Fort, in geringer Entfernung eine ältere Frau auf den Stufen ihres Hauseinganges sitzend, auf nichts wartend, nichts wollend, einfach da sein; was für ein malerischer Moment. Eine andere Kuh frisst den Müll, der auf einem kleinen Haufen am Straßenrand für sie zu finden ist.
Da ist nun das Tor. Ich durchschreite es und gehe an dem dahinter befindlichen metallenen Gestell vorbei. Ein Mann in Uniform ist zugegen und achtet akribisch darauf, dass ich durch den zur Kontrolle aufgestellten Metalldetektor gehe. Ich wundere mich innerlich, gehe aber brav dort durch, so wie es halt sein muss. Kein Mensch ist zugegen, ausser uns beiden. Er nickt mir fast nicht erkennbar zu, ich darf weiter gehen. In den nächsten Tagen werde ich ihn immer wieder sehen; jedes Mal das gleiche Prozedere, jedes Mal die gleiche Regung.
Dann erschlägt mich diese Festung. Ich bin absolut überfordert, denn man kann den Fotoapparat pausenlos irgendwohin halten und abdrücken und das Foto wird den Zauber dieses Ortes wiedergeben.
Das Fort steht auf einem 123 Meter hohen Felsmassiv und thront eindrucksvoll über der blauen Stadt. Der Fels teilt Jodhpur gewissermaßen in eine neue und die Altstadt. Die Mauer des Fort soll eine Länge von 10 Kilometern haben. Rao Jodha, der 15. Herrscher von Marwar, was ‚Land des Todes‘ bedeutet, begann im Jahr 1459 das Fort zu bauen und gründete damit Jodhpur. Die einstige Hauptstadt Mandore ging durch den Eroberer Mahmut von Ghazni zwischen 997 und 1030 (seiner herrschenden Zeit) unter. Heute ist Mandore ein Dorf mit etwa 3000 Einwohnern. Leider habe ich es nicht besucht. Es liegt circa 10 Kilometer nördlich von Jodhpur entfernt. Es war damals dringend notwendig eine neue Festung zu bauen, da das über 1000 Jahre alte Fort in Mandore baufällig und nicht mehr sicher zu bewohnen war. Am 12. Mai 1459 legte Rao Jodha selber das Fundament für diesen neuen Prachtbau.
Ich habe unterschiedlichste Versionen der Situation dieser ersten Zeit des Baues gehört. Davon möchte ich zwei hier mit Ihnen, lieber Leser, teilen. Die erste stammt vom Direktor des Fort Mehrangarh, den ich dazu kontaktierte. Sie lautet: ‚Als man begann das Fort zu bauen, lebte dort in diesem Areal ein Asket namens Chiryanathji. Er hörte von dem bevorstehenden Bau des Fort, was ihn ärgerte. Daraufhin sprach er einen fluch aus; alle drei Jahre würde eine Dürre eintreten. Als der König dies hörte, sandte er seinen Offizier zu ihm, um ihm den Antrag zu unterbreiten, doch an seinem Platz zu bleiben und nicht fort zu gehen. Er allerdings war schon nicht mehr dort. Der Offizier folgte ihm und konnte ihn einholen und fragte ihn, ob er nicht zurückkommen könne. Der Asket antwortete ihm, dass er sehr wohl umkehren würde, doch die Bedingung sei, dass er den Ort wählen dürfe, an dem er leben wolle. Er kam zurück und lebte weiterhin im Königreich, aber er verließ den Ort des Fort. Er lockerte den Fluch, indem er sagte, dass es weniger Trockenheiten geben wird.‘
Die zweite Version lautet wie folgt: ‚Der Felsen, auf dem heute die Festung steht, war unter dem Namen Bhakurcheeria -der Berg der Vögel-, oder auch Cheeriatunk -Vogelschnabel- bekannt. Der einzige dort lebende Mensch war ein Eremit Namens Cheeria Nathji, ‚Lord der Vögel‘. Als Rao Jodha dort auftauchte und den Eremiten dort durch sein Vorhaben vertrieb, belegte dieser den Felsen auf dem das Fort gebaut werden sollte mit einem Fluch. Dieser lautete: „Jodha! Möge deine Zitadelle immer an Wasserknappheit leiden!“ Um die Götter zu besänftigen, baute Jodha unter anderem den Tempel am Fort, ganz in der Nähe wo der Eremit seine Meditationen abgehalten hatte. Selbst heute, über 500 Jahre später, finden sich jeden Morgen frische Blumen dort, um den Eremiten zu beschwichtigen. Jodha vollzog nun sicherlich den extremsten und für uns unvorstellbarsten Schritt. Er ließ Rajiya Bambi Meghwal bei lebendigem Leib in den Mauern des Fort begraben. Seine Familie hatte dadurch eine gesonderte Stellung und Beziehung auch zum Maharaja eingenommen und lebt bis heute in ‚Raj Bagh‘, ‚Rajiyas Garden‘.’…
Da der ‚normale‘ Eingang auf der anderen Seite der Stadt liegt, komme ich durch andere Tore herauf gewandelt. Bei einem der Tore sieht man sogar noch die Einschusslöcher von Kanonen in der Mauer. Man hat sie zur besseren Sichtbarkeit mit einem Kringel gekennzeichnet. Ich weiß allerdings nicht, durch welchen Konflikt die Kugeln dort einschlugen.
Menschen gehen mit gesenktem Haupt an mir vorbei, sehen mich nicht. Wollen oder dürfen sie nicht? Anerzogen oder Schüchternheit? Andere schauen mich an - ernst. Manche lächeln offen, oder senden mir in letzter Sekunde, neben ihrem männlichen Begleiter gehend, kurz bevor ich aus ihrem Gesichtsfeld entschwunden bin, einen vielsagenden Blick, der nur mir gilt und von ihm nicht bemerkt werden soll, so scheint es...
Indem ich nun so Schritt um Schritt hinanschreite und überfüllt werde mit all dem, was da ist und das in der Extra-klasse, begegne ich einer Familie. Sie lächeln mich direkt und offen an und wir senden uns Zuneigung. Ich gehe an ihnen vorbei und mache weitere Fotos. Mein Weg führte mich schon ein gutes Stück weiter zu einem der Tore, welches mit großen Metalldornen versehen ist, um Feinden, beziehungsweise ihren mitgeführten Elefanten, das Durchbrechen desselben zu verwehren; sie hätten sich dort schwer verletzt. Ich konnte die nette Familie noch sehen, aber eigentlich sind sie zu diesem Zeitpunkt eine wunderschöne Erinnerung für die Zukunft, mehr vorerst nicht. Doch dann...- der eine Sohn kommt zu mir gelaufen und bittet mich, ob ich ein Foto von ihnen machen kann. Natürlich! Und schon lenken mich meine Schritte mit ihm zusammen zurück hinunter. Dort erwartet mich schon der Rest der Familie, lächelnd; wie sonst. Sie positionieren sich sitzend am Boden des breiten Weges hinauf auf‘s Fort, dicht gedrängt. Was für ein Geschenk für mich, diese Fotos machen zu dürfen. Sie bedanken sich sehr herzlich und geben mir ihre Mailadresse. Zurück in Österreich, übersende ich ihnen diesen Moment. Ein lieber dank erreicht mich später.
Unterwegs treffe ich eine Frau in ihrem bunten Sari. Sie fällt mir auf. Jede ihrer Bewegungen ist grazil, ihr Gang, ihre Art sich zu bücken und Wasser aus einem irgendwo hervortretenden Wasserhahn zu entnehmen, ihr Blick und ihre Gestalt. Vorsichtig und mit großem Respekt vor ihr, frage ich, ob ich von ihr ein Foto machen darf. Sie versteht mich nicht. Ich deute auf den Fotoapparat, sie nickt bezaubernd und schaut direkt in meine Linse. Ernst, fragend, vielleicht sich wundernd. Ich drücke ab und noch ein zweites Mal. Ich bedanke mich indem ich meine flache Hand auf meine Brust lege und den Dank auch ausspreche. Sie lächelt kurz und scheu und dreht sich von mir ab, um ihren Weg fortzusetzen. Einige Tage später treffe ich sie wieder hier oben an. Es ist eine zweite Frau bei ihr und sie blickt mich weitaus weniger scheu an, lächelt und spricht mit der Frau. Es wird wohl etwas ähnliches gewesen sein wie: „Der hat ein Foto von mir gemacht!“, dass sagt auf jeden Fall ihr Lächeln.
Auch die Müllfrauen tragen farbenfrohe Saris als Arbeitskleidung, sind oftmals schlank und wirklich hübsch. In riesigen Säcken befördern sie den Müll von der Straße irgendwohin.
Im Rückblick empfinde ich mich dort auf meinem ersten Weg auf‘s Fort wie verzaubert. Damit meine ich: richtig verzaubert. Es ist dieser Bau, diese riesige und prächtige Festung, die vor langer Zeit erbaut worden ist. Dieser Wirkung kann ich mich dort nicht entziehen. Es ist mächtig und groß und strahlt Erhabenheit aus. Was haben Menschen hier vollbracht und was für Schicksale sind mit diesem Ort verwoben...
* * *
An dieser Stelle dieses Buches möchte ich eine besondere Zäsur setzen. Aus meiner ganzen Seele! Warum gehört das Böse nur so sehr zu unserer Welt? Warum tun sich Menschen so sehr weh; physisch, aber auch im übertragenen Sinn… Immer wieder hatte ich vor meiner Reise davon gehört und jetzt bin ich dort, gehe direkt daran vorbei und sehe sie nicht! Letztendlich ist es mir auch gar nicht so wichtig, sie gesehen zu haben. Ich fühle nur etwas nicht Vorstellbares! Ich habe tatsächlich ob der immens vielen Eindrücke und sicherlich aussergewöhnlichen klimatischen Verhältnisse die rot gefärbten Handabdrücke einiger Frauen, direkt bei dem einen Tor, nur zufällig auf einem meiner Fotos von der Ferne und schlecht sichtbar aufgenommen und erst zu Hause dort entdeckt. Vielleicht birgt dieser Umstand, dass ich mich viel intensiver mit diesem Thema auseinandersetze. Während ich mich vorsichtig einlese, tastend zu verstehen versuche, ist meine Seele tief erschüttert. Verstehen gelingt nicht! Es hängt mit den Abdrücken zusammen. Sati!
Sati ist die Selbstverbrennung, seltener das Lebendigvergraben der Witwe, nachdem ihr Ehemann gestorben ist. Innerhalb eines Tages findet die Verbrennung statt. Manchmal bleibt die Entscheidung in den Freitod zu gehen ganz bei ihr, oftmals wird dieser aber auch eingefordert. Teilweise sind dann auch Schwestern und andere weibliche Angehörige, bis zu Angestellten der Familie mit einbezogen. Sie verbrennt gemeinsam neben dem Leichnam ihres verstorbenen Mannes sitzend. Ihr ältester Sohn, oder der nächst männliche Verwandte, entzündet das Feuer. Hat sie die Entscheidung für ihren Freitod getroffen, wird eine aufwändige Zeremonie ihr zu Ehren abgehalten. Prächtige und farbenfrohe Kleidung, Musik und Geschenke prägen diesen Moment. Sie wird wie eine Göttin verehrt, vor ihrem Tod und auch nachher, wenn sie gestorben ist. Ihre Angehörigen gelangen durch diese Tat zu hohem Ansehen. In dieser Zeit besitzt sie besondere Kräfte, die ihr unter anderem die Möglichkeit geben, einen Fluch auszusprechen, oder eine Handlung zu verbieten. Einige Frauen versuchen zu fliehen und werden, so der Versuch misslingt, zurück gebracht und unter Einschluss in einer Art Käfig, welcher über dem Scheiterhaufen aufgestellt ist, verbrannt. Weiters hört man von mit Bambusstangen heruntergedrückten, oder durch große Holzstücke verschüttete Frauen, die so in den Flammen zu Tode kommen. In anderen Fällen können sich die Frauen wirklich frei entscheiden. Sie leben somit weiter mit der Familie, sind allerdings von ihrem ältesten Sohn abhängig. Sie müssen sich das Haar zu einer Glatze scheren, keusch und bescheiden leben, an keinem Fest teilhaben und kein Fleisch essen. Ihre Kleidung ist aus einem groben Stoff hergestellt. Trotzdem besteht immer die Gefahr, dass sie verstoßen werden und als Bettlerin, oder Prostituierte enden. Viele Hindus gehen dann von zu Hause fort in die Stadt Vrindavan, wo sie hungernd und in elend ihr Leben fristen.
Eigentlich waren es ganz am Anfang die Frauen der Fürstenhäuser, deren Männer in einer Schlacht gefallen waren. Nicht eindeutig gesichert ist, ob man so verhindern wollte, dass die Frau den Feinden in die Hände fiel.
In Bengalen starben 1824 knapp 600 Witwen den Satitod. Fast alle wurden zu diesem Schritt gezwungen, da die Witwe erbberechtigt ist. Festgebunden am toten Gatten, verbrannte sie. Um das Feuer standen Männer mit Knüppeln. Sie bewachten den Tod der Frau. Das Erbe blieb der Familie. 1953 starb in Jodhpur die letzte Sati aus dem Königshaus.
Roopkuvarba Kanwar, 1969 geboren, verbrannte am 4. September 1987 in dem Dorf Deorala (Rajasthan) 18-jährig auf dem Scheiterhaufen ihres verstorbenen Gatten. Er wurde 24 Jahre alt. Sie waren acht Monate verheiratet.
Selbst in den letzten Jahren hört man immer wieder von Verbrennungen...
Je mehr ich mich mit Sati befasse, um so ohnmächtiger werde ich dabei! Ich reiße mich aus dem Internet...
* * *
Da bin ich wieder!…
Fast ganz oben angekommen, taucht meine Rettung auf und es ist wahrhaftig keine Fata Morgana. Eine Art Restaurant. Bevor ich noch recht realisiere, dass es das ist, was es ist, sitze ich schon drinnen. Riesige Portraits von Maharajas sind ringsum aufgehängt, an der Decke surren eine ganze Menge Ventilatoren um die Wette. Ein freundlich lächelnder beturbanter Mann, mit typischem leichtem Kopfwackeln kommt zu mir und bietet mir einen Tisch unter dem Maharaja Takhat Singh an. Irgendwie ähneln wir uns, der Maharaja und ich; dank sei meinem Rasierer, aber auch der Blick... Er macht einen Scherz und fragt, was ich bestellen möchte. Einen kleinen Espresso und eine große Flasche Wasser. Beides ist wunderbar. Nach ganz kurzer Zeit ist die eiskalte Flasche leer und der Kaffee getrunken - ich bleibe noch einen Moment, sauge wieder einmal die Atmosphäre in mich ein. Alles um mich herum verläuft so ruhig und freundlich - ein Traum!
Während meines Heimweges bemerke ich, dass ich zwar keinen richtigen Sonnenbrand, aber doch eine leichte Spannung auf der Haut verspüre. Etwas für den Kopf - das wird nun unabdingbar hier. Die Temperatur beträgt gerade 34 Grad, herrlich.
Vorsicht! Scharf!
Ich nehme mir eine Auszeit und mache es mir mal wieder auf der Dachterrasse ‚meines‘ Castle View Home Stay gemütlich. Die Haut hat etwas entspannendes bekommen, jetzt Schatten und Lüftung durch Wind und Ventilatoren. Diese Pausen genieße ich ungemein. Es ist so, als würden sich die Erlebnisse nun in mein Inneres einnisten, in dieser Ruhephase. Und um es nochmals zu bestärken: selbst das, was ich sonst mit gähnender Langeweile bezeichnen würde, war hier einfach Ausgeglichenheit, Ruhe und bei sich sein; nicht schon wieder dem nächsten Highlight entgegeneilen und vor lauter Zerstreutheit das Leben verpassen. Und letztendlich ist hier alles ein Highlight. Man muss es nur sehen und nehmen.
Mein Blick schweift immer wieder zu dem beeindruckenden Fort. Ich denke darüber nach, wie es sein wird, wenn ich wieder in Österreich bin und an diese Stimmung zurückdenken werde. Wird es gelingen, dies zu fühlen? Kann ich mich in Gedanken aus dem kalten und eventuell verschneiten Sankt Gilgen ins Castle View Home Stay schnipsen, die Hitze, den blauen Himmel im Kontrast zu dem dunklen Fort, das leichte Lüftchen und die Ruhe in mein Stübchen bringen?
Hier nun auch wieder die wundervoll dahin schwebenden Adler. Majestätisch kreisen sie über der Festung. Manchmal kommen sie vereinzelt auch bei uns vorbei.
Ein Dankesschreiben per Mail von meiner Mutter flattert herein. Die CD aus Dachau ist angekommen. Mann ist das jetzt im Moment weit weg! Meine Eltern freuen sich sehr; sie haben sich das Konzert sofort angehört. Die Kritik der ‚Süddeutschen Zeitung‘ hatten Sie schon vor ein paar Tagen von mir per Link erhalten.
Sumit ist meistens hier, jetzt auch. Sind es Cousins oder Brüder, ich weiß es nicht mehr genau, sie sind auch da. Plötzlich steht ein Teller mit ‚Mirchi Bada‘ bei uns am Tisch. Mir wird erklärt, dass dies ein typisch traditionelles Gericht Jodhpurs ist und ich solle es unbedingt kosten. Sie scheinen aus Teig und in Fett gebacken zu sein. Mehr ist nicht erkennbar. Etwas nebenbei bemerken sie, wenn es mir zu scharf sei, könne ich es wieder zurück legen. „Für uns ist es ein bisschen scharf, für Dich sehr!“ Das sagen sie mit einem solchen Nachdruck, dass ich mir schon überlege, die Finger davon zu lassen. Aber dieselben jucken zu sehr und so greife ich zu. Keiner hatte sich bisher eines der Mirchi Bada genommen, alle Augen sind gespannt auf mich gerichtet. ‚Ja‘, dachte ich bei mir, ‚das kann was, aber zu scharf ist es derweilen mal noch nicht!‘... und es schmeckt köstlich und verschwindet komplett. Das war fein. Man fragte mich immer nach meinem Befinden und ob‘s denn nicht zu scharf sei. Dann nehmen sie sich auch eines und ich traue meinen Augen nicht! Sie essen nur die äußere Hülle um die grüne Chili, die sich im Inneren verbarg. Die Chili selbst, legen sie wieder auf den Teller zurück. Wieder einmal macht sich ein Lächeln auf meinen Lippen breit...
Stetig komme ich in der Gegend meines Guest House an Läden, Buden und Menschen vorbei. Einige kenne ich jetzt schon ein wenig. Wir begrüßen uns und zeitweise entsteht auch eine längere Unterhaltung. Plötzlich fühle ich mich so, als ob ich hier schon ewig wohnen würde. Tuk-Tuk-Fahrer lächeln und senden mir ein „Hi!“, oder fragen nach, wie‘s mir geht, oder ob ich nicht irgendwohin möchte. An einem relativ großen Eckladen werde ich immer wieder über mein Land, meine Arbeit und alle möglichen anderen Fragen des Lebens befragt. Schließlich lande ich hinter dem ‚Verkaufstisch‘ und die mittelalte lustige Tochter des Besitzers, interessiert sich ein wenig mehr für mich. Verheiratet? Kinder? Verliebt? Und immer zwischendurch mit blitzenden und leuchtenden Augen und allgemeinem Lachen, eine zweite interne Unterhaltung auf Indisch. Wurde da etwa gerade meine Hochzeit arrangiert? Dieser Laden liegt genau an dem Tuk-Tuk-Stand. Immer wenn ich von hier abfahre, oder von irgendwo zurück komme, winken sie mir lachend zu, so sie mich sehen.
Zeremonie
Am Abend, erreicht meine Eltern und meinen Bruder mit seiner Familie folgende Mail: ‚Wahnsinn, Wahnsinn!! Ich lebe mich immer mehr ein hier! Der Besitzer meinte, dass ich nach meiner Pensionierung hier her kommen solle, um ein Hotel mit Musikinstrumentenmuseum aufzumachen! :) Delhi war ehrlich gesagt, nicht meins... Vielleicht auch einfach der falsche Standpunkt!? Vorhin bin ich unsere sehr schmale Straße hinunter gegangen. ‘N ganzes Stück!! Wow!! Dann höre ich auf einmal Musik; laut. Ein etwa 20jähriger steht vor dem Hauseingang aus dem es dröhnt, ruft gleich: „Hallo!“, kommt zu mir und spricht in halbgutem Englisch mit mir. Ich frage, ob ich ein wenig durch die Türe lugen dürfe. Ja! Doch nur kurz, gleich verwickelt er mich wieder in ein Gespräch. Manchmal weiß man hier nicht, ob jemand einfach nett und neugierig ist, oder mehr will. Er kam mir manchmal mit seiner smarten Art doch sehr nahe. Trotzdem denke ich, dass es einfach ‚der Europäer‘ in mir ist, der einfach auch einmal Abwechslung bringt. Das wird sich auch zu späterer Stunde zeigen. Ich bin da ja ziemlich klar in meinem Verhalten!! Dann winken von drinnen einige ältere Frauen, ich solle herein kommen. Erst scheue ich mich, dann ziehe ich meine Schuhe aus und bekomme einen Ehrenplatz in der Runde. Circa 10 Personen. Der junge Mann von draussen spielt elektronisches Schlagzeug, ein anderer spielt perfekt Trommel, ein weiterer irre Zymbeln, zwei Sängerinnen, von denen eine manchmal auch Zymbeln spielt. Ein winziger Raum, eine riesige Box, überdimensional sozusagen, extrem laut aufgedreht. Wir sitzen am Boden, ich werde angehalten zu tanzen :))))), oder zumindest zu klatschen, so klatsche ich :))). Der Schlagzeuger sitzt neben mir und verhält sich wie ein Gockel, der einer Henne gefallen möchte!! Ich möchte die Musiker beobachten um zu lernen, er gockelt!! Naja! - ich hab ihn weiterhin bedacht, mich trotzdem auf die Musiker konzentriert. Gar nicht mal so einfach!Dann kommt eine Frau und reicht mir Wasser in einem -ich denke- Blechbecher. Die sind hier sehr gebräuchlich, überall. Ich nehme ihn, trinke einen Schluck, dann fällt mir das Thema ‚Leitungswasser!‘ - ein und ich gebe den Becher weiter. Das geht. Ich habe ihn nicht mit dem Mund berührt, das tut hier niemand. Zum Glück ist‘s mir eingefallen! Diese junge Frau stellt sich später als Mutter von erwachsenen Kindern heraus. Wie hat die das gemacht?? Die Musik geht in unvorstellbarer Lautstärke weiter. Treibende Klänge. Plötzlich wird es still. Die eine Sängerin verfällt in Trance. Eine ältere Frau kommt, berührt sie am Knie, legt die Hände vor der Brust aneinander und verneigt sich. Ebenso die blinde Mutter. Es scheint, als hätte sich die Göttin in ihr manifestiert. Sehr eindrücklich!! Die anderen passen auf sie auf, versuchen sie vorsichtig zurück zu holen. Langsam kommt sie wieder zu sich, bekommt Wasser... Das dauert lange an, sehr! Dann ist‘s vorbei. Ich bekomme Milch. In Zeitungspapier eingewickelt eine Banane und direkt daneben aus Milch Süßigkeiten. Lecker... Dann meint die junge Mutter (ich hätte sie gleich alt wie ihre Kinder geschätzt): „One gift“, ‚ein Geschenk‘! Ich zücke die Geldtasche, gleich sagen sie, „nein, nein, nein, kein Geld“ (ausser der Mutter:), „nur Münzen“. Aus meiner Hosentasche hole ich ein Zehnrupienstück; sie lachen schallend; zu süß! - „nein österreichisches Geld!“ :) Ich ziehe erneut meine Geldbörse heraus und fische. Sie drängeln sich um mich und geben deutlich kund, dass sie noch nichts bekommen haben. Es ist eine köstliche und sehr fröhliche Stimmung hier. Eine meint, sie habe noch etliche Schwestern! :) So schwindet mein Kleingeld für die S-Bahn in München! Super!! Die Tochter der Mutter sagt immer, ich solle aufhören! Es ist ihr äusserst unangenehm. Was für eine Regung dieses Kindes. Und alle bedanken sich 1000mal!! Dann ziehe ich meine Schuhe an, alle stehen im Eingang, kichern, lachen, machen irgendwelche Scherze, Blicke von bis... Dann gehe ich, wir bedanken uns beieinander und sie winken mir zum Abschied noch so lange nach, bis ich in der nächsten Straße verschwunden bin. Was für Erlebnisse!!!!
Hier klingt‘s schon wieder: Muezzin, Frauengott-Festival (laut), am Fort scheint auch noch eine Zeremonie stattzufinden... Einer hupt sich grad einsam durch den Abend, ein Hund... - in unserem Leben würden wir eine solche Situation mit ‚Chaos pur!‘ bezeichnen, hier ist‘s einfach nur Zauber.’
Eine Mail von Mutter, sie sorgt sich. Meine Antwort: ‚...Die Menschen schauen einen entweder total überfordert und erstaunt an, manche lächeln, manche begrüßen einen wie einen alten Freund mit Handschlag und manche machen von sich und mir ein Selfie, oder wollen fotografiert werden. Ich hatte noch keine einzige unangenehme (gefährliche) Situation!!!! Du kannst Dir nicht vorstellen, mit welcher Liebe und lieben Zuwendung sie mir gegenüber treten!!!!!!! Keine Sorge bitte, liebe Mutter!! Nicht einmal das Essen ist gefährlich! :)...‘
Ihre Antwort: ‚Das glaub ich dir!‘. :-)
„Hello my friend!“
Ein Bericht fliegt nach Europa: ‚...Bin kaputt! War am Sardar Market. Sehr viel los! Immer quatscht einen irgendwer an und gibt einem die Hand. „Hello my friend!“ Jaja! - my friend! Where is your money! Einer meinte, dass er in der Küche bei mir im Castle View arbeitet und mir den richtigen Markt, nicht den Touristenmarkt zeigt. Das ist der Markt, wo die Einheimischen einkaufen. Hier wird die Tradition noch hochge- und erhalten. Der andere Teil ist nur für Touristen. Er redet wie ein Wasserfall, unaufhörlich. Irgendwie werden die Gässchen enger und dunkler und es sieht tatsächlich ursprünglicher aus. Nicht so viel Plastikzeug. Handwerk, überall von Hand hergestellte Gebrauchsgegenstände; nicht in Neonfarben. Er hat mich dann in ein ‚Warehouse‘ genanntes Geschäft geführt. Dort bin ich ‚very welcome!‘ und man geleitet mich in den 8. Stock(!). Ich meine, dass ich erstmal wo hin müsse... Dann: ich kann, wenn ich will, nachdem sie mir was gezeigt haben, etwas kaufen. Wenn nicht - kein Problem! Ich werde an einen taktisch guten Platz gesetzt, sodass ich das folgende Schauspiel gut verfolgen kann. Ungefähr 10 Stoffe haben sie mir offeriert. Zu zweit breiten sie elegant große Tücher vor mir aus, erklären woher sie stammen, weisen geschickt auf Besonderheiten hin, sind einfach gute Verkäufer. Eine Inszenierung, ein wenig theatralisch, aber fantastisch gemacht, keine Frage. Dann: ob ich einen Preis wissen will. Ich hatte ihnen schon vorher von meinem Interesse an Instrumenten erzählt, sogar die Maultrommel vorgespielt, die sie sich auch ganz geduldig angehört haben. Zu diesem Zeitpunkt war mir doch relativ klar, dass ihr Interesse wohl etwas anders gelagert sei. Diese Voraussetzung gibt mir auf jeden Fall jetzt die Möglichkeit, freundlich lächelnd etwas kopfwackelnd „nein danke!“ zu sagen. Das Gesicht könnt ihr euch vorstellen! Den einen oder anderen Preis haben sie mir trotzdem ‚verraten‘. Plötzlich steht dann auch meine ‚Provisionsbegleitung‘ da. Das Gesicht: alle Freundlichkeit und Redseligkeit ist von ihm gewichen, er sieht mich nicht mehr an und lächelt auch nicht. Sie ‚plaudern‘ gedämpft, ich bin einfach gegangen. Draussen habe ich nicht auf ihn gewartet, sondern ein schräg gegenüber liegendes Geschäft aufgesucht (nur davor). Dort habe ich Zymbeln hängen gesehen, wie sie gestern bei der Familie gespielt wurden. So fragte ich: 200 Rupien, knapp 3 Euro! Sind noch immer in meiner Gesäßtasche. Schön!! Eben bin ich dann mit dem Tuk Tuk wieder heim gekommen - hin auch; witzig! Alles ist weiterhin gut!! Sehr!!!!... Euer kopfwackelnder Askold … P.S.: Gerade werden die Adler (am Fort) gefüttert. Jetzt sind es circa 150, manchmal, so erzählen sie, bis zu 500 Tiere. Es ist fantastisch!...’
Übrigens war der Erwerb der Zymbeln recht mühsam, kaufte doch jemand vor mir irgendetwas. Ich weiß noch nicht einmal, was das sein sollte. Er wurde beraten, es wurde diskutiert, angesehen, weggelegt, erneut ergriffen, verglichen, verworfen, gescherzt und besprochen. Dazu hatte sich der Kunde die Schuhe ausgezogen und auf einem winzigen Bänkchen Platz genommen. Die Verhandlungen zogen sich ohne Aussicht auf ein Ende. Ich allerdings hatte keine Eile;- hat ein Inder nicht! Allerdings verlief mein Kauf etwas unspektakulärer. „Was kosten die Zymbeln?“ „200 Rupien!“ Ich krose das Geld hervor, gebe es ihm und erhalte ohne Umschweife mein Instrument. Ich glaub ich bin doch kein Inder;- sowas konventionelles. Da müssen wir noch ein wenig üben!
Plötzlich kommt Leben in die schmale Gasse. Ein paar Meter weiter ein Auflauf, hupende Fahrzeuge und ein Fahrer regt dieser ‚Stau‘ wohl besonders auf und so hupt er durchgehend für eine sehr lange Zeit. Das bringt mein gerade zurückerlangtes indisches Gemüt erneut ein wenig in Wallung. Auf den kurzen Handyvideosequenzen, kann man das Hupen -logisch- gut hören. Genau an der kleinen Kreuzung spielen zwei Trommler mit ihren riesigen Instrumenten. Sie hängen sich die dicken Bänder, an denen die Trommeln befestigt sind, um den Hals. Dann drehen sie sich schnell im Kreis und schlagen treibende Rhythmen. Eine kleine Trommel unterstützt sie dabei. Nach wenigen Minuten übergeben sie die Trommeln jemandem anderen und müssen sich ausruhen. Sie können kaum noch auf ihren Beinen stehen.
Ich erzähle Sumit von meiner Küchenjungenbegegnung. Er sagt, ich solle in Zukunft ein Selfie mit demjenigen machen, der mich irgendwohin bringen möchte und es ihm hernach zeigen. Es sei nämlich leicht möglich, dass irgendwer mich vom Castle View Home Stay herauskommen gesehen hat und dann eine Schilderung meines Aussehens, oder ein Foto an einen Kumpel am Sardar Market weiter geleitet hat und schon scheint eine vertraute Stimmung hergestellt, wenn er mich anspricht.
Schicksal und Gepflogenheit
9. Oktober. Wenn ich alle Treppen in meinem Haus heruntergehe, stehe ich in der sehr schmalen Gasse, die weiter in die befahrene und belebte Gasse unten führt. Links hinauf, bin ich ihr merkwürdigerweise nie gefolgt, aber genau von da dringt zu früher Morgenstund ein eigentümlicher Gesang an mein Ohr. Eine Frauenstimme nähert sich meinen Fenstern, verharrt ein wenig singend dort und entschwindet in der Richtung, aus der sie gekommen war. Fast jeden Tag höre ich sie. Meist sehr früh. Später frage ich Sumit, was das zu bedeuten hat. Er antwortet mir, dass diese Frau vor kurzer Zeit ihren Mann verloren hat und sie nun trauernd durch die Straßen zieht und mit ihrem Gesang, dem Ausdruck verleiht. Bei uns kennt man so etwas nicht. Daher rührt es umso mehr an, wenn man sich auf die Situation der Witwe und den Ausdruck des Gesanges einlässt und einfach einmal mitlauscht. Leise beginnt es in der Ferne, bis sie direkt an meinem Fenster ist. Klagend klingt es. Jeder kann ihre Trauer hören.
Ich sende ihr von Herz zu Herz Trost und hoffe, dass er sie erreichen wird. So ein unsichtbares Ding wie ‚Trost‘… kann das wirklich eine Hilfe für den anderen Menschen sein? Es ist so unfassbar, so unangreifbar, gar nicht real, nicht aus dieser Welt. Mit Worten kann ich schon jemanden trösten und seine Seele aus den Wogen des Kummers heben. Aber Gedanken? - - Warum eigentlich nicht? Worte sind hörbar, ja… Gedanken sind genauso Realität wie ein Wort…
Ich lande aus meinen Zuneigungsträumen wieder in meinem Zimmer des Castle View Home Stay. Innerlich hoffe ich, dass sie durch meine Gedanken an sie, etwas mehr Ruhe und Trost finden konnte.
Meine morgendlichen Tätigkeiten sind vollendet und der neue Tag kann kommen. Nichts wie hinaus ins Leben!
Viel Freude machen mir die Verhandlungen um den Preis für ein Tuk Tuk. Einmal gehe ich zum nahen Sammelplatz bei mir ‚daheim‘ um die Ecke und will zum Sardar Market. Gleich umzingeln sie mich und reden mit Fantasiepreisen auf mich ein. Selbst wenn ich niemals den Preis der Einheimischen bekomme, möchte ich einen halbwegs vernünftigen erzielen. Ihr Preis bekommt das Gegenstück von mir. Sie lachen und bringen Argumente für ihren Preis. Ich bringe einen noch immer sehr niederen Preis. Dann geht es hin und her, bis der Preis steht. Dann geht der Fahrer nach vorne und startet, während ich hinten Platz nehme. Manchmal haben sie auch eine Art Schnur, die zum Anlassen irgendwo herumgewickelt wird. Er zieht kräftig an derselben und schon knattert und tuckert es munter drauf los. Letztendlich bezahle ich meist unter der Hälfte von dem, was sie haben wollten, einmal sogar 180.000 statt 500.000 Rupien. Dieses Mal klatscht sich, als mein Preis feststeht ein Kollege des fahrenden Tuk Tuk Fahrers, auf den Oberschenkel und lacht und kann nicht fassen, dass ich den Kollegen so weit herunter gehandelt habe. Am Bestimmungsort angekommen, gebe ich meistens mehr, manchmal auch sehr viel mehr, als vorher ausgemacht ist. Das kommt immer ein wenig auf das Verhalten des Fahrers an. Und handeln muss man und es macht wirklich Freude abzuschätzen, wie der andere reagiert. Hier, wieder in Österreich angekommen, mit österreichischem Denken und Verhalten, wundere ich mich manchmal über mich selber. Aber es ist eben wirklich anders, das Leben dort!
Ich hatte einmal ein Erlebnis, das Handeln betreffend. Es war auf der Expo in Hannover im Jahr 2000. Im Pavillon des Jemen stand ein deutscher Besucher und fragte den jungen Mann, der dort für ihn interessante und schöne Ketten hängen hatte, was eine derselben kosten solle. Der Jemenit sagte den Preis, es waren etwa 30 Mark und der Deutsche brachte seinen, nämlich 5 Mark, vor. Soweit so gut. Der junge Mann ‚suchte‘ nun den neuen Preis, zögernd sagte er: „28 Mark“. Der Deutsche brachte prompt und ohne lange nachzudenken erneut 5 Mark dar. Das Gegenüber stutzte kurz, ging allerdings erneut mit dem Preis herunter: „25 Mark“. Der Deutsche blieb bei 5 Mark und damit verwandelte sich das liebe und lächelnde Gesicht des aus dem Jemen stammenden Mannes, in ein ernstes und der Herr aus den deutschen Landen wurde mit strengen und klaren Worten des Pavillons verwiesen. Da hatte wohl jemand einen bestimmten Teil des Handelns falsch verstanden.
Einmal erzählt mir eine aus Europa stammende Frau, dass sie irgendwo in Jodhpur etwas gekauft und vorher mit dem Verkäufer den Preis ausgehandelt hatte. Dann steht der Endpreis fest und sie sieht den Verkäufer an und sagt: „Das ist aber schon ein ganz schön hoher Preis, den wir da jetzt ausgefeilscht haben!“ Daraufhin er, lächelnd: „That‘s the skin-fee!“ Ja, ja, die Hautgebühr hatte sie vergessen; zu blöd aber auch!
Die Straßenköter leben in Selbstbestimmung. Niemand führt sie Gassi, sie machen wo sie müssen. Sie haben kein Herrchen und niemanden, der sich um sie kümmert. Haben sie Hunger, fressen sie irgendetwas, was sie finden. Selten habe ich gesehen, dass sie gestreichelt werden, eher getreten. Dann hört man sie kurz in sich hinein jaulen. Oft liegen sie auch einfach nur völlig ermattet auf irgendwelchen steinernen Vorsprüngen, oder irgendwo drunter. Einmal sehen wir einen, der sich ein wenig in den Sand eingegraben hatte; das war sicherlich angenehm kühl. Manche humpeln. Sie weichen einem aus oder kehren um, wenn man ihnen begegnet. Nur ein einziges Mal knurrten sie als ich bei ihnen auftauchte. Es war an einem vor Friedlichkeit nur so strotzenden Ort, einem See.
Eines Tages sind keine Hunde mehr auszumachen und das fällt schon auf, da sie wirklich überall dösen und schlafen, oder langsam irgendwohin trotten. Ich mache mir keine Gedanken darüber. Später erfahre ich, dass alle Hunde wegen des Frauengottfestivals eingefangen und an einen bestimmten Platz gebracht wurden. Dort soll es anscheinend nur so wuseln.
Mein Maultrommelspiel ist wie eine Bombe eingeschlagen. Man spricht mich auf der Straße, in Geschäften, am Fort, oder irgendwo an. Lächelnd taucht ein Mensch vor mir auf, sehr oft sehr schüchtern und leicht mit dem Kopf wackelnd. Sie oder er habe mich spielen gehört. Daran erinnere ich mich meist nicht, logisch, stehen doch immer recht viele Menschen um mich und lauschen. Eines Tages kommt einer der Brüder meiner Gastgeber auf die Idee, ich solle beim Musikfestival auftreten. Voller Enthusiasmus stürzen sie sich auf diese Möglichkeit. Deepsa regelt das. „Wir müssen auf das Fort fahren und mit dem Direktor sprechen.“, sagt er. Mit seinem Moped düsen wir hinauf. Oben angekommen, parken wir neben Autos und einem Kamel und gehen die letzten Schritte zu Fuß. Normalerweise kommt man hier nicht so eben mal herein. Er spricht mit den Kontrolleuren; klar, geht doch. Lächelnd sagt er mir, dass er gesagt habe, dass ich Musiker sei und am Festival spielen solle. Irgendwie muss er es auch so gesagt haben, als sei ich eine enorm wichtige Person. Und er sieht das auch so und ist stolz auf mich. Ich freue mich einfach. Nach einem längeren hin und her, was wir wollen und was geht und was eben nicht geht, bekomme ich den Direktor ans Telefon. Ich solle ihm doch bitte ein Mail zusenden mit meinem Wunsch und meinen Daten... Wir gehen wieder in Richtung Moped. Da sagt er auf einmal: „Komm!- ich muss Dir jemanden vorstellen!“ - und wir gehen auf einen kleinen Platz mit Aussichtsmöglichkeit zu. Dort stehen eine Polizistin und ein Polizist in ihren hellbraunen Uniformen. Erst denke ich mir, was das wohl werden soll, dann ahne ich es schon. Er spricht mit ihnen, wir begrüßen einander. Der Polizist ist sein Bruder oder Cousin, ich weiß es nicht mehr ganz genau. - Viel später fand ich erst heraus, dass ‚Bruder‘ oft auch ein Freund genannt wird. Dies realisierte ich zum ersten Mal, als man mich auch als ‚Brother‘ vorstellte. - Dann bestätigt sich meine Ahnung. Deepsa sagt: „Bitte spiel für sie!“ Und zwei neue Fans waren geboren.
Kurz bevor wir losfahren, entdecke ich auf einer sehr hohen Mauer vom Fort, drei Affen im Gegenlicht als Silhouette vor dem hellgelb leuchtenden Himmel sitzen. Der eine hat eine sehr lässige Haltung eingenommen.
Eine Mail an die Familie: ‚...Ich war jetzt gerade wieder oben am Fort. Bei den Besitzern des ‘Castle View’ werde ich wie ein Star behandelt. Immer wieder muss ich spielen... Nice!! Die Stimmung hier ist fantastisch!! Heute Abend wird wieder gefeiert. Es ist der letzte Tag des neun Tage andauernden Festivals für die Frauengöttin, in der neun Göttinnen verkörpert sind. Dann beginnt ja zum Glück bald das Musikfestival und zwischendurch gibt‘s sicher auch noch irgendwas zu feiern! :) Ein tolles Land sag ich euch!!!! :)…’
Die Antwort meiner Mutter: ‚...Das wird ein Schock für Dich: nicht nur die Temperatur, kein Festival…‘
Die andere Welt
Am 10. Oktober 2016 schicke ich ein Foto in die Heimat. Ich im Vordergrund, im Hintergrund das Fort Meherangarh und herrlichstes Wetter. Es wird von einem kurzen Schreiben begleitet, in dem ich mein größtes Mitleid für gewisse Betrachter äußere. Vornehmlich geht es dabei um das Ergebnis meines Gesichtes, welches durch den Unwillen und das störrische Gehabe meines Rasierapparates hervorgerufen wird. Mutter liebt den ‚Rajasthan-Stile’ in dem Fall nicht so unbedingt. Witzigerweise berichtet Punit von seiner Mutter dasselbe.
Mutter schreibt mir später: ‚...Danke für Deinen lieben Morgengruß mit Deinem ‚hübschen’ Konterfei!...‘
Und noch etwas später: ‚...siehst wirklich wie ein Ureinwohner aus! :)...‘
Einmal bin ich auf dem Weg irgendwohin. Ganz in der Nähe von meinem Guesthouse schnappt sich eine junge Frau mich. Sie redet gleich intensiv, unaufhörlich, in einem sprudelnden Wortschwall...- ‚Stop, stop!‘- denke ich. Ich verstehe nämlich im ersten Moment rein gar nichts, bin ich doch in einer sehr entspannten, ruhigen, ich-in-mir anmutenden, zeitlosen und im Fluss befindlichen unirdischen, dafür indischen Stimmung. Doch ganz langsam begreife ich, worum es ihr geht. Sie bringt mich unter weiteren Erläuterungen zu einem recht geräumigen, allerdings unbedachten Stand. Die Sonne prasselt mir auf den Schädel, was meine Denkfähigkeit zusätzlich stark einschränkt. Hier weilen weitere junge Frauen, die es meiner jungen Frau gleich tun und sich -intensiv sprechenderweise- auf mich stürzen. Ich bin, ob des enormen Wortschwalles um mich herum, etwas überfordert. Es ist eine Unterschriftensammlung. Ich muss etwas lächeln. Ich, in Indien und soll etwas unterschreiben, was tausende Kilometer von mir entfernt passiert? Es hat mit meiner Kultur nichts zu tun, man findet es in dieser Art und Weise in meinem Heimatland zum Glück nicht. Es geht diesen jungen Frauen um die Abschaffung der Tötung von Babys, die als Mädchen auf die Welt kommen. Natürlich unterschreibe ich; mit allen geforderten Details. Man verabschiedet mich lächelnd, ich lächle auch und würde auch, so wie sie es tun, ob der nun wirklich skurrilen Situation, lachen. Damit meine ich natürlich nicht die Morde, um die es hier geht, sondern um die Situation zwischen diesen sehr kräftig im Leben stehenden fröhlichen Frauen, in ihren bezaubernden Saris und mir, dem Europäer, der sich tatsächlich eine Unterschrift entlocken lässt. Darüber hatte ich allerdings auch nicht lange nachdenken müssen; werde noch einmal auf dieses Thema eingehen.
Ein wenig später, wieder daheim im Guest House, komme ich irgendwie nicht ins Internet, frage nach. Stromausfall; hm, zu blöd! Ich gehe durch meine schmale Gasse hinunter auf die Straße. Ab und zu sehe ich auf diesem Weg irgendwen aus einem Türspalt lugen, oder oben aus einem Fenster liegend lungern, das mit dem Boden auf gleicher Höhe zu sein scheint. Ein paar Meter weiter ist ein sehr schön eingerichtetes Restaurant. Der junge Mann der hier serviert, lebt in einem winzigen Kämmerchen, in das er nur fast auf allen Vieren hineinkommt. Es ist komplett dunkel. Ich habe von meinem Platz hineinsehen können, als er dort verschwand. Hier bekomme ich vom Besitzer einen Internetzugang und esse eine Kleinigkeit. Lecker; alles schmeckt fein hier.
Am Nachmittag organisiere ich mir wieder einmal ein Tuk Tuk und knattere mit demselben zum Sardar Market. Es ist immer wieder erstaunlich mit welchem Geschick sich die Fahrer durch diese zeitweise verflixt engen und holprigen Gassen manövrieren. Manchmal denke ich: ‚unmöglich!‘ - schwupps, ist er schon vorbei und durch. Egal ob da nun ein anderes Tuk Tuk im Weg steht, oder eine wedelnde Kuh, oder ein Esel, der mit Sandsäcken beladen gerade mal gar keine Lust auf Arbeit hat und von seinem ‚Herrn‘ angetrieben wird, oder aber auch einfach ein indisches Verkehrsknäul; irgendwie klappt das und gar nicht mal so schlecht. Beeindruckend!
Am Bestimmungsort angekommen, schlendere ich entspannt, ohne Ziel und Vorhaben so für mich hin. Auf einmal befinde ich mich unverhofft an der Stelle, zu der mich der angebliche Koch des Castle View gebracht hatte. Die Hitze ist hier wieder einmal mein bester Freund und klebt förmlich an mir. Die Menschen wuseln um mich herum, was mich in diesem Moment absolut kühl lässt. Doch dann verspüre ich einen brennenden, sehr unangenehmen Schmerz am linken Unterarm. Ich ziehe ihn instinktiv zu mir und sehe die Bescherung auf meinem blütenweißen langärmligen T-Shirt. Ein Junge hat eine Thermoskanne mit Tee gefüllt, geht frontal auf mich zu und weicht entgegenkommenden Menschen etwas aus. Dabei verdreht er die Kanne und ein schöner hellbrauner Strahl des normalerweise herrlichen und immer brühheißen Tees ergießt sich auf meinen Arm. Ich sage etwas wie „Hey!“, was ihn jedoch relativ wenig bis gar nicht beeindruckt. Er verschwindet. Man könnte annehmen, dass dies dann sozusagen ‚ein Gruß aus der indischen Küche‘ sein sollte! Vielen Dank! Ich habe mir ob der guten Eigenschaft des Färbens überlegt, dass es wohl das Gescheiteste sein wird, das T-Shirt komplett mit Tee zu beglücken. Bis jetzt ist es nur am linken Arm verziert.
Nach Hause schreibe ich: ‚...Man hängt wie ein schlapper Waschl herum. Blos nicht raus!! Super!! Bei euch werde ich dann mal ganz schön frieren...‘
Immer wieder bekomme ich Anrufe aus Österreich und Deutschland. Man muss mir unbedingt etwas mitteilen. Den Beharrlichen schreibe ich eine SMS:
‚Bingradinindien3.11.wiederdaLG.‘
Heute zu späterer Stunde konnte ich eine relativ gute Aufnahme des zum Gebet rufenden Muezzin machen. Alle ‚normalen‘ Geräusche sind natürlich mit dabei und das ‚leichte Lüftchen‘ gibt auch sein rauschendes Bestes, aber man hört den Gesang doch deutlich. Dann wieder Trompetenklänge, ein Presslufthammer und eine Flex, Vogelgezwitscher, Küchengeklapper und Sumit mit einer Frage, zu Wind und dem Muezzin dazu. Einfach toll!
Ich erzähle Sumit von meinem ‚Unfall‘ und zeige ihm meinen Ärmel. Er lächelt und bedauert die Färbung des sonst doch weißen T-Shirts. „Wie bist du zum Sardar Market gekommen?“, fragt er mich. Ich antworte: „I took a Tuk Tuk!“ Das wäre beinahe der Titel für dieses Buch geworden.
Am 11. Oktober schreibe ich dem Direktor des Festivals die gewünschte Mail: ‚Sehr geehrter Direktor des ‚Riff‘ Festivals Jodhpur! Ich wohne zur Zeit im Castle View Home Stay hier in Jodhpur. Mein Name ist Askold zur Eck. Ich lebe in Österreich und bin speziell für das ‚Riff‘ Festival nach Jodhpur gekommen. Ich arbeite in einem Musikinstrumenten Museum der Völker in Sankt Gilgen, nicht weit entfernt von Salzburg. Das Museum beherbergt circa 4500 Instrumente aus aller Welt und ich spiele etwa 2000 von denselben. Meine Eltern studierten Musik in Salzburg. Sie begannen Instrumente zu sammeln. Viele unserer Instrumente kommen aus Indien. Ich würde gerne eine kurze Zeit auf dem ‚Riff’ spielen; vielleicht ein paar Minuten, so dies organisatorisch überhaupt möglich ist. Ich würde das Instrument, das in meiner Heimat Maultrommel genannt wird und in Indien Morchang heißt, spielen. Anbei übersende ich Ihnen den Link zu einem kleinen Filmchen, in dem ich dieses Instrument spiele. Vielen Dank für Ihre Zeit. Herzlich Askold zur Eck.
Anmerkung: den Link, beziehungsweise das Filmchen, gibt es heute nicht mehr.
Hier greife ich jetzt ein wenig vor. Es hieß dann irgendwann von irgendwem, dass ich irgendwann an einem bestimmten Tag eventuell auftreten könne. Das klang dann erst einmal doch relativ indisch für mich. Der besagte Tag kam, es war der 14. Oktober 2016 und ich wartete die ganze Zeit auf den Anruf, der mein Startschuss hätte sein sollen. Wo, wußte ich im Übrigen auch noch nicht... Es war ein ständiges ‚ja‘, ‚vielleicht noch‘, ‚könnte sein‘, ‚aber wer weiß‘, ‚mal sehn‘, ‚Sorry, doch nicht!‘... Letztlich dann letzteres.
Lustigerweise nehme ich ein, zwei Tage später an einer wissenschaftlich gehaltenen Vorstellung verschiedener Instrumente, Musik et cetera teil, habe dann ob der anstrengenden und spannenden Tage und der großen Hitze und hohen Luftfeuchtigkeit, zu dieser Mittagszeit ein kleines Vitalitätstief und hole mir so etwas ähnliches wie eine Pizza und einen Kaffee. Indem ich nun auf beides warte, spricht mich aus relativ weiter Entfernung ein Herr an und zwar gleich so, als ob wir uns schon kennen würden. Definitiv habe ich ihn noch nie gesehen. „Sie sind doch Herr zur Eck, nicht wahr?“, fragt er mich. „Ja!?“, antworte ich fragend, lächelnd und müde. Dann gibt er sich als der Direktor des Festivals zu erkennen und das er meine Filmchen im Netz gesehen habe und daher wußte, wie ich aussehe. Wir setzen uns und plaudern ein wenig. Er hat einige sehr gute Tipps für mich und will wissen, was ich da genau in Österreich mache. Ein angenehmer ruhiger und interessanter Mann. Zur Verabschiedung meint er noch, dass er, so er die Zeit finden würde und einmal in meiner Nähe in Österreich sei, gerne ins Museum käme. Eine wirklich nette Begegnung.
Die nächste Mail in die Heimat: ‚...Ein Festival jagt das nächste. Es hört anscheinend nie auf. Demnach habe ich wirklich den richtigen Zeitpunkt erwischt. So viele Eindrücke; es ist fantastisch. Die Menschen sind aufgeschlossen und interessiert, es ist rührend. Immer wieder treffe ich den Bruder (oder ist‘s der Cousin, oder der Neffe; irgendwie sind alle irgendwas davon:) von irgendwem hier und dann muss ich spielen und schwuppdiwupp ist eine Menschentraube um mich herum... Heute war ein großer Umzug, überall Menschen, sogar auf den Dächern. Schöne Fotos und Filmchen. Für diesen Umzug haben sie die schon lange aufgerissene Straße, über die sie sich hier schon aufgeregt haben, über Nacht (bucklig, aber immerhin) asphaltiert. Gestern Abend war ich noch unten, da war sie noch mit groben Steinen und festgetretener Erde versehen. Wie die das gemacht haben,- keine Ahnung!!!! Ich brauche immer wieder Ruhepausen. Wie jetzt. Werde die Wärme, das Fort und die Stimmung genießen und wenn ich diese Zeilen zu Hause lese, mich daran erinnern. Habe vor nachher ein wenig shoppen zu gehen. Werde nicht viel heim bringen. Aber Fotos und ein mit Milliarden Eindrücken gefülltes Herz!!...’
Mutter antwortet: ‚...Gerade las mir Vater Dein schönes, interessantes Mail vor. Wie freuen wir uns über Deine Eindrücke! Ja, die werden Dich ein Leben lang begleiten!...’
Die ‚Hauptstraße‘ (Gasse), die in die Gegend meines Viertels führt, ist tatsächlich aufgerissen worden - nach Aussagen der Einheimischen schon lange vor meiner Ankunft. Ein Tag bevor der Hauptumzug des neuntägigen Göttinnenfestes vom Fort bis viele Kilometer aus der Stadt hinaus ziehen soll, ist diese Straße tatsächlich eher ein Schotterweg, als eine asphaltierte Straße. Am Vorabend bin ich noch auf Schotter unterwegs, am nächsten Morgen auf Asphalt. Einige unwesentliche Erhebungen sind auszumachen, aber für den Umzug wird es perfekt sein. Ungläubig bestaune ich das Werk am Morgen. Unfassbar!
Dieses Festival ist wirklich unglaublich;- in all seinen Facetten. Ich bin mir sicher, dass dies eine Grundstimmung für ein Fest in Indien ist: Facettenreichtum.
Mein Blick schweift gerade in die Ferne, zum Fort. Manchmal ist man einfach nur schlapp und genießt einen aufkommenden Wind; woher er auch kommt, wer auch die Ursache für ihn ist. Das Lüfterl einer indischen Gottheit, oder des Ventilators. Doch dann höre ich auf einmal oben auf meinem sehr viel höher gelegenen Castle View den herannahenden Festzug. Von der Festung kommend, unten bei mir vorbeiziehend. Unüberhörbar. Sozusagen ‚unerhört hörbar!‘, ein wenig wie Vietnam - (ein Wortspiel am Rande:). Das muss ich sehen. Mit meiner Kamera bewaffnet ‚eile‘ ich in indischer Eile hinab. Dort erwartet mich Getöse, lachende Menschen, kräftige, wunderschön zusammengestellte Farben, bunte Wagen. Ein silbern-blechernes Gefährt, das aus einem anderen Universum zu stammen scheint und zeitweise merkwürdig hallend-lallend das Wort ‚Hallo!‘ erschallen lässt. Kinder, die einen speziellen Ruf immer wieder wiederholen, dazu ihre Arme und Stangen in die Luft strecken, Gestalten, nicht von dieser Welt, Männer als Frauen verkleidet, oder sind es Götter… Meine Kamera glüht. Ein Foto nach dem anderen, ein Filmchen folgt dem nächsten. Mein Blutkreislauf funktioniert einwandfrei; bei dem Tumult!
Kinder tragen relativ große Trommeln mit dem Fell nach oben zwischen sich und schlagen mit Schlegeln auf dasselbe. Manchmal funktioniert der eingeübte Rhythmus sogar. Dann kommen Mädchen mit roten Stangen und drehen sie in kunstvoller Weise;- mal klappt‘s, mal nich‘! Ein junger Mann hat ein Kreuz in der Hand und dreht es. Aussen an diesem Kreuz ist ein Ring befestigt. Von diesem führen Schnüre nach unten. Dort werden sie durch ein ringsum verknotetes Band gehalten. Es entsteht so etwas wie eine ‚Schnurglocke‘ um ihn. Er dreht sich dabei und geht in die Hocke. Sieht lustig aus.
Auf einmal tauchen Burschen bei mir auf und wollen, dass ich ein Foto von ihnen mache. Ich erkläre ihnen, dass ich gerade ein Video mache. Schon stehen sie posierend vor der Linse. Mittlerweile ist dies schon recht normal für mich. Am Anfang wußte ich immer gar nicht, was sie eigentlich wollten. Der eine macht ein Foto von mir. Hm?- darum hatte ich doch gar nicht gebeten...
Ich drehe mich um und sehe ein paar merkwürdige Gestalten. Entweder sind sie einfach in Frauenkleider gesteckte Männer, oder sie stellen, wie oben schon vermutet, Götter dar. Sie winken mich her und bitten, dass ich (ach nein!) ein Foto von ihnen mache und es ihnen dann per Mail schicke. Klar doch! Einige Wochen später, haben sie es bekommen.
Ich stehe auf der Straße. Ein weiß gekleideter Mann steigt mit Hilfe einiger Kollegen einem anderen Mann auf die Schultern. Er hat ein kleines Fläschchen und einen Stock bei sich. Er öffnet das Fläschchen und scheint den Inhalt zu trinken, aber nein!- der Stock brennt auf einer Seite und schon wird das Brennmittel (meist ein hochgereinigtes Petroleum) gegen die Flamme geblasen; heftig und kräftig. Ein Feuerball geht über mir auf und im selben Moment regnet es - nein! kein Wasser, Petroleumtropfen. Wir weichen schnell nach hinten,- irgendwie habe ich Glück gehabt und nichts von seinem Segen abbekommen. Immer wieder scheinen die Flammen glühend aus seinem Mund zu kommen. Zu Hause schaue ich mir die Fotos in Ruhe an und bin von der Lebendigkeit und besonderen Formung der Flamme fasziniert. Es scheint, als ob sie ‚wölkt‘. Sie hat nicht die Form einer Feuerflamme. Ich nehme ganz stark an, dass dies durch das Petroleum hervorgerufen wird.
Jaswant Thada
Am 12. Oktober kommt Amit zu mir und sagt, dass er eine Bitte an mich hat. Ich lausche. „Da ist ein Pärchen angekommen.“ sagt er. „Ich habe im Moment nur noch ein Einzelzimmer frei und du schläfst in einem Doppelzimmer. Könntest du dir vorstellen, für drei Nächte in das Einzelzimmer zu ziehen?“ Ich frage nach dem Zimmer. Er zeigt es mir. Es ist genau das Zimmer, zu dem ich meine Meinung abgeben sollte. Als ich eintrete verschlägt es mir erst einmal die Sprache. Eine Baustelle. Er entschuldigt sich und sagt: „Bis du einziehst, ist alles geputzt und ordentlich!“ Das soll heute sein! Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. So richtig prickelnd find ich‘s jetzt ehrlich gesagt gar nicht, auch wenn‘s nachher geputzt sein sollte. Überall Staub und Schmutz und eben eine Atmosphäre wie: ‚Urlaub auf der Baustelle!‘ Yeah!… Oh Mann! Das fetzt… nicht! Trotz dieser ganzen Misere ist doch der spezielle Punkt der: ich bin seit etlichen Tagen hier und bleibe noch. Ich bin aufgenommen wie ein Bruder und Familienmitglied. Einen anderen Gast hätte er niemals darum gebeten. Was für eine Auszeichnung. Ich sage zu und er bedankt sich rührend bei mir.
Schutt und Staub werden relativ gut entfernt. Kleine Mängel bleiben bestehen, die mir nicht einmal ganz egal sind. Zum Beispiel tropft es auf einmal von oben auf die gemütliche Sitzecke, wo einfach etwas größere Kissen ausgelegt sind. Und überall sind Schlitze und größere Löcher ins Freie. Da könnte so alles Mögliche hereinfliegen und -krabbeln... - vielen Dank auch. Ich gehe einfach weiterhin spät schlafen, dann ist die Zeit dort mal ein wenig dezimiert. Als das Pärchen wieder abgereist ist, bekomme ich sofort mein Zimmer wieder. Seligkeit auf Erden.
Meinen Lieben daheim schreibe ich: ‚...Ich bin ein wenig im Stress! Muss mein Zimmer räumen und alles packen. Dann einer ,leider’ vergebenen Engländerin folgen, zum kleinen Taj Mahal, welches hier in der Nähe ist!...‘
Nachdem ich den Tag nun relativ gemütlich mit einem feinen Frühstück und besagtem Umzug begonnen habe, will ich mir das schon erwähnte ‚Jaswant Thada‘ ansehen, welches sie auch ‚das kleine Taj Mahal‘, oder ‚Taj Mahal of Marwar‘ nennen. Von meinem ‚Schlossblick‘ ist es zu Fuß erreichbar.
Wie die Ruhe selbst und ungehetzt gehe ich meiner Wege durch die aufgeheizten Straßen der blauen Stadt. Alles bewegt sich langsam, alles ist so friedlich. Immer wieder trifft man Menschen, immer wieder erreicht einen ein Blick der alles heißen kann. Meist sind es unsichere, liebenswerte und manchmal schüchterne Blicke. Doch einmal geht es eindeutig eher in die Aussage: ‚Was willst du hier in unserer Stadt, in unserem Land? Scher dich fort! Verschwinde!‘ Tatsächlich erreicht mich einmal etwas in dieser Art von einer älteren Frau, in deren Gegenwart noch ein oder zwei weitere Personen weilten. Sie unterstrich ihre Rede mit einer verscheuchenden Geste ihrer Hand. Das war mir sehr merkwürdig, da ich nur andere, positive Regungen kannte. Ich bin dann auch gegangen, obgleich ich sowieso keine andere Wahl hatte; hier war Endstation, ich musste umkehren. Vielleicht ist eine Erklärung damit gegeben, dass bis vor sehr kurzer Zeit noch kein Tourist in diesen Stadtteil Jodhpurs eintreten durfte. Ich nahm es nicht als Selbstverständlichkeit hin, es war besonders hier sein zu dürfen und ich war zurückhaltend und ehrfürchtig, dankbar, überaus dankbar, für diese Kontakte mit diesen besonderen Menschen. Man weiß selten, wo die Wurzeln zu einer negativen Tat, oder einem unnetten Wort zu finden sind. Manchmal ist man einfach nur zu sehr überrumpelt, als das man sich in Ruhe dieser Frage stellen könnte. Die eigene Reaktion ist dann eine aus des Menschen Natur stammende, eine natürliche. Aber der Mensch hat die Fähigkeit diese ‚Natur‘ zu bezwingen und überlegt zu handeln. Es braucht nur einen Sekundenruck des Innehalten…
Nach einiger Zeit nähere ich mich ‚Jaswant Thada‘. Hinter mir liegt die Festung, rechts von mir ein Reiter zu Pferd mit erhobenem Arm, stolz und aufrecht und vor mir schaut nur die Spitze des Gebäudes heraus, das mein Ziel ist. Der untere Teil des ‚kleinen Taj Mahal‘ wird von rötlichen Felsen verdeckt. Linker Hand ein Projekt in das sehr viel Energie geflossen ist. ‚Rao Jodha Desert Rock Park‘. Vulkanisches Gestein und Sandstein sind hier beheimatet. Es dauerte sehr lange und große Anstrengungen und enorme Geduld waren notwendig, um der ursprünglichen Vegetation wieder eine Heimat zu geben.
Die in der Entfernung gesichtete Spitze wird immer größer und ich nähere mich zusehends. Neben mir ein Gewässer mit einigen Pflanzen.
Da ich schon einige Tage vor Beginn des Musikfestivals ‚Riff‘ (Rajasthan International Folk Festival) hier in Jodhpur eintrudelte, werde ich Zeuge des langsam gestaltenden letzten Schliffs an vielen Ecken und Enden. In meinem Guest House werden beispielsweise die Wände neu geweißelt, am aufwärts führenden Weg auf das Fort, werden großblättrige Pflanzen eingesetzt. Auf meinem Weg zum ‚Jaswant Thada‘, komme ich auf eine platzähnliche freie Fläche und bemerke einige Absperrungen, einen kleinen LKW mit einer Ladefläche, in Arbeit befindliche ‚Terrassen‘, eine noch nicht fertige Steinmauer, aufgewühlte Schotterplätzchen. An diesem Ort soll in wenigen Tagen ein Teil des Festivals stattfinden. Im Moment sieht dies noch gar nicht so aus. Ein mittelalter Mann hackt den Schotterboden auf, füllt das so gewonnene Material in Holzschalen, die er wiederum Frauen übergibt, welche dieselben auf ihren Kopf heben, auf dem ein Stoffring zu sehen ist. Sie bringen den Schotter zum LKW und schütten ihn dort hinein... - echte Handarbeit, Schwerstarbeit. Undenkbar in Österreich. Ein Stück weiter hockeln zwei Männer im ‚Rao Jodha Desert Rock Park‘ und klopfen mit Hammer und Meißel, die benötigten Steine aus dem Felsen - sie sind für die Mauer dort. Die Kollegen machen gerade Pause. Sie quetschen sich dicht an einen Anhänger und unter einen Busch, sowohl der eine, als auch der andere, spendet wohltuenden Schatten. Was für eine Szenerie. Wenige Tage später sieht es dort so aus, als wäre es schon immer und ewig so gewesen. Alles ordentlich gemauert und gepflastert. Hm!!
Am Eingang dieser parkähnlichen Anlage wird man zu einer Kasse geleitet, an der man den Eintritt und wenn erwünscht, eine Kameragebühr bezahlt. Der Beleg wird mittels Schnürchen um das Kameraband geschlungen und hängt dort über die komplette Besuchszeit;- das muß so sein. Es ist wunderschön hier. Ein Musiker sitzt und spielt auf seiner Ravanahatha. Gleich darauf folgt ein quadratischer Pavillon, kunstvoll verziert und von Bäumen und Blumen und Büschen gesäumt. Ein weiterer Musiker hat sich mit seinem Harmonium malerisch in einem Winkel positioniert und spielt für sich, für uns. Ein paar Stufen hinauf und da steht es strahlend vor mir. Das Mausoleum ‚Jaswant Thada‘! Es wurde 1899 von Maharaja Sardar Singhji zum Andenken an seinen Vater Maharaja Jaswant Singhji II von Jodhpur erbaut. Nach sieben Jahren wurde es 1906 fertiggestellt. Es erstrahlt in weißem Marmor.
Draussen, einige Schritte vom Eingang entfernt, weisen Schilder darauf hin, dass man dort seine Schuhe hinterlassen soll. So gehe ich auf meinen Socken einige Stufen hinan und stehe im Innern dieses Denkmals. Es ist ruhig. Ein Angestellter -denke ich- erklärt ein wenig. Ich verstehe ihn irgendwie nicht, er ist sehr bemüht, ich nicke, lächle und sage manchmal etwas wie: „Mhm!“ Dann sehe ich auf der Seite, dass der Marmor durchleuchtet wird, von der Sonne. Gelblich gülden scheint es bei einigen Stellen der Mauer durch. Und schon sehe ich den Herrn, wie er zum Fenster geht, seinen Arm von aussen an die Mauer legt und ja!- man sieht den Schatten seiner Hand.
Das Hauptgebäude ist von schönen Pavillons und einer Gartenanlage umgeben. Die Pflanzen werden gerade gewässert. Eine junge Frau geht mit einem Schlauch und gibt ihnen, was sie freudig aufnehmen um den kommenden Tag zu überstehen. Tauben umfliegen das Mausoleum. Ein ganzer Schwarm. Es hört sich so angenehm an. Ein wohliger Klang für‘s Ohr. Schon in einiger Entfernung kann man sie leise flattern hören, dann schwillt das Geräusch der Federn in der Luft an und verklingt genau so schnell wieder. Einige Sekunden später sind sie wieder da und wieder und wieder, bis sie eine Ruhepause am hinteren linken Ende einlegen. Dort sitzen sie dann dicht gedrängt, jeder auf einem prachtvollen Plätzchen, geniessen die Kühle des Schattens. Gar nicht bedrängt, aber sehr wohl auf einem prächtigen Plätzchen, allerdings alleine, auch den Schatten bevorzugend, sitzt eine junge Frau auf den Stufen des hinteren Bereichs. Sie macht Fotos, sieht sie sich auf dem kleinen Display an. Wir kommen kurz ins Gespräch, plaudern über die Schönheit der Natur und des Grabmahls und über unsere Kameras. Sie kommt aus Israel und ihr Freund liegt kränklich im Guesthouse. Hat wohl irgendwas beim Essen erwischt. Wir verabschieden uns und gehen weiter unserer Wege. Später kann ich sie, als sie gerade eine Aufnahme macht, mit meiner Kamera einfangen. Langsam begebe ich mich in Richtung Ausgang. Die Sonne prasselt mal wieder ordentlich und ich bin ihr auf dem vor mir liegenden Weg ganz schön ausgeliefert. Plötzlich tukert ein Tuk Tuk daher und bleibt stehen. Wer schaut heraus? ‚Meine‘ kleine Israelin. Ob ich mitfahren möchte, sie sei auf dem Weg zum Sardar Market. Oh ja! Und schon sitze ich neben ihr und wir düsen gemütlich gen Innenstadt. Als wir dieselbe so halbwegs erreicht haben, scheint unser junger Fahrer Lust auf Musik zu haben und betätigt seine Anlage. Entweder scheint er fast taub zu sein, oder er will den Klang des ‚feinen Liedes‘ etwas besser vernehmen, da sein Tuk Tuk ja so laut ist, oder möchte er sich schon einmal im Inneren der Stadt ankündigen? Wir wissen es nicht. Eine Unterhaltung neben diesem extrem aufgedrehten Hörgenuss ist auf jeden Fall nur schreiend möglich. Das haben wir dann auch so praktiziert, direkt ins Ohr. Wir sind auch gar nicht aufgefallen während dieser Fahrt...
Am Ziel angekommen, trennen sich unsere Wege zum zweiten Mal und wir haben unsere Mailadressen ausgetauscht. Eine sehr nette Begegnung.
Eine Mail: ‚...In der Ferne höre ich gerade sehr langgezogene horn- oder oboenartige Klänge. Es ist wieder einmal fantastisch!! Die Hitze, ein Lüftchen, das Fort, die Adler, Gewurschtl hier auf der Terrasse und ringsum in der blauen Stadt. Es gibt auch Viertel, in denen es echt hektisch zugeht. Gestern brauche ich Geld. Wieder einmal wie immer, es funktioniert kein einziger Automat. Dann frage ich jemanden, der mich in ein großes Gebäude bringt, wo man mir rührend in eisgekühlten Räumen hilft und einen Automaten findet, der funktionieren müsste; ziemlich weit weg. Auf ihrem Handy zeigen sie mir den Weg. Sehr nett, aber da ich mich dort nun so überhaupt nicht auskenne, sagt mir der auf dem Display zu sehende Weg rein gar nichts. Könnt ihr euch sicher vorstellen. Da, in diesem Moment, zählt auch grad ganz was anderes! Es ist diese einfache und menschliche Hilfsbereitschaft. Ohne wenn und ohne aber, bedingungslos. Es war geradezu rührend. Zur Sicherheit schreiben sie mir die Adresse noch auf einen lustig abgerissenen Zettel. Einmal englisch, einmal in Hindi. Diesen Zettel werde ich dann mal die ganze restliche Zeit in Jodhpur immer bei mir haben... Zur Sicherheit noch ein Anruf beim befreundeten Bankdirektor, der meint, dass alle funktionieren, die mit dem Namen meiner Karte ausgezeichnet sind. Also nochmal die Straße runter, nix! Tuk Tuk suchen. Preis: 100 Rupien. Meine Helfer haben mir aber gesagt, dass es 60 kostet. Kurze Verhandlung. Nicht runter gegangen, so bin ich gegangen. Kurz drauf noch einen gefunden, das Gleiche. Ein paar Meter weiter ein junger. Kein Englisch, fragt wen. Ok! Wie viel? Er zeigt mit den Fingern 80. Ich sage „80?“ (ich fragte nur! Die eine Hand zeigte alle fünf Finger, die andere hatte Daumen und Zeigefinger eingeklappt). Er zeigt sofort 70. Das habe ich dann angenommen. Das ist nicht einmal ein Euro. Der ist mit mir dann echt weit gefahren; sehr gut. Am Anfang auch total ohne zu hupen. Später schon; aber dass war dann verständlich, wie ihr noch erfahren werdet. Dann sind wir dort. Meine Karte ist schon an der Tür gekennzeichnet. Mein Herz hüpft!! Erst hat‘s nicht funktioniert, dann doch. Meistens ziehe ich mir 10.000 Rupien. Das ist ein ganz schönes Päckchen und hat in Euro einen Wert von 142.80 Euro. Unfassbar!- oder? Ich habe meinen Fahrer vor dieser Aktion noch gefragt, was die Fahrt zurück in mein Hotel kostet. Er zeigt 80. Das habe ich gerne und dankbar angenommen. Das Ende vom Lied war dann, dass ich ewig mit ihm herumgefahren bin; ich hab glaub ich ganz Jodhpur gesehen. Filmchen gemacht. Viel Elend gesehen, furchtbar! Und auch ein Kamel. Das einzige bis jetzt. Ausgerechnet da hatte ich die Kamera aus. Dann wieder ein Stop und fragen. Wir waren irgendwo. Dann wollte er zusätzlich 150, also gesamt 300 Rupien. Klar! Als wir dann tatsächlich hier waren, habe ich ihm zuerst die 300 gegeben, dann hat er mich mit dem typischen Wackelkopf angesehen, der sehr unterschiedliche Aussagen haben kann (spannend & lustig). Ich habe ihm dann noch hundert gegeben. Er hat weiter gewackelt; dann habe ich gelächelt, was eigentlich eben nur ein Lächeln sein sollte. Er hat das dann sehr schnell als ‚nein!’ akzeptiert und sein Geld eingesteckt. Ein neuer Kunde. Nachdem die Verhandlung mit demselben abgeschlossen war, habe ich ihm noch 100 gegeben. Er war überglücklich!! Das hättet ihr sehen sollen!! Der hat sich aber auch wirklich Mühe gegeben. Händeschütteln, ein strahlen im Gesicht... Er ist schätzungsweise über eine Stunde mit mir unterwegs gewesen!!…‘
Der Polizeiinspektor
Etwas überfordert von der Hitze, dem Gewusel und den doch recht erfüllten Tagen in der vergangenen Zeit, stehe ich direkt am Tor zum Sardar Market. Ich stehe einfach nur. Sehe in dem Durchgang des Tores arme Menschen herumlungern und rauchen. Mopeds flitzen meist durch das größere Mitteltor, manchmal auch durch den schmaleren Seitengang. Überall Menschen und direkt vor mir beginnt der Markt. Sie haben alles vor sich ausgebreitet. So stehe ich da und ‚bin’ einfach.
Da kommt ein stramm gehender Polizist auf mich zu und nimmt mich einfach mit. Allerdings nicht im Sinne des verhaftenden Polizisten, sondern als Freund. Überaus freudestrahlend, mit ausgestreckter Hand sagt er: „Erkennen Sie mich?” Ehrlich gesagt habe ich mich doch recht konzentrieren müssen, doch dann fällt der Groschen: der Polizist, der mit seiner Kollegin am Fort gewesen ist und dem ich Maultrommel vorgespielt hatte, nachdem Deepsa darum gebeten hatte. Seine Frau und Tochter sind auch da. „Kommen Sie, kommen Sie mit mir! Ich muss Ihnen etwas zeigen!” Mit diesen Worten geleitet er mich ein paar Meter weiter, praktisch auf die andere Seite des Tores, wo die Polizeistation beheimatet ist. Er verschwindet im Innern.
Es dauert nicht lange und alle Polizisten, Polizistinnen und der Polizeiinspektor stehen in vollem Aufgebot rund um mich herum und mein mir schon bekannter Polizist bittet mich, ob ich für sie ‚maultrommeln‘ würde. Klar. Während ich spiele, bleiben Passanten stehen und wollen lauschen, - sie werden verjagt… Als ich aufhöre zu spielen, kommt der Polizeiinspektor zu mir und fragt: „Wie viele Tage dauert es, bis ich Maultrommel spielen kann?” Ich sage ihm, dass es ein paar Minuten dauern würde, um die Anfänge zu erlernen. Er wird sichtlich freudig nervös und fragt weiter, ob ich ihm das Spiel auf diesem Winzling beibringen könne. „Ja natürlich! Gerne!” Sofort telefoniert er. Er wird eine Maultrommel besorgen, eine indische Morchang und mich dann in meinem ‚Castle View’ von einem Polizisten benachrichtigen lassen und sich wirklich freuen, wenn es dazu kommt. Ich mich auch.
Am 13. Oktober taucht tatsächlich ein Polizist im Castle View auf und lässt mir ausrichten, dass die Maultrommel gekauft sei und der Polizeiinspektor freudig auf mich wartet.
Und so kommt es dazu, dass ich einem indischen Polizeiinspektor des höchsten Ranges im Zentrum von Jodhpur auf der Wachstube einen Maultrommelkurs gebe. Alles ist winzig hier. Rechts führen drei Stufen direkt von draussen zu ihm. Ein Schreibtisch, dahinter sein Arbeitsplatz, davor zwei Stühle, rechts eine kleine Bank und links ein Aktenschrank. Einige Ventilatoren lüften um die Wette. Zum bewegen gibt’s kaum Platz. Links führen ebenso drei Stufen in den anderen Bereich der Station, da war ich nie.
Er hat sich sehr geschickt angestellt und sehr schnell heraus, wie man sie anschlägt, mit dem Atem den Ton verstärkt und mittels der Zunge unterschiedliche Töne bilden kann. Strahlend dankt er und überreicht mir als Geschenk und Dank eine Morchang; er hat zwei gekauft. Jetzt ist sie in unserem kleinen Museum in der Indienabteilung zu finden. Was für ein Erlebnis!
Ich treffe Barbara, die mir einen fantastischen Shop zeigt, in dem ich morgen einkaufen gehen möchte. Jetzt im Moment habe ich nicht die Zeit und Muße dafür.
Am Abend fängt nun das Musikfestival an. Es gibt ein Eröffnungskonzert am Sardar Market. Tagsüber wird schon einmal ‚gesäubert’, eine Bühne aufgestellt, Teppiche verlegt, Matratzen zum sitzen für geladene Gäste. Dieser Bereich ist umzäunt.
Der Mond steht rund und majestätisch am Firmament, das Fort als Umrahmung dieser Szenerie. Wir sitzen unweit vom Sardar Market entfernt, von wo aus die Musik zu uns heraufdringt. Kurz gehen wir an den Rand der Dachterrasse des ‚Pal Haveli’, sehen die Musiker, Tänzer und Feuerspeier. Es ist wie ein Märchen. In den Tiefen meines Unterbewusstseins macht sich dumpf ein Gedanke breit: ‚Zwick dich!- damit du merkst, ob dies alles Realität, oder nur Lug und Trug ist.’ Aber die Sinne sind derart belegt, berauscht, vollgestopft mit Eindrücken, dass ich diesen Gedanken gar nicht ins Bewusstsein heben kann.
Pal Haveli ist ein Nobelhotel im Zentrum von Jodhpur, das vom Cousin des Maharajas geführt wird. Barbara kennt ihn und so haben wir durch sie die Ehre ihn persönlich zu treffen und kennenlernen zu dürfen. Ein äusserst sympathischer ruhiger großer Mensch mit einer wundervollen und bescheidenen Ausstrahlung, der mir am folgenden Tag mit einem Tipp für einen Musikinstrumentenshop behilflich ist. Das hatte er mir angeboten. Einige Zeit sitzt er bei uns und wir haben die Gelegenheit mit ihm ein Gespräch zu führen und Gedanken auszutauschen. Allerdings hat er noch Verpflichtungen und muß uns aus diesem Grunde bald wieder verlassen.
Wir können uns noch nicht ganz so schnell von diesem besonderen Ort trennen, lauschen dem betörenden Beginn des Festivals, plaudern und genießen die Wärme und wieder einmal das Hier und Jetzt. Doch irgendwann muß es auch sein. Wir gehen hinunter und aus dem Hotelbereich heraus. Hier wartet schon unser Tuk Tuk Fahrer auf uns. Er war für eine bestimmte Zeit bestellt. Nun sind wir allerdings inklusive Fahrer, sieben Personen. Das war echt eng in diesem kleinen Gefährt.
Um ins Bett zu gehen ist’s dann allerdings doch noch viel zu früh, auch wenn früh wieder mal ganz schön spät ist! Das sind Momente, in denen man sich spürt. Die äussere Gegebenheit gibt etwas Inneres.
Mutter schreibt mir, dass sie bezweifelt, ob ich jemals wieder heim kommen werde, bei so schönen Erlebnissen und dass sie Vater ständig schwärmen hört, wie sehr er sich für mich freut. Und weiter: ob ich mir (ich berichtete davon) schon eine solch schöne Inderin geschnappt hätte. „Du wirst ja nicht viel Zeit mit Schlafen vertun! Jedenfalls eine gute Nacht, wie immer du sie verbringen wirst!...”
Himmel auf Erden
Am 14. Oktober in morgendlicher Frühe erreicht wieder einmal eine ‚indische Mail’ die Lieben daheim: ‚...Dann sind wir gestern noch ein wenig hier beisammen gesessen, geplaudert... und ab ins Bett. Circa drei Stunden später hieß es aufstehen. Die Zeit: fünf Uhr! :) Dann mit dem Tuk Tuk zu dem Ort, an dem die erste Veranstaltung des Tages stattfindet. Eine terrassenartige Fläche, relativ groß, mit weißen Leintüchern bezogene Matratzen, die dort über den gesamten Platz ausgelegt sind und darauf ‚Kopfrollen’. Dort hat man sich hinhocken oder -legen können. Es ist ein bisschen kühl, dunkel, über uns der sternenklare Himmel, das Fort in der Nähe, Stille. Sie reichen kleine Pappbecher mit sehr heißem süßem Chaitee. Die sechs Musiker vorne auf einer niederen Bühne, nur als Silhouette sichtbar, mit ihren Instrumenten. In diese zauberhafte Stimmung fangen sie an zu spielen. Ich lasse lange und eindringlich den über mir stehenden Orion auf mich einwirken. Es ist so besonders! Dann dämmert langsam links die Sonne, erst nur ein zarter Schein, oder eine leichte Aufhellung, dann der rote Ball, erst diesig zartrot, dann heller und immer heller werdend, bis sie deutlich ihre Wärme abgibt. Und natürlich die Musik und Musiker!!- in weiß gekleidet, mit buntem Turban. Zwei Vina, drei Zymbelpaare, eine Trommel. Und Gesang! Und die Vögel, die dahinschweben oder -flitzen, Vogelschwärme (wunderschön in ihrer Beweglichkeit), zwei Schwalben sind sogar knapp über die Köpfe der Musiker gefetzt! :) Nachher habe ich sie gesprochen und noch eine sehr intensive Begegnung (besonders mit einem) gehabt, als sie schon im Auto saßen. Glück pur!!!!...‘
Die Zeit, die hier so voller Wert ist, wertvoll einfach, geleert und mit neuen Werten gefüllt, ist so anders. Für mich war die erste Erfahrung damit so befremdlich, die Situation in Delhi, wo ich 25 Minuten auf mein Bier wartete. Ich wusste zu dieser Zeit ja noch nicht, ob das nun ein ‚Hoppala’ dieses Kellners war, oder ob es eben normal ist. Es ist normal! Und wenn man sich nicht auf dieses Thema einlässt, fühlt man Indien, beziehungsweise erfasst man Indien genau so viel, wie wenn man Mathematiker werden möchte und statt zu studieren spazieren geht. Das wird ganz schwierig. Und Indien kann man nur mit einer gewissen Ruhe und Gelassenheit kennenlernen. Einmal sagte ich zu jemandem, noch in Indien weilend, dass ich, wenn ich wieder in Österreich zurück sei, dem Kellner sagen würde: „Bringen Sie mir doch bitte den Kaffee nicht so schnell, mir ist ja schon ganz schwindelig!”
Folgende Mail fliegt heim: ‚...Ich hab einfach keine Worte!!!! Um 11 Uhr bin ich zu einer Veranstaltung gegangen. Thema: Geschichtenerzähler! Wahnsinn!! Ein Herr hat vorher etwas erklärt, sehr wissenschaftlich und in Englisch gehalten, was dann später praktisch zu sehen und hören war. Musik und Erzählungen. Davon versteht man dann natürlicherweise gar nichts mehr; braucht man aber auch nicht. Der Ausdruck in den Augen, diese kräftige Sprache...!! Nachher habe ich dann Kontakt mit einem der Geschichtenerzähler aufgenommen und ein Video machen können. Sehr lustig und eben so ausdrucksstark! Es war eine sehr gute Entscheidung hier her zu kommen!!!!...‘
Die Eindrücke lassen nicht nach. Überall gibt es Neues. Mir fehlen gerade wieder einmal die Worte für diese großen Ereignisse, die mit all dem verbunden sind. Am liebsten, lieber Leser, würde ich dich dort hin verzaubern wollen und mich dazu und dir in der Realität das zeigen, was ich hier mühsam und stümperhaft in Worte zu kleiden versuche. Alleine die Gefühle, die mich dort durchzogen, waren so mannigfaltiglich.
Es gibt Musiker am Fort. Besonders ein junges Pärchen mit einem kleinen Baby, sind mir schon vor meiner Abreise bekannt und auch ihr immer wieder gesungenes Lied, fand ich vor meiner Abreise im Internet. Sie müssen es schon unzählige Male gesungen haben. Nun stehe ich selber vor ihnen und lausche begeistert. Ihr ‚da-sein’, wie sie dort sind, wie sie dort sitzen und musizieren, erscheint wirklich malerisch. Sie trägt Schmuck, auch an den Zehen und einen Schleier, der einfach über den Kopf gelegt erscheint. Immer wieder sieht man verschleierte Frauen. Sie zeigen ihr Gesicht nie. Man kann ihr Gesicht nicht wirklich sehen, eher erahnen.
Vor ein paar Tagen sah und hörte ich sie auf ihrem Stammplatz. Ich machte von ihnen mit meiner Kamera einen kurzen Film. Eine ältere Frau und eine junge Frau mit Baby am Arm, standen dicht bei ihnen und luden mich mit einer Geste ein, näher zu treten. Sehr gerne, Danke!
Aufgrund des Festivals haben die beiden heute einen anderen Platz, nicht ihren Stammplatz. Sie sitzen in einer Nische und singen und singen und er begleitet sie und sich auf dem Instrument Ravanahatha. Es wird oft von Nomaden gespielt, in Rajasthan ist es bei Strassenmusikern sehr populär. Ein hölzerner Hals aus Bambus, unterschiedlich viele Saiten, der kleine Resonanzkörper aus Kürbis, Kokosnuss, oder Holz hergestellt und mit Ziegenhaut, oder einem anderen Fell bespannt. Der Bogen ist mit Pferdehaaren bestückt und weist am Ende Schellen auf, die bei jeder Bewegung erklingen. Die Saiten sind aus Darm, Haar, oder Stahl.
Unser Instrument bekam ich von unserer lieben Freundin aus Salzburg. Sie hatte es von einem Straßenmusikanten gekauft. Der Korpus ist in diesem Fall aus irgendeinem blechernen Gefäß hergestellt, die Saiten, teilweise verzwirbelt um eine dickere und tiefere Saite zu erstellen, sieben an der Zahl, laufen von sichtlich selbst geschnitzten Wirbeln über einen Steg und werden ganz unten in einen viereckigen rostigen, wie einen Hufnagel aussehenden, Metallkopf eingehängt. Am ‚Blechtopf’, wie am Bambushals, Schrammen und Beulen. Man sieht genau, wo der Musiker am Hals des Instrumentes gespielt hat, wo seine Finger die Saiten heruntergedrückt, oder über den Hals gezogen haben, um den Ton gleitend nach oben steigen zu lassen. Eine dünne, in blaugrün, pink und gold glitzernde Schnur, ist ganz oben und unten befestigt. Ein wunderbares Instrument mit Geschichte und Charakter.
Gerade eben, da ich mir das Instrument noch ein wenig genauer ansehe, um es besser beschreiben zu können, fällt einer der verhältnismäßig riesigen Wirbel heraus und ich friemle ihn mühsam wieder in sein Loch und die Saite an ihn. Dabei entdecke ich, dass der Erbauer dieses Instrumentes einen Schlitz in das Ende desselben gearbeitet hat. So kann er die Saite dort einzwicken und dann mühelos spannen. Während ich dies bewerkstellige, werde ich wie von Geisterhand an den Ort und in die Zeit, da dieses Instrument gespielt wurde versetzt. Und ich fühle mich dem Musiker und seinem Alltag so nah. Fühle ihn, als ob er die Saite durch mich auf das Instrument aufzieht. Merkwürdig!
Zurück zu meinen beiden Musikern am Fort. Ich lausche ihnen wieder einmal, ihr Lied ist mir mittlerweile wirklich nah. Der letzte Ton verklingt. Er schaut zu mir, nickt ein wenig, wackelt fast unmerklich mit dem Kopf und lächelt. Ich gehe etwas näher zu ihnen und wir kommen in ein Gespräch;- ‚selbstverständlich’ nur ich und er. Aber sie schaut. Sie muss eine hübsche Frau sein, was man durch den fast blickdichten Schleier so sieht. Natürlich landen wir sehr schnell, ob unseres Lebens und unserer Arbeit, bei der Musik. Ich erzähle vom Museum und er fragt nach. Ich erzähle ihm, was ich so mache und zeige ihm auch meine Maultrommel aus Molln. Er ist interessiert. Auf meine Frage, ob er es hören möchte, antwortet er mit: „Yes!” Ich beginne zu spielen. Und dann passiert das Unfassbare. Die Frau macht sich vorerst nur ein kleines Löchlein, durch das sie mich ohne Schleier sehen kann, dann mehr und mehr. Ein Teil des Gesichtes ist nun zu sehen, nicht sehr viel. Sie ist jung und wirklich hübsch. Sobald ich mein Spiel beende, fällt der Schleier zurück in seine Ausgangsposition.
Mutter schreibt: ‚...Heute in der Nacht war ein solcher Föhnsturm, der Schnee auf dem Schafberg ist fast weg! Und Wärme schlägt einem entgegen, wenn man hinausgeht! Aber noch nicht ganz wie in Jodhpur! Also vielleicht haben wir wieder Sommer, wenn Du kommst...‘ Das hat dann mal nicht so ganz geklappt...
Heute habe ich mir am Fort die Räumlichkeiten angesehen, die zu einem Museum umgewandelt wurden. Man sieht dort Sitze, die zum reiten auf einem Elefanten gedacht waren. Sänften, in wunderschöner Gestaltung, die von königlichen und den ‚noblen Damen’ verwendet wurden. Zu speziellen Gelegenheiten, nahmen auch Männer dort Platz. Männer benutzten offene, Frauen geschlossene Sänften. Eine reich verzierte Truhe, in der sich alle Utensilien für die kosmetische Verschönerung befanden. Sie ist aus Holz und Elfenbein geschnitzt. Göttinnen und Götter zieren sie. Bilder, Kleider aus Seide mit feinster Bestickung, Turbane, die jeweils einer bestimmten Region angehören und genau bekannt geben, woher jemand kommt. Auch für unterschiedlichste Gegebenheiten wie Feste, gab es den passenden Turban. Reich verzierte Kästchen, Teppichgewichte, die auf die vier Ecken der Teppiche verteilt wurden und die Aufgabe hatten, denselben am Boden zu halten, wenn einmal ein kräftiges Lüftchen durch die Gemäuer der Festung fegt. Unter anderem gibt es hier welche aus Kamelknochen in Lotusform gearbeitet und bunt bemalt. Waffen liegen in Vitrinen. Schon in der Gestaltung der Räumlichkeiten, kann man den Reichtum erahnen. In dem Palast Jhanki Mahal finden sich Wiegen. Er ist der ‚Palast der Blicke’. Er heißt deshalb so, da hier die Frauen hinter Stein Jalis (Steingitterfenstern) ungesehen von der Aussenwelt, in zwei Innenhöfe sehen und das Geschehen dort verfolgen konnten. Auf der einen Seite der Krönungshof, auf der anderen der Hof des Schatzes.
Irgendwo treffe ich auf einen Aufseher, der sich, sobald er mich sieht, in Position bringt und mich auffordert, ihn zu fotografieren...
Aus meiner erhöhten Position sehe ich in einen Innenhof herunter, allerdings nicht durch ein Jali. Gerade in diesem Moment beginnt hier eine Vorführung. Ein perfekter Platz für ein Video. Wieder einmal fühle ich mich in die Seele eines fernen Landes ein. Manchmal ist das ja ganz schön schwierig, allerdings immer äusserst spannend. Und es weitet den Blick.
Dann gehe ich weiter und komme irgendwann in den Innenhof, wo gerade der doch recht lautstarke Tanz dargeboten wurde, den ich von oben filmte. Da habe ich wirklich Glück, bindet sich doch dort gerade ein Herr den Turban, als eine Darbietung für Touristen. Schnell schnappe ich mir wieder mein Handy und fange die letzten Meter der Bindung ein. Das Tuch, das für einen Turban benötigt wird ist einen Meter breit und zehn Meter lang. Eine ganz schöne Menge Stoff, die die Herren sich da auf den Kopf wickeln.
„Tschuldigung! Wo ist denn…?“
Später suche ich den jungen Mann auf, der -im weitesten Sinn- ein Bekannter des Cousins des Maharajas ist. Ihm erzähle ich von dem liebenswürdigen Angebot, mir mit einem Tipp für ein Musikinstrumentengeschäft in Jodhpur behilflich zu sein. Klar, kann er. Und schon ruft er den Cousin des Maharaja an. Sehr dankbar bin ich für diese Auskunft, erwartet mich doch nun wieder einmal ein sehr, sehr spezieller Moment. Doch jetzt weiß ich noch nichts davon. Er geht mit mir hinunter auf die Straße, sucht ein Tuk Tuk und verhandelt hart den Preis. Es ist ein hin und her zwischen den beiden, lautstark, letztlich geht er ärgerlich vom Fahrer weg, der war wohl uneinsichtig. ‚Mensch! Bin ich nett zu den Fahrern!’- durchfährt es mich bei der Beobachtung dieser beiden. Um die Ecke herum gibt’s noch mehr. Eine neue Verhandlung und schon passt’s. Ich danke herzlich und los geht’s. Der Fahrer hat unser Ziel schon erhalten, ich bin mal gespannt, weiß wieder nicht, was da gleich passiert;- doch dann... Nach längerer Zeit bleibt er stehen und deutet wortlos in ein winziges Lädchen. Dort sind zwei, oder drei Männer und ein Bursche zu sehen; damit ist der Laden bummvoll! Eine dunkle Stimmung ‚begrüßt’ mich. Ich bleibe draußen stehen und sende ein „Hello!” zu ihnen. Blicke treffen mich, finstere Blicke, vielleicht auch unsicher, trotzdem merkwürdig zurückhaltend. Ein gleichgültig erscheinendes „Hello!” von vielleicht einem von ihnen. Ich versuche ihnen klar zu machen, dass ich an Instrumenten interessiert bin. Sie deuten auf eine Bank. Selbst für mich relativ nieder. Alles ist verstaubt. Ständig sprechen sie indisch miteinander und irgendwie fühlt sich das nicht gut an. Sie zeigen mir dies und das; hab ich schon, brauch ich nicht, kann ich grad nicht so gut transportieren. Ich interessiere mich mehr für kleinere Instrumente. Khartaal, die vier Holzplättchen, die ich jetzt immer wieder einmal gehört habe. Ich frage nach dem Preis, der ist ok und so wähle ich. Dort sehe ich auch einige Bhapang stehen, das Instrument, das der Geschichtenerzähler auf dem Video spielt. Auch das ist meines. Doch ich frage nach, wo das Plektron ist. Ahh ja! Er holt eine Schachtel mit allerlei Zeug darinnen. Sie erinnert mich tatsächlich an unsere uralte verbeulte schwarze Keksdose, in der Schrauben, Nägel, Scharniere, Metallstäbe, Magnete, Holzplättchen und und und zu finden sind. Ich liebe dieselbe, weil - wenn man etwas sucht, dort findet man sehr oft das Passende. Er wühlt und wühlt und sucht und legt heraus, berät sich auf Indisch mit seinen Kollegen, Freunden, oder sonst was. Endlich hat er es gefunden. Nüchtern, ohne eine Regung im Gesicht, übergibt er mir mein Plektron. Es ist circa zehn Zentimeter lang, einen halben Zentimeter breit, dünn und an beiden Enden abgeflacht. Material: Bambus. Es muss wohl die letzten 2500 Jahre in dieser Schachtel verbracht haben und mit echt antikem, leider nicht zertifiziertem Dreck versehen worden sein. Eine Rarität der besonderen Art. Naja! Weiters fand ich noch ein Paar Cinellen; anders als die schon vorher gekauften.
Besonders fällt mir der Bursche auf. Er versucht den Preis für die Instrumente ständig in die Höhe zu treiben. Das ist zwar lästig, aber lässt mich relativ kühl. Es ist nicht lebensnotwendig, dass ich hier etwas kaufe. Ich bin locker, indisch! Nun habe ich genug gekauft; ich möchte bezahlen. Dann die Panne. Ich habe zu wenig Geld dabei. Sie wollen wissen wie viel ich habe. Ich sage es ihnen, winke aber sofort von meiner Seite ab, da es ganz schön viel weniger war. Ich werde zu ‚meinem‘ Bankomat fahren, Geld abheben und gleich wieder da sein. Eigentlich hätten sie gerne jetzt das Geld, denn wirklich sicher sind sie sich nicht, ob ich wiederkomme; so erscheint mir ihre Ausstrahlung gerade. Ihre Stimmung ist zwiegespalten, meine nicht. Klar komm ich wieder. Wir fahren zu ‚meinem’ Bankomat. Das verläuft mal reibungslos. Als ich zurück bin, ungläubige Augen. Aber: da bin ich! Ich gehe hinein. Kurzzeitig müssen ‚wir’ uns noch einmal ‚erinnern’, was welcher Preis für welches Instrument war und ist... Sie haben sie mir in ein durchsichtiges kleines Plastiksäckchen gesteckt und verknotet. Ich öffne es noch einmal und gehe die einzelnen ‚neuen Exponate’ durch. Alles gut!- oder?… „Tschuldigung!? Wo ist denn das Plektron, das vorher in der Bhapang verwahrt war?” Ein Grinser und ein indischer Wortschwall verlässt meinen Verkäufer, indem er die Schachtel hervorkramt und mein ‚kostbares’ antik erscheinendes Plektron wieder herausrückt. ‚Na, na, na, Sir!’- denke ich mir. Ich bezahle und rausche mit Tuktukgeknattere davon. Was für eine Welt!
„Du zahlst nur das Gold!“
Gegen Abend begebe ich mich zu einem neuen Aufführungsplatz des Festivals. Indem ich gelassen und in Ruhe durch ein Tor gehe, klatscht mir doch tatsächlich irgendein fliegendes Wesen in mein Gesicht. Momentan bringt mich das ein wenig aus der Contenance, allerdings finde ich mich bald wieder - in Indien. Als erste Reaktion auf diese Attacke, hatte ich die Vision: Fledermaus. Allerdings wird es wohl eher eine Schwalbe gewesen sein. Diese nisten nämlich in ganzen Schwärmen an den Decken der Durchgänge im Fort. Trotzdem ist es sehr merkwürdig, da Schwalben geradezu als Flugkünstler bezeichnet werden können und Fledermäuse... die konnte es eigentlich erst recht nicht gewesen sein.
Wir kommen in europäischer Zeitrechnung spät, in indischer früh nach Hause. Die Stimmung ist viel zu schön, als das man sich einfach die Decke über den Kopf ziehen möchte. Ab auf‘s Dach.
Natürlich ist niemand mehr da, dem man eine Bestellung aufgeben könnte. So bin ich als ‚feel-like-at-home‘ und ‚Brother‘ der Kellner des Abends. Die Getränke sind rasch aufgenommen und ebenso schnell aus den beiden Kühlschränken gefischt. Den Platz für den Öffner, an dem er meistens liegt, kenne ich auch und schon sitzen wir wieder einmal in lauer Luft im Sternenmeer. Ich entdecke den Orion am Himmel, den ich so sehr liebe. Hier liegt er allerdings fast waagerecht. Wahrscheinlich ruht er sich etwas aus, damit er bei uns in Sankt Gilgen wieder frisch ist. Wieder bis nach Mitternacht die Musik und Gesänge vom Fort. Himmel auf Erden. Die Musik ringsum verstummt und selbst Indien scheint nun müde zu werden. Der Tag ist längst Nacht, der Morgen nicht mehr weit und unsere Wimpern verwandeln sich scheinbar in Bleihärchen - es wird Zeit...
Irgendwie habe ich den Eindruck, als ob einer der Angestellten in der Küche übernachtet. Somit haben wir ihn sicherlich durch unser Erscheinen aufgeweckt. Aber ich bin mir nicht sicher. Eine Tatsache ist es allerdings, dass sie an den unterschiedlichsten Orten irgendwo im Haus übernachten. Immer wieder überraschte mich einer von ihnen mit seinem Schlafplatz.
Am 15. Oktober überbringe ich Sumit die Rechnung des vorigen Abends, er notiert sich alles und muss ein wenig schmunzeln.
Eine Mail: ‚...Unvorstellbar ist doch, dass ich morgen in einer Woche schon wieder von Sankt Gilgen weiter gereist sein werde; zu Euch!! Irre!!!! Und natürlich auch, dass ich in vier Tagen in Sankt Gilgen bin!! Vielleicht Ski fahren? :) Oder ist es noch immer föhnig? Ich habe also gestern doch nicht gespielt, typisch indisch halt! Nur die Ruhe!! :) Bin sehr entspannt und nehme alles mit einer stoischen Ruhe hin, wie es ist. Könnte sein, dass ich heute spiele, oder morgen, oder doch nicht, oder gar nicht!! :) Leider habe ich heute Früh das Konzert verschlafen. Das tut mir wirklich unendlich leid!!!! Aber der Körper hat sich geholt, was er braucht! Gestern am Abend war ein Konzert mit Sarangi, Trommel, Khartaal und Gesang, mit Blick auf den Sonnenuntergang! Der Obertitel war: ‚Living Legends’; lebende Legenden, also sehr bekannte Musiker! … Danach eine kurze Pause und dann mehrere Gruppen mit Gesang, Harmonium, Maultrommel und Sarangi, Khartaal und Trommel. Dann eine schottische Jazzband und später noch eine Gruppe aus Südamerika, war auch ganz lustig, aber für mich lange nicht das, was die Inder darbrachten! Zu der Zeit war‘s circa ein Uhr, dann sind wir hier in unser Heim gefahren, sind noch in der lauen Abendnacht mit Mondschein und Orion gesessen, geplaudert und ab ins Bett! Mal sehen, was heute so auf mich zukommt; ich freu mich schon drauf!!...‘
Ich tuker mal wieder zum Sardar Market. Mein Ziel: der Shop, den mir Barbara empfohlen hat. Dort möchte ich ein wenig einkaufen. Es gibt zauberhafte Waren hier. Meine Augen und mein Herz gehen über. Immer wieder schaltet sich allerdings mein Kopf als relativer Spaßverderber dazwischen und murmelt mir irgendwas von ‚schleppen’, ‚Rückenproblemen’, ‚Flughafen’ und ‚Zoll’ ins Gewissen. So halte ich mich extrem zurück und trotz allem kommt ganz schön was zusammen.
Ein unfassbar prächtiger Sari fällt mir ins Auge. In kunstvoll gerafften Falten hängt er zwischen zwei durch einen Bogen verbundenen Säulen. Er ist farblich in einem knallig-frischem Pink und dunkelgrün gehalten. Eine kunstvoll, bezaubernde und üppig ausgeführte feine Stickerei in Gold. Was für eine Arbeit. Ich frage nach dem Preis, hoffe und zittere innerlich. Erst einmal zeigt er mir sorgsam zusammengefaltete andere Sari, die in einem Zellophan staubgeschützt verpackt sind. Alle sind schön, aber mein Herz hängt an dem einen Sari über uns. Er holt eine lange Stange und schickt sich an, ihn dort herunter zu holen. Ich bremse ihn und sage, dass er mir erst einmal den Preis sagen soll, denn ich weiss gar nicht, ob ich mir ein solch kostbares Stück leisten kann. Doch das funktioniert so nicht. Ich wollte ihm nur die Mühe des Ab- und gegebenenfalls wieder Aufhängens ersparen, aber… Der Sari gleitet zu uns hernieder, wird ebenfalls zu einem Quadrat zusammengefaltet und dann auf eine Waage gelegt. Ich stutze. „Du bezahlst nur das Gold! Ich muss ihn gerade abwiegen, dann kann ich Dir den Preis sagen!” Und schon steht er fest und der Sari ist mein. Sein Alter beträgt etwa 100 Jahre und ist ein Hochzeitssari. Er ist aus feinster Seide und in schwerer Qualität von Hand gewoben und weist eine Länge von knapp fünf Metern auf. Solche Saris werden heute nicht mehr hergestellt.
‚Dowry’ ist die Mitgift der Braut. So ein Sari kann ein Bestandteil derselben sein. Die Mutter vererbt ihn an die Tochter, die ihn dann später ihrer Tochter vermacht. Die Braut hat dem Stand des zukünftigen Ehemannes entsprechend die Mitgift zu entrichten. Das bringt mit sich, dass in einer ‚natürlichen Selektion’ niemals eine Frau aus einem niederen Stand einen Mann aus einem höheren heiratet, da sie und ihre Familie das gar nicht leisten können. Gleichzeitig bedeutet es natürlich auch, dass der Mann mehr Wert ist, als eine Frau, weshalb auch immer wieder weibliche Neugeborene getötet, oder ungeborene Mädchen abgetrieben werden. 2006 gab es sogar einen Aufruf gegen Dowry. - Ich hatte ja mit dieser Thematik auch schon meine Erfahrungen gesammelt…
Ich finde weiters noch eine Kamelledertasche, Räucherstäbchen, die von Häftlingen hergestellt wurden, ein Mobile mit sechs Stocktänzern, also drei Pärchen (eine schöne Erinnerung an die treibenden Klänge und fröhlich tanzenden Menschen in der Nähe meines Guest House), zwei Läufer aus alten Stoffen genäht, für Freunde ein paar Geschenke... Für meine Eltern kaufe ich Schals. Der Verkäufer fragt, was ich mir vorstelle, er hat unterschiedliche Qualitäten und er zieht schon ein paar Beispielschals hervor, doch ich blockiere ihn gleich und sage: „Fangen wir doch mal mit der besten Qualität an!” Er erklärt mir, dass dieser Schal aus Antilopenhaar gearbeitet sei und aus dem Himalayagebiet stammt. Für einen einzigen Schal braucht man Unmengen an Wolle (ich glaube mich zu erinnern, dass er sagte, von zwei bis drei Tieren). Wenn du einen solchen Schal, in deine Hand gelegt bekommst, ist sofort klar: ‚Der!- und kein anderer!’ Günstig ist was anderes, aber wann hat man schon einmal eine solche Gelegenheit. - - Die Eltern haben sich sehr gefreut.
Zum Schluss sehe ich noch ein Armband, das ich einfach gerne als Erinnerung mitnehmen möchte. Da ich doch schon eine ganz schön lange Rechnung habe sagt er: „Das ist ein Geschenk für Dich!” und legt es mir an.
Ich gehe zum nahe gelegenen Hotel Pal Haveli und schreibe einen nachmittäglichen Gruß: ‚Ihr Lieben! Sitze gerade auf der Dachterrasse des Pal Haveli, von wo aus wir neulich den Beginn des Festivals mitbekamen. Es ist so schwül hier!! War gerade Shoppen. Habe tolle Sachen gefunden. Nicht zu viel, aber zauberhaft!! Gleich geht‘s ‚heim’, dann zum Festival. Diese Mail wird wohl ein wenig später rausgehen, da ich hier kein Netz habe! Euer Askold P.S.: Glaube, dass ich nicht mehr spielen werde! Nur so ein Gefühl!!...‘
Nach der kurzen Pause auf der Terrasse, organisiere ich mir ein Tuk Tuk und brause zu ‚meinem’ Bankomat. Er ist leider recht ungünstig gelegen, so dauert die ‚Anreise’, allerdings weiß ich bei ihm, dass er funktioniert. Während dieser Kurzreise sehe ich im vorbeifahren eine ziemlich große Ziege. Sie befindet sich gerade in einer äusserst kreativen Phase. Diese Kreativität setzt sie an einem Moped um;- knabbernd! Armes Moped, armer Besitzer!
Endlich sind wir da und ich ahne schon, dass die folgenden Minuten etwas unangenehm werden. Ich brauche eine ziemlich große Summe Geld aus dem Bankomat. Dies lässt sich allerdings nicht auf einmal bewerkstelligen, da die Höchstsumme, die auf einmal ausgegeben wird, viel niederer ist, als der benötigte Betrag. Ein Bankangestellter hat mich ständig im Aug, was mich aber nicht weiter stört. Mein Tuk Tuk Fahrer sieht zwar nicht wie viel ich abhebe, doch das es dreimal ist, schon. Und dann folgt das größte Problem. Wohin damit? Mein Portemonnaie spottet jeglicher Aufnahme. Nicht einmal ein Bruchteil hätte darinnen Platz. So bleibt mir nichts anderes übrig, als dieses Riesenpaket irgendwie in meine beiden seitlichen Hosentaschen am Bein zu quetschen. Das sieht merkwürdig aus, ist aber die beste Lösung. Zum Glück weiß fast niemand, was da drinnen ist. Zurück im Shop, bin ich heilfroh diesen Ballast los zu werden.
Herz ausschütten, Träume träumen
16. Oktober. Gemütlich schlendere ich auf’s Fort. Dort steuere ich das Restaurant an, setze mich zu ‚meinem’ Maharaja, bestelle etwas und rufe von meinem Handy aus meinen Bruder an. Der ist dann auch gleich mal dran und wir plaudern einen kurzen Moment miteinander. Witzigerweise hatten meine Eltern zur gleichen Zeit bei ihm angerufen und so konnten wir über den Lautsprecher auch zwischen Jodhpur und Sankt Gilgen kommunizieren.
‚...Das ist eine Minimail! Ich bin hier mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund!!!! :) Natürlich nicht überall, aber sooo viele Menschen kommen auf mich zu und geben mir die Hand und fragen wie es mir geht, oder ob ich Instrumente gefunden habe, oder ob ich mich an sie erinnere, sie hätten mich irgendwo spielen gehört... Es ist unglaublich!! - und lustig! So jetzt gehe ich wieder zum Konzert!...‘
Eine Frage erreicht mich; nämlich: ‚...ob diese ‚Adler’ nackte Hälse hätten, dann seien sie doch Geier...‘ Nee, die Adler haben keine nackten Hälse, sind einfach echte Adler und haben nix mit Geiern zu tun! :)
Mutter schreibt mir am späteren Abend, dass sie den Orion sieht, den wir alle so lieben. Er ist für mich ein besonderes Sternbild. Warum das so ist, kann ich gar nicht einmal so genau sagen, aber die Wirkung, die er auf mich ausübt ist enorm. Still, mächtig, erhaben, ehern steht er da oben am Firmament. Wie schon vorher erwähnt, steht er in unseren Breitengraden relativ aufrecht da, mit einer leichten Neigung nach links. In Jodhpur auf der Terrasse des Castle View, sowie bei dem morgendlichen Konzert, liegt er fast waagerecht und sein Kopf ist rechts. Dies tut seiner Wirkung allerdings keinerlei Abbruch.
Am Abend sitzen wir wieder gemütlich beisammen und geniessen die langsam aufkommende Kühle. Diese Entspanntheit, diese innere Ruhe, die hier über den ganzen Tag wirkt, wird durch ein laues Lüftchen noch entspannter und lässt einen tief und ruhig ausatmen.
Irgendwie kommt es dazu, dass ich plötzlich mit dem einen Angestellten alleine auf der Terrasse sitze und mit ihm spreche. Irgendetwas schwirrt flüchtig an uns vorbei. Er hat eine Räucherspirale zwischen uns auf den Boden gestellt. Gegen Moskitos. Er hat glasige Augen, redet unentwegt. Es bricht aus ihm heraus. Ich lausche nur, bin einfach da, bemerke, wie wohl es ihm tut, seine Seele von all dem seelischen Leid und Druck befreien zu können. Zumindest einmal in Worten auszusprechen, was in seinem Herzen lebt und bebt. Er erzählt von seinen Träumen, von seiner Heimat, wie hart dort alles in seiner Kindheit war und auch die Arbeit, die er an verschiedenen Orten hatte. Sein größter Wunsch ist es, einmal ein eigenes Restaurant eröffnen zu können, selbstständig sein zu können. Dafür schuftet er. Sein Wortschwall mag nicht enden. Er erzählt mir sein halbes Leben. Danke Dir dafür!
Spezialeinkauf
17. Oktober. Ich möchte mich irgendwie noch beim Sardar Market verabschieden, noch einmal die Atmosphäre des Zentrums Jodhpurs schnuppern und schnappe mir ein Tuk Tuk. Ausserdem habe ich erst am heutigen Tag bei Punit lustige Musiker aus Holz sitzen sehen. Sie wären ein toller Hingucker im Museum. Ich möchte versuchen ein solches Ensemble zu erwerben.
Ich steige aus, zahle und gehe behutsam durch das Tor zum Markt. Wenige Schritte weiter auf der rechten Seite sitzt eine mittelalterliche Frau und bewirbt bei mir ihre angebotenen Waren. Es sind vornehmlich Messer, Scheren und dergleichen. „Very good Quality!” Sie versucht es mit Nachdruck und einem Unterton, der eigentlich keinen Freiraum für ein ‚Nein Danke!’ gibt. Ich allerdings flechte geschickt in ihre verführerische Verkaufstaktik, den Blick nach innen. Da taucht doch ‚merkwürdigerweise’ justament in diesem Moment der folgende Tag in mir auf, speziell die Situation am Flughafen bei der Durchleuchtung der Koffer und der Leibesvisitation. Ein großes Messer?- ich weiß ja nicht... Aufgrund dieser Überlegungen danke ich ihr ganz herzlich und gehe weiter. Sie war sichtlich enttäuscht.
Mein Weg führt mich zu keinem bestimmten Ort. Keine Waren und keine Angebote interessieren mich, nur diese Stimmung, die Stimmung dieser Stunde. Die Menschen, wie sie gehen, sprechen, gestikulieren, das Licht, die Hitze, die Tiere, das Fort, der Himmel und seine Vögel, das Ganze. Zauber der Erde. Zauber der Menschen.
Ich merke gerade so sehr, dass jetzt bald etwas ganz Besonderes in meinem Leben ein Ende nimmt. Ich erfülle mich mit Indien. Es fällt schwer das Tuk Tuk aufzusuchen, deshalb warte ich auch noch ein wenig damit. So erreiche ich den Ort, wo ich das erste und einzige Mal in meinem Leben, jemandem in Indien die Anfänge des Maultrommelspiels beigebracht habe. An der unteren Stufe der Treppe stehend, winke ich mit einem Lächeln dem Polizeiinspektor zu und rufe ein letztes „Bye!” Er sieht mich und ruft gleich zurück: „Nein, nein! Kommen Sie herein, Sir! Jetzt gibt’s erst einmal einen Kaffee!” Dieser Einladung folge ich sehr gerne. Es sind noch zwei andere Herren zugegen. Sie sitzen meinem Inspektor gegenüber. Ich lasse mich auf der seitlich stehenden bankähnlichen Sitzgelegenheit nieder. Er stellt mir eine eiskalte ungeöffnete Flasche Wasser auf den Tisch. Ich trinke landestypisch; kippe den Wasserstrahl einfach in meinen Mund, ohne die Flasche mit meinen Lippen zu berühren. Ein Polizist wird zum Kaffee kochen verdonnert. Dieser steht dann auch relativ bald vor mir.
Eine merkwürdige Situation wird mir nun hier geboten. Die zwei Herren und mein Polizeiinspektor plaudern und sprechen, telefonieren und machen und tun und ich sitz einfach daneben. Tatenlos, nix verstehend, irgendwie unnütz. Gehen kann ich auch nicht;- ein Eingeladener hat das nicht zu bestimmen. Hm! Aber trotzdem ist es für mich ganz ok;- bin ja Inder! Der heiße Kaffee schwindet langsam. Meist lächle ich einfach.
Plötzlich wendet sich der Inspektor an mich und meint, auf den rechten der beiden Herren deutend: „Dieser Mann ist von einer Zeitung!” Dann sprechen sie wieder Indisch. Diese Worte haben in mir einen verrückten Gedanken erweckt, den ich aber schleunigst wieder in der Versenkung verschwinden lasse. Trotzdem war er kurz da. ‚Was wäre, wenn jemand von meinem kleinen Museum einen Artikel schreiben würde... - in Indien!’ Innerlich war mir ja sowieso klar, das dies wohl kaum umsetzbar sein könnte. Am nächsten Tag reise ich ab und jetzt ist es schon später Nachmittag.
Der Inspektor wendet sich erneut zu mir und sagt: „Ich habe schon mit dem Zuständigen Herrn telefoniert, er kommt gleich und nimmt Sie auf seinem Moped mit. Sie fahren dann zu ihrem Castle View Guest House; dort auf der Terrasse mit dem Blick auf das Fort, findet das Interview statt.” Kann der Mensch Gedanken lesen? Ich bin platt und sprachlos. Nun ist er da, der Dauerlächler!
Da fallen mir meine Rajasthanimusiker wieder ein und ich frage ihn, ob er weiß wo man solche kaufen kann. Ich beschreibe sie, so gut es geht. Und schon wieder ist ein Polizist von ihm beauftragt, für mich die Puppen zu suchen. Das ist mir eigentlich unangenehm. Kurze Zeit später ist er mit zwei Marionetten wieder zurück. Ein Mann und eine Frau, er bläst ein Instrument. Solche habe ich schon;- noch unangenehmer. Dann schickt er mich in ein in der Nähe gelegenes riesiges Geschäft. Ich bin vor ein paar Tagen schon einmal dort gewesen. „Schauen Sie sich dort um und wenn Sie etwas gefunden haben, lassen Sie es sich reservieren und dann werde ich es für Sie dort abholen. Ich bekomme einfach einen besseren Preis!” Nochmal unangenehm, aber ich gehe.
Als ich das erste Mal in diesem Geschäft war, schaute ich nur, fragte ab und zu nach einem Preis und kaufte letztlich nichts. Teilweise war es mir einfach zu teuer und andererseits war die Ausstrahlung des Befragten irgendwie nicht gut, bis unangenehm. Der Verkäufer beteuerte und betonte dabei, dass diese Preise wirklich die unterste Möglichkeit sei, sogar andere Händler würden bei ihnen einkaufen und diese Preise bezahlen. Das kam mir ehrlich gesagt, ziemlich merkwürdig vor.
Nun gut, auf geht’s. Ich betrete den Laden. Man sieht mich, begrüßt mich und ich kann auf einmal Gedanken lesen... Ohne Umschweife suche ich nach diesen Musikern. Schon habe ich sie gefunden. Ich frage, ob ich sie mir näher ansehen darf, möchte ich mir doch die aussuchen, die keinen ‚Unfall’ hatten. „Ja, ja…!”- man erinnert sich an mich! Ich kann es fühlen! Nach einiger Zeit habe ich von jedem Musiker einen gewählt, sie sind äusserst verstaubt, insgesamt fünf. Einer spielt ein Saiteninstrument, ein anderer Trommel, ein weiterer Cinellen, ein Harmonium gibt es auch und der letzte spielt ein Blasinstrument, allerdings nur in die Luft, ohne Instrument. Das gibt es separat, sonst würde es abbrechen.
Jetzt wird’s gleich richtig unangenehm. Aber ich bin durch den Inspektor motiviert, außerdem sehe ich diesen Verkäufer nie wieder; in meinem ganzen Leben nicht. Ich konzentriere und überwinde mich: „Können Sie die für mich reservieren? Es kommt gleich jemand und kauft sie!” Das ‚Hä?’ in seinem Gesicht sehe ich, er fragt kurz nach, wie und was, weiß eigentlich gar nicht, wie er die Frage stellen und ausdrücken soll. Ich gebe keine zufriedenstellende Auskunft darüber und bin auch schon weg. ‚Komischer Vogel! Diese Europäer!’
Draussen überrennt mich fast ein Kamel. Was für ein riesiges Tier. Es ist wirklich sehr groß. Es zieht geduldig einen hölzernen Karren durch die Straßen Jodhpurs, auf dem lässig ein junger Mann sitzt und dem Kamel richtungsweisend ist.
Ich komme zu meinem Polizeiinspektor zurück. „Und Sir!? Waren Sie erfolgreich?” „Ja!- ich habe welche gefunden!”- ist meine Antwort auf seine Frage. Ich bin so froh, dass ich aus dem Geschäft bin, da der Verkäufer sichtlich nicht von mir angetan war, obgleich ich wirklich nicht unangenehm bei meinem vorherigen Besuch war.
Er telefoniert. Kurze Zeit später taucht ein Mann bei ihm auf. Sie begrüßen sich und dann werden wir uns vorgestellt. Hier muss ich jetzt ganz kurz einen ellenlangen Gedankenstrich ziehen. Stell dir, lieber Leser, die nun folgende Situation einmal ganz deutlich vor dein geistiges Auge. Zuerst schickt mich der Herr Inspektor in das Geschäft um die Musiker auszusuchen, dann soll ich sie reservieren lassen -was ich ja ganz brav gemacht habe- und dann... Nein, nein, nein! Du glaubst doch nicht wirklich, dass er in das Geschäft gegangen ist um die Musiker zu bezahlen und abzuholen. Nein! Das geht doch viel einfacher! Man ruft den Besitzer des Geschäftes an, der kommt in die Polizeistation, man macht Käufer und Ladenbesitzer miteinander bekannt...
Kannst du dir das Gesicht des Verkäufers im Geschäft vorstellen, als ich hinter seinem Chef sitzend auf dem Moped daherkomme? Viel unangenehmer geht es ja wohl gar nicht mehr. Ich gehe mit dem Chef die wenigen sehr hohen Stiegen hinauf und er macht mir einen sehr guten Preis, ups!, geht ja doch! Und ein Kamel, das ein Vorhängeschloss ist und mir bei meinem ersten Besuch ins Auge gefallen war, kaufe ich auch noch. Der Chef lässt alle Musiker bruchsicher einpacken und in einen Stoffsack stecken. Er holt seine Zahnbürste heraus und putzt sich erst einmal mitten im Geschäft, mit mir plaudernd, die Zähne. Woher und was ich arbeite. Und schon ist die Maultrommel draussen und sie wollen sie hören. Selbst der vorher so zurückhaltende Angestellte, strahlt über’s ganze Gesicht. Neue Freunde.
Mein Inspektor ist neugierig, möchte meinen Einkauf beäugen. Dann findet er am Boden einen kurzen grünen Bindfaden und verknotet damit die offene Tasche. Auch dieses Fädchen landet im Museum.
Jetzt warten wir auf den Journalisten, der mit mir doch tatsächlich ein Interview machen möchte. Mir fehlen weiterhin die Worte. Ich nutze eine Pause in der Unterhaltung und frage den Inspektor, was für eine Zeitung es sei. Lokal, Rajasthan, Indien...? Er antwortet: „Nein, nein, mein Freund, nicht Zeitung, er ist vom Fernsehen!” Kann doch eigentlich alles gar nicht sein. Lebe ich noch? Bin ich im Himmel?
Der Polizeiinspektor hat sichtlich sein Vergnügen an dieser Situation und meinen Reaktionen und freut sich mit mir. Er erzählte mir auch noch, dass er malt und schon zückt er sein Handy und zeigt mir einige seiner Bilder. Ein malender und mittlerweile auch maultrommelnder Polizeiinspektor. Ich bin beeindruckt. Wir tauschen unsere Daten, so können wir auch bis heute in Kontakt bleiben. Einer der vielen Freunde in Indien.
Kurze Zeit später erscheint der Herr vom Fernsehen und ich verabschiede mich nun wirklich von meinem Freund, dem Polizeiinspektor. Hinten auf dem Moped sitzend, meine neu erworbenen Rajasthanimusiker in der grünen Tasche am Oberschenkel balancierend, verschwinden wir im Gewühle Jodhpurs.
Er ist ein großer, eher zurückweisender Herr, gibt mir Anweisungen worüber ich sprechen soll und ich erzähle drauf los. Dann muss natürlich auch noch die Maultrommel heraus. Amit wird auch noch befragt. Im Hintergrund das Fort. Ich sehe zu diesem Zeitpunkt nun tatsächlich fast wie ein Einheimischer aus;- meinem Rasierer sei wiederum gedankt! Kein Mensch wird glauben, dass ich aus Österreich komme! - eher der rasierte Amit!
Als alles gedreht und vorbei ist, bleibt der Herr vom Fernsehen noch ein Weilchen sitzen, trinkt gemütlich seinen Chai aus und wir drei plaudern über dies und das. Nebenbei frage ich ihn, ob der Sender für den er arbeitet in Rajasthan ausgestrahlt wird. Er bejaht, erweitert das Sendegebiet allerdings auf ganz Indien. Ich staune und freue mich darüber. Doch er war noch gar nicht fertig... „Unser Sender wird in ganz Asien gesehen!” Ich fasse es nicht, schlucke und das Dauerlächeln ist auch schon wieder da. Ich bitte ihn, ob er mir die Sequenz zusenden könne. Ja!- das geht. Ich schreibe ihm meine benötigten Daten auf, bedanke mich. Gekommen ist nie etwas... Ausserdem hatte ich sicherheitshalber dezidiert auf: „Austria!- not Australia, no Känguru!!“ verwiesen. Was haben sie gesagt, wo ich herkomme: Australia!! Naja… Die armen Asiaten suchen seit Jahren verzweifelt das Musikinstrumenten Museum der Völker… in Australien! :) Nachdem sein Tee verschwunden ist, verschwindet auch er mitsamt seines Mopeds im Blau der Stadt. Ich bekam ein paar Tage später einige Fotos zugesandt, die meine Freunde von der Sendung gemacht haben. Sehr lustig. Trotzdem!
Endlich kehrt wieder so etwas ähnliches wie unsere Alltagsruhe zurück und ich kann meinen Gang, auf den ich mich schon so lange gefreut habe beginnen. Mein Weg führt mich zu allen Angestellten meines Castle View, die für mich da waren, insgesamt vier. Ich überreiche jedem von ihnen ein schönes Trinkgeld. Der Erste den ich treffe, nimmt es nicht, aber dreht seinen Kopf blitzartig zu seinem Chef,- Sumit. Der lächelt ihn an und nickt fast unmerklich. Er hält vorsichtig seine beiden Hände nebeneinander und nimmt meine Gabe behutsam entgegen und schon folgt ein bescheidener Dank, lächelnd, glücklich. Sie scheinen nie ein Trinkgeld zu bekommen. Es ist wunderschön, wie sie sich freuen.
Der letzte Abend
Es ist nun wirklich schon zu einer Gewohnheit geworden, dass wir uns so gemütlich zu späterer Stunde auf der Dachterrasse einfinden. Alles ist gut. Doch dann ändert sich am heutigen Abend etwas gewaltig in dieser so heiligen Welt. Es dröhnt enorm von der unter uns liegenden Gasse herauf. Ich frage Sumit, was das zu bedeuten hat. Er erklärt mir, dass sie gerade ein Gas mit Hochdruck in die Gassen und Innenhöfe und alle Winkel und Ritzen versprühen,- damit töten sie die Moskitos. Schon fordert er mich auf, in den hinteren Bereich der Terrasse auszuweichen. Eine dunkle stinkende Wolke dringt zu uns herauf. Ich hatte schon vor meiner Abreise in Österreich davon gehört, das in Delhi eine extreme Moskitoplage ausgebrochen sei, was meine Gefühlslage damals gar nicht mal so sehr beflügelte. In einem Internetbericht sah man einen Herrn irgendwo sitzen und eine Wolke schoss auf ihn zu. Gas! Moskitobekämpfung. Was für ein Leben.
Abschied
18. Oktober. Ich sitze nun zum letzten Mal auf der Dachterrasse des Castle View Home Stay. In einer Stunde möchte ich Richtung Flughafen unterwegs sein. Es ist jetzt 8 Uhr hier.
Ich suche Sumit und Amit auf. Es wird Zeit zu zahlen. Gestern hatte ich sie gebeten, alles zusammen zu rechnen. Das hatten sie getan. Das Geld, das ich für diese Bezahlung benötige ist ein ganz schönes Paket. Unvorstellbar! Auch ihnen gebe ich jedem ein entsprechendes Trinkgeld. Sie freuen sich sehr und danken.
Dann kurz vor meiner Abreise sagt Amit: „Askold! Darf ich dich etwas fragen?” „Ja, klar! Was hast du auf dem Herzen?”, antworte ich ihm. „Wie machst du es, dass du über die gesamte Zeit die du hier bei uns warst, noch immer ein weißes T-Shirt hast. Bei mir ist das nach zwei bis drei Tagen absolut nicht mehr weiß!?” Ich darauf: „Elf Tage, elf T-Shirts! Das ist das ganze Geheimnis!”...
Ja, das ist ein spezieller, sehr spezieller Moment. Alles ist gepackt, man hat mir ein Tuk Tuk bestellt. Alle sind total entspannt und ruhig, nur bei mir klopft doch tatsächlich Europa an. „Komm setz dich nochmal her, plaudern wir noch ein wenig. Auf dem winzigen Flughafen von Jodhpur geht alles ruck zuck. Einchecken ist hier in kürzester Zeit möglich. Keine Sorge! Du kommst rechtzeitig zum Flieger!” Alles Indische, alle Gelassenheit, alles im-Jetzt-sein, all das ist fort. Ich will jetzt, in diesem Moment losfahren und nicht noch warten und irgendwie die Zeit totschlagen und einfach nur verrinnen lassen, was auch so unnütz ist, da nichts passiert! Nun scheint sich gerade das Leben wieder zu wandeln, eine Metamorphose steht bevor. Ich bin in dem Stadium, da die eingepuppte Raupe sich aus dem Kokon befreit und ein Schmetterling wird.
Auch wenn ich es hier gerade ein wenig anders meine, könnte man diesen Vergleich durchaus gelten lassen. Mein früheres Leben war wie das Raupendasein, in Indien kam ich in den Zustand der Ruhe und Abgeschlossenheit wie in einem Kokon und meine Rückkehr gibt mir die Chance zu fliegen, wenn ich sie nehme.
Dann ergreife ich die Initiative und reiße mich los von diesem mir so nah und lieb gewordenen Ort. Ich verabschiede mich von Freunden, hin und wieder schnürt es mir die Kehle ganz ordentlich zu, ich sende von Herz zu Herz die innigsten Wünsche. Ich gehe,- sie bleiben!
Als ich aus der Haustüre trete, die wenigen Stufen hinunter gehe, kommen mir durch unsere sehr enge Gasse ein paar beladene Esel entgegen. Die wollten sich wohl auch noch verabschieden.
Mit dem Tuk Tuk geht’s nun zum Flughafen. An vielen mir nun so bekannten Orten vorbei. Die ganze Zeit denke ich: ‚Auf Wiedersehen! Bye, bye!’ Einerseits durchzieht mich tatsächlich eine Trauer, andererseits der Drang schnell zum Flughafen zu kommen und alle nötigen Formalitäten hinter mich zu bringen und natürlich die unbändige Freude auf all meine Lieben!
Ankunft am Flughafen und Abschied vom Tuk Tuk Fahrer, der mich so oft gefahren hat. Er holte mich bei meiner Ankunft hier in Jodhpur auch ab.
Rein in das Gebäude und ich werde gleich mal in ein relativ kleines Zimmer gebracht: „Bitte hinsetzen und warten!” Der Stuhl hat etwas von einem Stuhl aus dem letzten Jahrtausend. Vielleicht aus einer Küche. Ich lasse mich brav nieder und warte. Die Zeit vergeht und schreitet fort, immer weiter und weiter und weiter. Da scheint anscheinend jemand richtig indisch unterwegs zu sein;- ich bin’s auf jeden Fall mal nicht! Endlich taucht ein Herr auf, begrüßt mich beiläufig, schaltet einen Computer ein; alles dauert. Die glühenden Kohlen, auf denen ich sitze werden immer heißer. Das ist nicht nur wegen des Klimas so…! Ein hin und her, irgendetwas passt nicht. Ich muss mitkommen, wieder sitzen und warten. Dann winkt man mich zu einem Schalter. Ich will gerne mein Gepäck loswerden, nur meinen Rucksack bei mir tragen. Ein Preis wird genannt, so viel indische Rupien habe ich nicht mehr. „Wie viel haben Sie denn?” fragt mich der Herr hinter dem Schalter. Ich sage ihm den Betrag. Nun folgt für europäische Verhältnisse eine völlig unmögliche Situation. In Indien kein Problem. Ein Angestellter des Flughafens wird beordert, mich mit seinem privaten Moped zu einem etwa zehn Minuten entfernten Bankomaten zu fahren. Dort angekommen, bekomme ich, -was für eine Überraschung,- kein Geld. Also zurück zum Flughafen. Mein Gemütszustand befindet sich so ziemlich auf dem Nullpunkt, soll doch meine Maschine in Kürze starten. Völlig unmöglich ist es, all meine Gepäckstücke als Handgepäck mit in die Maschine zu nehmen; logisch. So finden die wirklich sehr bemühten Angestellten des Flughafens einen Kompromiss. Nur der Rucksack bleibt bei mir, den Rest werde ich in Delhi wieder in Empfang nehmen müssen. Das habe ich mir an und für sich mal anders vorgestellt, ganz anders, aber... Man überreicht mir einen in der Mitte schief (sehr schief:) abgerissenen DIN A 4 Zettel, worauf bestätigt wird, dass ich bezahlt habe und mein Gepäck in Delhi wieder in Empfang nehmen ‚darf’. Zusätzlich finde ich den Vermerk des Angestellten: ‚One Kilogram Baggage’. Naja!- die riesige Tasche hat definitiv mehr als ein Kilo Gewicht. Vielen Dank! Ich bezahle den angegebenen Preis, von 2800 Rupien, plus einem angemessenen ‚Dankeschöntrinkgeld’ für meinen Mopedtaxifahrer zum Bankomaten. Das ist zwar nicht nix, aber ich bin froh, dass diese Odyssee mal vorbei ist; sehr froh! Mittlerweile sind der Angestellte, der Mopedfahrer und ich schon richtig gute Bekannte geworden. Ich bedanke mich sehr herzlich für ihre zuvorkommende Hilfe und entschwinde kurze Zeit später im Blau des Jodhpurer Himmels.
Ein sehr bärtiger Mann sitzt neben mir in der kleinen Propellermaschine. Wir kommen in ein kurzes Gespräch.
Bald bin ich wieder halbwegs ruhig. Was für eine Aufregung. Und das in Indien! Ich hatte es ja schon irgendwie geahnt;- heute in der Früh, als man noch gerne etwas entspannt mit mir plaudern und erneut den Inder in mir mobilisieren wollte. Intuition...
Die Maschine landet in Delhi. Mittlerweile wieder völlig verindischt gehe ich ohne jegliche innere Regung einfach so für mich hin, schiebe mein relativ üppiges Gepäck stoisch durch die Gegend, habe Zeit - - sehr viel Zeit. Ein wenig Geld wäre noch fein, also zum Bankomat. Ich genieße es, dass ich ihn so gar nicht finden kann, komme immer wieder an Plätze, an denen ich schon einmal war;- sie mag so gar nicht verrinnen, die Zeit. Irgendwann ist eine junge Inderin behilflich. Auch wenn sie jetzt meine Zeit der Ablenkung drastisch verkürzt hat, ist das doch irgendwie ganz nett mit ihr und eigentlich ist‘s schade, das ich nicht noch irgendwas brauche; leider ist sie schon um die nächste Ecke verschwunden...
Kurz darauf komme ich zu einem Rollförderband, auf denen man in den elend langen Gängen des Flughafens schneller voran kommt. Während ich so vor mich hin träume, höre ich hinter mir Gekicher und fröhliches Beisammensein. Ich drehe mich um und sehe eine liebe lustige Familie, die wohl noch nicht so oft auf dererlei Bändern unterwegs gewesen sein dürfte. Als ich schon ein Stück meines Weges weiter gegangen bin, drehe mich noch einmal kurz zu ihnen um, haben sie doch just beim ‚Ausstieg‘ die größten Schwierigkeiten die gefährliche Kante zu passieren. Ich lächle und sie haben die größte Freude bei ihrer neuen Erfahrung mit der modernen Welt.
Ich lande wieder an dem Ort, wo ich mir bei meiner Ankunft hier in Delhi das Taxiticket gekauft habe. Die Blechhütte, Taxifahrer, Ankommende und Abreisende. Dort führt mich ein sehr zuvorkommender Flughafenangestellter, der sich allerdings nicht wirklich um mich kümmern müsste, - er geht nur zufällig auch in diese Richtung, - zum Eingang in den inneren Bereich. Ich zücke mein Flugticket und reiche es dem Herrn, der anscheinend für den Einlass zuständig ist. Er betrachtet es sich ganz genau und übermittelt mir dann die ‚freudige Nachricht‘, dass ich dann mal wohl noch irgendwie längere Zeit, etwas von diesem Eingang und zwar von der Seite, auf der ich mich gerade befinde, haben werde. Man darf erst kurze Zeit vor dem Abflug dort hinein. Na toll! Dieser langweilige Aussenbereich, ein ganzer Karren voller Gepäck, das kann ja mal heiter werden. Ich setze mich still resignierend direkt vor diesen Eingang. Eine kleine, sehr hohe Halle wird von reihenweisen Sesseln geziert, die sich anscheinend, alle unbesessen, auch langweilen. Ich schlafe gleich mal ein, allerdings auch bald wieder auf und wieder ein…; mein Kopf ist ganz schön schwer. Dann sehe ich ein mobiles Highlight, nämlich einen Sicherheitsbeamten mit seinem Schäferhund. Er bleibt ganz in meiner Nähe stehen und unterhält sich mit jemandem. Derweil vertreibt sich der Hund die Zeit mit kratzen - ununterbrochen. Der Arme musste wohl Untermietern Herberge geben. Ich suche ein weiteres, allerdings fest installiertes Highlight dieses Bereiches auf. Man könnte es mit einer Kombination aus Büdchen und einem Imbissstand bezeichnen. Wenn das mal nichts ist! Hier gibt‘s kleine Speisen, etwas zu trinken und Naschereien. Ich gustiere relativ lange, stelle mir intensiv das Geschmackserlebnis der einzelnen ‚Leckereien‘ vor und wähle dann aufgepuffte Chips. Ich bezahle und gehe sehr zufrieden mit der Wahl des erkorenen Produktes zu meinem Platz zurück. Schon ist das Säckchen geöffnet und der ‚köstliche‘ Inhalt verkostet. Nicht einmal so lecker, aber besser als nix. Ich nehm‘s mehr als Zeitvertreiber.
Staunend beobachte ich die Fensterputzer. Sie hangeln sich in schwindelerregender Höhe von einer Fläche zur nächsten, des nah an der riesigen Fensterfront installierten, wie ein Regal wirkenden Designs. Andererseits sieht es so ähnlich wie eine Jalousie eines Hauses eines Riesen aus, eines riesigen Riesen. Früher hatte ich mit der Höhe keine Probleme, mittlerweile schon. Es ist für mich kaum anzuschaun.
Draussen sehe ich ein Schild, auf das ein Mensch gedruckt ist, der gerade ausspuckt. Es ist durchgestrichen;- hier darf man mal nicht hinspucken! Ok!
Viele Stunden des Wartens sind vergangen. Insgesamt werden es 13 (im Wort: DREIZEHN!!!!); 13 Stunden sein! Stumpf und dumpf sind meine Wahrnehmungen. Ich fühle mich eher wie irgendein Urviech aus vorsintflutlicher Zeit, das weder sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, fühlen, denken, ja!- sich noch nicht einmal bewegen kann... - beziehungsweise im Moment auch gar nicht will! Trotz dieses Zustandes raffe ich mich immer wieder auf und gehe eine Runde durch den Flughafen zu all den ‚Nichtsehenswürdigkeiten‘ die hier so geboten werden und die ich bis ins kleinste Detail kenne.
‚...So! - ihr Lieben! Nun hock ich hier am Flughafen in Delhi und es ist sooooooo (mindestens!!!! mit sieben O’s geschrieben!!:) langweilig! Es ist nix los hier... -aber es sind ja nur noch 10 Stunden und 15 Minuten!! Ich werde jetzt gleich die gerade entdeckten Shops bis auf den letzten Artikel durchstöbern; hab ja genug Zeit und kann auch Preise vergleichen!! :) Kann ich sicher bald alles auswendig!...‘
Dann zu späterer Stunde geht es auch einmal wieder in den Aussenbereich des Gebäudes. Erst merke ich nichts, später sehe ich von unten einige Insekten um die Lampen schwirren. Mit dem Rollband geht es langsam höher und höher hinauf, bis ich auf einmal realisiere, dass hier tausende und abertausende Moskitos (ich denke an Jodhpur...) unterwegs sind, auch um mich herum. Flugs verschwinde ich wieder im Inneren des Flughafengebäudes. Dieses ist klimatisiert. So bleiben Moskitos lieber im feuchtwarmen Aussenbereich, schwirren, surren, piken und mehren sich. Das war dann mal mein Abschied von Delhi und Indien…
Der Fleck
Am 4. Januar 2017 schaltet sich mein Bildschirmschoner ein, während ich meine Lese- gegen meine normale Brille austausche. Ich sehe drei Bilder am Bildschirm, dann ist er schwarz, allerdings ist genau in der Mitte ein Fleck. Ich greife flott zum Putztuch und wische und ribbel diesen Fleck weg, bis ich bemerke, dass es der Mond in seiner dunkel-rötlich-bräunlichen Färbung, gemütlich am indischen Himmel hängend ist. Ich hatte ihn in Delhi eingefangen.
Namaste Indien! Danke!
Immer wieder hatte ich von Indienreisenden gehört, es sei in der Zeit dort drüben etwas mit ihnen geschehen und immer dachte ich, dass ich diese Erkenntnis interessant finde. Ich war mir vor Antritt der Reise sehr wohl bewusst, dass dieselbe einen starken Eindruck bei mir hinterlassen würde, aber mit dem, was ich innerlich erleben, wahrnehmen und fühlen durfte, hatte ich nie und nimmer gerechnet. Die Tage vergingen gemächlich und ich spürte Indien in mir erwachen. Ich lernte in dieser kurzen Zeit, eine völlig neue Lebensart kennen. Ich lernte Ruhe und Zufriedenheit mit dem Jetzt. Ich lernte Ruhe und Zufriedenheit mit dem was ist. Alles ist gut. Es war unfassbar. Danke Indien. Danke, ihr lieben Menschen dort drüben, die ihr mir dieses Geschenk gemacht habt;- die ihr mit mir gesprochen habt, mit denen ich einen winzigen Moment des Lebens teilen durfte, von denen ich einen Blick von Aug’ zu Auge bekam und ihnen einen gab, die ich sah und ihre Lebensart in meiner Seele aufnehmen durfte, auch die, die unsichtbar irgendwo im Hintergrund ihr Leben führten und damit auch den Moment durch ihr dasein färbten, da ich dort in ihrer Nähe weilte. Ohne euch alle hätte ich das alles nicht erleben können. Ihr habt meine Seele tief berührt, mein Leben geprägt, verändert. Sehr! Mehr als Ihr ahnt!